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Royal Enfield : Ein Lal für zwei

Intercepter 650 und Continental GT 650 sind technisch identisch. Bild: Hersteller

Am schnellsten wachsender Motorradhersteller der Welt? Royal Enfield. Mit zwei neuen Modellen zeigen die Inder, wohin der Weg führen soll.

          5 Min.

          Siddhartha Lal macht einen recht entspannten Eindruck, als er dieser Tage im Video-Interview darüber spricht, welche Auswirkungen das Corona-Übel auf sein Unternehmen hat. Eigentlich macht Siddhartha Lal, 46, immer einen entspannten Eindruck. Der Mann mit dem vollen schwarzen Haar und dem schwarzen Vollbart ist nicht nur der Boss des indischen Konzerns Eicher Motors, der im Joint Venture mit Volvo Lastwagen und Omnibusse baut. In der Motorradbranche kennt man ihn als Chef-Charismatiker des Motorradherstellers Royal Enfield, der zu Eicher gehört.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Eicher? Enfield? Besonders indisch klingt das nicht. Ist es aber. Der Name des Mutterkonzerns geht auf den nicht mehr existierenden deutschen Traktorenhersteller Eicher zurück. Der hatte 1959 gemeinsam mit dem Importeur Goodearth ein Gemeinschaftsunternehmen zur Fertigung von Eicher-Treckern in Indien gegründet, aus dem sich Eicher Motors entwickelte. Royal Enfield, Motorradhersteller seit 1901, ging zu Beginn der siebziger Jahre unter. Während die Produktion in England damals verebbte, wurde sie bei Enfield India fortgesetzt, und zwar in einer 1956 eröffneten Fertigungsstätte in der Nähe von Madras, dem heutigen Chennai. Enfield India war ursprünglich ins Leben gerufen worden, um in Lizenz das Modell Bullet zu montieren, zunächst fürs indische Militär, bald auch für den zivilen Gebrauch.

          Royal Enfield ging pleite, Enfield India verselbständigte sich, fusionierte schließlich 1994 mit Eicher. So kam es, dass der älteste ununterbrochen produzierende Motorradhersteller der Welt in Indien beheimatet ist. Je nach Sichtweise sind die Enfield-Motorräder in Design und Technik hoffnungslos veraltet oder die letzte Bastion zur Bewahrung der wahren Werte. Für Freunde des rustikalen Maschinenbaus ist Royal Enfield die heilige Kuh.

          Der Windschild über der Lampe ist jeweils Sonderausstattung. Bilderstrecke

          Nach einer Krise hart am Abgrund vor 20 Jahren gab Siddhartha Lal das Ziel aus, im Segment mittelgroßer Maschinen bis 750 Kubikzentimeter Hubraum die Nummer eins zu werden. Tatsächlich ging es bald bergauf. Und wie: Lag der Absatz im Jahr 2005 dem Unternehmen zufolge bei 25 000 Motorrädern im Jahr, waren es 2010 schon 50 000. Im Geschäftsjahr 2018/19 rollten 850 000 Exemplare aus den mittlerweile drei Fabriken.

          Ein Ausstoß von annähernd einer Million Motorräder war, vor Corona, fürs gerade abgelaufene Geschäftsjahr 2019/20 geplant. Ob das Ziel erreicht oder verfehlt wurde, ließen die Inder bisher nicht wissen. So oder so: Von Stückzahlen wie den ihren können europäische Marken nur träumen. Die meisten Enfields verlassen Indien nicht. Rund 95 Prozent der Produktion bleiben auf dem heimatlichen Markt, dem größten der Welt. 1,3 bis 1,5 Millionen Zweiräder, überwiegend Alltagsvehikel bis 200 Kubik, werden dort monatlich zugelassen.

          Nach den Maßstäben hiesiger Schnelllebigkeit ist bei Enfield die Zeit stehen geblieben. Oldtimer-Fahrgefühl und Antiquitäten-Anblick machen den speziellen Reiz, ja Zauber der Fahrzeuge vom Subkontinent aus. Mal abgesehen vom niedrigen Preis. Doch die Inder wollen nicht auf immer mit der Vergangenheit verhaftet bleiben. Aufbruchstimmung herrscht. Auf eindrucksvolle Weise zeigen das die beiden neue Modelle Interceptor 650 und Continental GT 650, Mittelklassemotorräder beide, die dank unkomplizierter Technik und großer Stückzahlen weltweit preiswert angeboten werden sollen. Für die Märkte der Schwellenländer stellen die beiden Neuen Traummotorräder dar, die sich an Aufsteiger aus einer wohlhabender werdenden Mittelschicht richten. In Europa oder Amerika sind junge Menschen die Zielgruppe. Auch Kunden, die sich auf das Einfache zurückbesinnen, die echten Big Bikes mit überschüssiger Leistung und elektronischer Rundumversorgung nichts abgewinnen können oder schlicht ein Zweitmotorrad für den Alltagsgebrauch suchen. „Wir werden zu einem Global Player“, sagt Siddhartha Lal.

          Zur Untermauerung des globalen Anspruchs wurden die englischen Verbindungen wiederbelebt. Als Außenstelle der Entwicklungsabteilung in Chennai wurde in Bruntingthorpe, Leicestershire, das „UK Tech Center“ gegründet, in dem 160 Produktplaner, Designer und Ingenieure aus 16 Ländern arbeiten. Interceptor und Continental entstanden dort. Für westliche Gewohnheiten sind die beiden Neuen von simpler Art. Für Royal Enfield sind sie ungeheuer fortschrittlich: erstes Sechsganggetriebe der Unternehmenshistorie, modernster Enfield-Motor aller Zeiten.

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