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Motorrad-Unfall : Bin ich jetzt tot?

Das Grauen kam in Orange. Bild: Privat, Bearbeitung F.A.Z.

Plötzlich rast ein Auto frontal auf den Motorradfahrer zu. Keine Chance, dem Crash zu entkommen. Wenn der Albtraum Realität wird.

          5 Min.

          Am Unglückstag ging es los, dass ihm ständig von allen Seiten bescheinigt wurde, welches Glück er gehabt habe. Als er auf der Straße lag, in einer Lache aus Kühlflüssigkeit, seitlich auf den rechten Ellbogen gestützt, weil das die Haltung war, in welcher der Schmerz sich am ehesten aushalten ließ, als er bemerkte, wie sein Blut unter dem Helm übers Gesicht lief, auf seinen rechten Ärmel tropfte, sich auf dem Asphalt ein rotes Rinnsal bildete, da hörte er zum ersten Mal jemanden sagen, dass er Glück gehabt habe.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Zu seiner eigenen Überraschung hatte er überlebt. Ein paar Momente lang in einem eigenartig losgelösten Zustand der Benommenheit war er sich nicht sicher gewesen. Ist hier das Jenseits? Dann sah er das Wrack seines Motorrads neben sich liegen, spürte dumpf, dass er atmete, bemerkte, dass die Sonne noch genauso schien wie vor dem Einschlag.

          Wie unter einer Glocke nahm er Stimmen auf Französisch wahr, nah und doch weit entfernt, Leute, die sich um ihn herum scharten, während er auf dem Asphalt lag. Blauer Himmel, Bergwelt, der orangefarbene Sportwagen, in den sein Motorrad eine Schneise fast bis zur Windschutzscheibe gebohrt hatte. Er wunderte sich über all das Blut auf dem Auto, auf seiner Kleidung, auf der Straße, wo es sich mit der Kühlflüssigkeit mischte. Alles seins?

          Reflexartiges Reißen am Bremshebel

          Die Sekunde des Entsetzens vom Auftauchen des aus der Kurve hervorschießenden Sportwagens bis zum Knall hatte sich gedehnt, als hätte jemand vorübergehend das Universum angehalten. Zeit genug, um zu denken, dass gleich alles vorbei sein kann. War es das jetzt? Für immer dunkel? Reflexartiges Reißen am Bremshebel. Krachen. Gegen den Lenker geschleuderter Unterleib. Abflug nach vorn mit dem Kopf voran. Im Augenwinkel das hochgewirbelte Motorrad. Blitzender Schmerz beim Aufprall des Helms in der Windschutzscheibe. Das Poltern des Körpers auf der Fahrzeugfront. Dann lag er vor dem Auto wie eine Crashtest-Puppe, das nachhallende Echo des Einschlags im Kopf.

          In der Nacht zuvor war er aus einem Traum hochgeschreckt, ein Traum wie noch nie. Da war etwas gewesen, das versucht hatte, ihn zu greifen. Immer wieder hatte es sich aus einer dunklen Tiefe heraus nach ihm gestreckt, um ihn in die Finsternis hinabzuziehen. Ein langer Kampf. Hatte er sich mit Mühe befreit, wurde er aufs neue gepackt, bis zum erlösenden Aufwachen um drei in der Frühe. Für eine Viertelstunde schaltete er das Licht an im Zimmer der Herberge, um den Traum loszuwerden in dieser letzten Nacht am Ende einer Tour entlang der Route des Grandes Alpes. Vorahnungen, Übersinnliches? „Zufall“, meinte die Neurologie-Professorin, der er Wochen später von dem Traum erzählte. „Am besten, Sie vergessen es einfach.“

