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Motorradliebe : Von der Faszination des alten Eisens

  • -Aktualisiert am

Auf die Optik kommt es an Bild:

101 Jahre Harley-Davidson. Im vergangenen Jahr feierte der amerikanische Motorradhersteller aus Milwaukee in Wisconsin sich und den Kult um seine Motorräder ausgiebig und rund um die Welt. Wahrscheinlich ist keine Motorradmarke bekannter als eben Harley.

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          101 Jahre Harley-Davidson. Im vergangenen Jahr feierte der amerikanische Motorradhersteller aus Milwaukee in Wisconsin sich und den Kult um seine Motorräder ausgiebig und rund um die Welt. Wahrscheinlich ist keine Motorradmarke bekannter als eben Harley. Drei Millionen der chromblitzenden Eisenrösser donnern über den Asphalt - auf allen fünf Kontinenten. Auch hierzulande wird das Interesse am Kult immer größer. Im April überschritt der Bestand an zugelassenen Harleys erstmals die 100000. Vom rückläufigen Markt (siehe Meldung auf dieser Seite) ist man nicht ganz so stark betroffen, Harley-Fahrer sind traditionell etwas älter. Und Harley-Piloten sind nicht einfach Motorradfahrer. Mit einer noch so schönen Honda oder einer fetten BMW können oder wollen sie nichts anfangen. Warum dem so ist und warum um die technisch lange Jahre eher rückständige Marke soviel Aufhebens gemacht wird, ist schwer zu klären. Unterschiedliche Aspekte spielen da zusammen.

          Technik

          Diese ist schlicht: Zwei-Zylinder-Viertakt im 45-Grad-Winkel, luftgekühlt. Das Motorenprinzip der Zweiräder aus Übersee hielt allem technischen Fortschritt eisern stand. Bis zum Jahr 2002. Nachdem der schwer zu bedienende Kick- durch einen eleganten Elektrostarter (1965) und beim (Sekundär-)Antrieb die Kette durch Zahnriemen (1980) ersetzt wurden, eröffnete der Enkel des Firmengründers, Willie G. Davidson, die neue Saison 2002 mit der modernen, gar nicht mehr so traditionellen "V-Rod". Deren Motor - ganz in Harley-Manier mit einem Namen versehen - wurde "Revolution" getauft. Und genau die war es auch. Ein erstmals flüssigkeitsgekühlter 60-Grad-V2-Motor mit sequenzieller, elektronischer Krafteinspritzung versetzte die erlauchte Gemeinde in helle Aufregung. Da war die Unterstützung von Porsche beinahe Nebensache. 117 PS bietet die V-Rod und eine Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h. Man kann also richtig schnell sein, was bei den alten Harleys der Motorbaureihen Flathead (1929 bis 1936), Knucklehead (1936 bis 1947), Panhead (1948 bis 1965), Shovelhead (1966 bis 1984), Evolution (1984 bis 2000) und TwinCam (seit 1998) nur äußerst bedingt möglich und auch wenig gewünscht war und ist.

          Mit Stolz und viel Liebe: Ein Harley-Enthusiast

          Markt und Kosten

          "Ein Massenhersteller werden wir sicher nicht, aber das war nie unser Wunsch", sagt Christian Arnezeder. Der Geschäftsführer der deutschen Harley-Davidson GmbH zeigt sich selbstsicher: "Harley-Davidson ist und bleibt in Europa eine ebenso edle wie kleine Marke."

          Der Traum auf zwei Rädern hat seinen Preis. Im Jubeljahr 2003 kostete eine Harley-Davidson zwischen 7600 Euro (Sportster 883) und 24825 Euro (Ultra Classic Electra Glide Injection). Verächtlich wird diese Electra Glide als "Wohnzimmer" von hartgesottenen Bikern beschimpft. Gemütlich gepolsterte Sitzkissen für Fahrer und Sozia, Radio/CD-Anlage, Sitz- oder Griffheizung; der Mega-Koloß mit einem Leergewicht von 345 Kilogramm läßt keine Wünsche offen. Beim Kauf einer neuen Harley-Davidson wird der erste Kundendienst nach 1600 Kilometer fällig. Kosten (je nach Baureihe): 250 Euro. Bis zu den aktuellen Modellen 2004 sollte der Asphalt-Cowboy alle 4000 Kilometer einen Kundendienst durchführen lassen. Dank modifizierter Technik - serienmäßig werden alle mit einer elektronisch geregelten Einspritzanlage ausgeliefert - sind es ab Baujahr 2004 noch alle 8000 Kilometer. 250 oder 400 Euro kostet der kleine beziehungsweise große Kundendienst, der abwechselnd gemacht wird.

          In der Regel sind Harleys recht wertstabil: Die "FLHTC Electra Glide Classic" gibt die quantensprungartige Wertsteigerung einer klassischen Harley-Davidson wieder: 1984 gerade mal rund 8200 Dollar wert, mußte der Zweirad-Enthusiast zehn Jahre später bereits gut 13000 Dollar hinblättern. 2004 wechselt eine (zweifarbige) E-Glide für 25842 amerikanische Dollar ihren Besitzer.

          Kult

          Stellvertretend für 100000 Harley-Fahrer seien Reiner, Georg und Jürgen vorgestellt. Jeder hat sich dem Harley-Kult verschrieben. Reiner aus Köln hat sich ein Custom-Bike bauen lassen. Eine Harley der Modellreihe "Night Train", die nach seinen Wünschen aufgebaut wurde. Für 50000 Euro. Georg aus Bamberg leistete sich vor vier Jahren eine nagelneue "Fat Boy" für 34000 Mark, und Jürgen aus Forchheim erfüllte sich seinen Traum 1991 mit einem Oldtimer, einer Panhead, Baujahr 1948, für damals 24500 Mark.

          Warum Harley? Reiner will auffallen: "Ich fuhr vorher Honda, das hat niemand interessiert", zuckt der Neunundvierzigährige mit den Schultern. Harleys umgebe eben ein gewisser Mythos, philosophiert der Zigarrenraucher.

          Als Top-Kaufargument nennt der 40 Jahre alte Georg die Werterhaltung einer Harley-Davidson. Mit seiner roten Sonnenbrille, dem Dreitagebart und dem Harley-T-Shirt nimmt man es dem Maschinenbautechniker ab, wenn er breit lächelnd von "Lebensfreude" beim Harley-Fahren spricht. Glücklich und zufrieden war der "Schorsch", als er sich eines der Milwaukee-Irons in die Garage stellte. "Die Umstellung von meinen Mopeds aus der Jugendzeit zur Harley war schon groß", lächelt der blonde Zopfträger aus seinem Lausbubengesicht. Jetzt aber ist er "glücklich" und will seine Harley "auf Lebenszeit behalten und pflegen".

          Fitness-Studio-Besitzer Jürgen ist "überzeugter Harley-Fahrer". Mit 49 Jahren fühlt er sich als Alt-Rocker und nennt die "berühmteste Motorradmarke der Welt" den teuersten und größten Schüttler. Kein Wunder: Seine alte Panhead hat einen sogenannten Starrrahmen. Hinterradfederung war 1949 noch ein Fremdwort. Jede kleinste Bodenwelle registrieren die Bandscheiben. Gut, daß der Sportheilpraktiker solche rückengeschädigten Harley-Fahrer wieder geradebiegen kann. Christian Dotterweich

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