          Ein paar Neunelfer und dergleichen

          Schlussetappe der Tour und Heimreise standen für den folgenden Tag an. Dieser 29. September 2018 war ein Bilderbuchsamstag. Herrliches Herbstwetter, fast sommerlich warm in den Tälern, erfrischend kühl auf den Passstraßen. Reger Ausflugsverkehr. Der orangefarbene Lotus war Teil einer Sportwagengruppe, die den Mont-Blanc umrundete, wie sich später herausstellte. Ein paar Neunelfer und dergleichen, ambitioniert bewegt, hatte er schon bemerkt und entsprechend die Vorsicht erhöht und das Tempo ein Stück weiter reduziert. Gegen den entgegenkommenden Lotus, der die Kurve nicht kriegte und reifenquietschend auf die Gegenfahrbahn geriet, half das nicht. Keine Chance. Zur falschen Zeit am falschen Ort, Pech. Ein Glück war, dass es nicht einen der vielen Rennradfahrer erwischte, die an dem Morgen in den Bergen unterwegs waren. Dann wäre wahrscheinlich der Rettungshubschrauber nicht mehr nötig gewesen.

          Während der halben Stunde, die es dauerte, bis der landete, lag er weiterhin auf den rechten Ellbogen gestützt. Ein Mann bot Wasser an, hielt eine angetrunkene Plastikflasche hin. Eine junge Französin kniete sich vor ihm hin, gab sich als Medizinstudentin zu erkennen, stellte Fragen, die ein Deutsch sprechender Schweizer übersetzte. Gefühl in den Beinen? Lassen die Zehen sich bewegen? Ist Ihnen schlecht? Das Rückgrat schien intakt. Weiterhin tropfte es rot aus dem Helm heraus, während anschwellender Schmerz den Unterleib durchzog. Sieht so aus, als hätten Sie Glück gehabt, sagte die Medizinstudentin.

          Das Gesicht der Notärztin neben sich

          Mit einem Mal Uniformen ringsherum, viele Hände, die ihn in ein straffes Luftpolster packten, auf eine Trage hoben, in einen Rettungswagen bugsierten, der drei, vier Kurven weiter bis zur Landestelle des Helikopters fuhr. In Rückenlage, eingezwängt in das Transportpolster und den viel zu warmen Motorradanzug, die Decke des Helikopters über sich, das Gesicht der Notärztin neben sich, das Triebwerksdröhnen im Ohr, das durchs Fenster blendende, vom Rotor zerhackte Sonnenlicht im Gesicht, versuchte er, sich gegen den Kollaps zu wehren. Da habe er nochmal Glück gehabt, sagten die Notärzte im Unfallkrankenhaus von Annecy, die ihm die Montur vom Leib entfernten, ein OP-Hemdchen überzogen, den Körper verschlauchten, verkabelten, scannten, mit Nadel und Faden zunächst die Stirn reparierten und dann die Nase.

          Zu seinem Glück gab es in der französischen Klinik eine aus dem Osten Deutschlands zugezogene Krankenschwester, so dass er sich verständigen konnte. Sie hielt ihm den Kopf rückwärts übers Waschbecken, wusch die Blutklumpen aus den Haaren und stellte dabei fest: Sie haben wirklich Glück gehabt. Die beiden Gendarmen, die am Unfallort waren, sich zwei Tage später im Krankenhaus einfanden, um eine Aussage zu notieren, bescheinigten ihm, großes Glück gehabt zu haben, und berichteten, der Sportwagenfahrer sei von seinem ursprünglichen Schuldanerkenntnis inzwischen abgerückt.

          Und attestierten enormes Glück

          Daheim initiierten die Ärzte diverse Magnetresonanztomographien, Computertomographien und Röntgenaufnahmen, notierten ein paar abgerissene Muskeln, inspizierten Prellungen und Stauchungen, gewisse Folgen der mentalen Art, erklärten, er sei glimpflich davongekommen, und attestierten enormes Glück.

          In den folgenden Wochen des Humpelns, des Ibuprofens, der Albträume, des Krankgeschriebenseins, des wuchernden Papierkrams begann er sich daran zu gewöhnen, dass ihn Leute anstarrten wegen seiner Narben im Gesicht. Die ahnten ja nicht, welches Glück er gehabt hatte. Mitwartende in Wartezimmern waren der Ansicht, er habe sehr viel Glück gehabt. Freunde bescheinigten ihm, mächtig Schwein gehabt zu haben. Physiotherapeutinnen konnten kaum fassen, welches Glück er gehabt habe. Sein Schutzengel müsse nun einen Burnout haben, meinte eine von ihnen.

          Der Gustav Gans des Verkehrsunfalls

          Während der Krankengymnastik begegnete er Menschen, die gerade lernten, mit dem Rollstuhl umzugehen, mit Handprothesen zu greifen, mit Beinprothesen zu laufen. In solchen Momenten fühlte er sich wie der Gustav Gans des Verkehrsunfalls. Andererseits kam es ihm manchmal so vor, als solle er sich darüber freuen, in einen Hundehaufen getreten zu sein, weil es ja auch hätte passieren können, dass er in eine Jauchegrube fällt.

          Er hatte einen hochwertigen Helm der Marke Shoei getragen und einen umfassend mit Protektoren ausgestatteten Anzug von Rukka. Sein wohl größtes Glück im Unglück war das höchst unwahrscheinliche Zusammentreffen von BMW K 1600 Grand America und Lotus Elise. Das schwere, stabile Tourenmotorrad hatte, wie Unfallforscher von BMW schließlich analysierten, dem flachen Leichtbau-Auto Masse entgegenzusetzen. Die mitsamt Fahrer und Gepäck fast eine halbe Tonne wiegende BMW fräste sich beim Frontalzusammenstoß wie eine Kreissäge in die relativ weiche Verbundfaser-Karosse des nur etwa doppelt so schweren Lotus, ohne von einem Motor aufgehalten zu werden, der bei diesem Sportwagentyp weiter hinten sitzt. Die Forscher fanden das hochinteressant. Eine solche Konstellation sei ihnen noch nie untergekommen.

          Beim Aufprall verformte sich das Vorderrad der BMW, und eine Kaskade des Energieabbaus setzte ein: Der massive Radträger wurde eingedrückt, die Aufnahme am Rahmen brach, das Rad schob sich durch den Kühler Richtung Motor, wo die mittleren Auspuffkrümmer des Sechszylinders plattgedrückt wurden. Die schräg nach oben gerichteten Verkleidungs-Innenseiten wirkten vermutlich wie eine Rampe, die bewirkte, dass der Motorradfahrer über den Lenker hinweg katapultiert wurde, statt mit der Hüfte daran hängen zu bleiben, was wahrscheinlich schlimmere Folgen gehabt hätte. Im Auto zündeten die Airbags und schützten die beiden Insassen.

          Wäre das ein hohes SUV oder dergleichen gewesen und nicht diese flache Knautschzone auf vier Rädern, dann gute Nacht, meinten die BMW-Experten. Im Unfallhospital von Annecy hatte bei der Vorstellung einer der beiden Gendarmen jene Handbewegung auf Halshöhe gemacht, bei der die Fingerspitzen an der Kehle vorbeistreichen.

          Heute, ein Jahr später: Der Autofahrer hat sich nie gemeldet. Die französische Strafjustiz ließ nichts von sich hören. Mit der Versicherung des Unfallverursachers, die ihre Eintrittspflicht bestätigt hat, hält der Rechtsanwalt Kontakt. Therapien dauern an, körperliche und sonstige Folgen spürt der Motorradfahrer weiterhin. Dass er sich damals nicht das Genick gebrochen hat, erscheint ihm jeden Tag aufs Neue wie ein Wunder. Seine Lust aufs Motorradfahren hat gelitten, das Vertrauen in andere Verkehrsteilnehmer gleichermaßen. Damit kann er leben. Glück gehabt.

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