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Fahrbericht Triumph Bonneville : Tradition trifft Illusion

Bild: Hersteller

Ach, könnte man doch die Zeit zurückdrehen, ohne auf das Gute von heute zu verzichten! Geht. Triumph zeigt es mit der Bonneville-Familie.

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          Versetzen wir uns gedanklich in eine Epoche, die 50 Jahre zurückliegt. Die Beatles sangen „Yellow Submarine“, und John Lennon stellte fest: „We are more popular than Jesus now.“ Pilz- und auch Zylinderköpfe aus England waren sehr populär anno ’66. Unter den Motorradherstellern war Triumph einer derjenigen, die den Ton angaben, wenngleich vielleicht nicht ganz so bekannt wie Jesus, John, Paul, George and Ringo.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Wie dem auch sei: Von einem Motorrad mit fast 100 PS, mehr als 200 km/h schnell, konnte man damals nur träumen. Ganz zu schweigen von Zauberdingen wie ABS und Traktionskontrolle, elektronischem Gasgriff, rechnergesteuerter Drosselklappenöffnung. Oder LED-Tagfahrlicht, Tempomat, wählbare Fahrmodi und eine USB-Buchse zum Laden von mitgeführten Smartphones und Navis zur Zielführung. Was man mitführte, war ein wenig Werkzeug, um das Ziel tatsächlich zu erreichen.

          Es gab in den Sixties wirklich hübsche, kernige Motorräder

          Es war halt alles primitiver seinerzeit. Trotzdem, vielleicht auch gerade deswegen, träumt sich manch einer gern zurück in die Sechziger, als die Welt übersichtlich und jedes Problem lösbar schien. Nun ja, der Vietnam-Krieg nahm seinen Lauf, auf dem Mururoa-Atoll wurde mit Atombomben geübt, die Schweiz sträubte sich noch gegen das Frauenwahlrecht. Aber es gab in den Sixties wirklich hübsche, kernige Motorräder. Die Bonneville etwa, benannt nach der Salzebene in Utah, auf der Triumph 1956 mit Geschwindigkeits-Weltrekordfahrten Aufsehen erregt hatte.

          Heute wissen wir: Das Beatles-Quartett ging auseinander und Triumph pleite. Als der Geschäftsmann John Bloor die Marke Anfang der Neunziger wiederbelebte, setzte er zunächst auf moderne Drei- und Vierzylindermaschinen. Ein weiteres Jahrzehnt später kam es zum Comeback der Bonneville: Eine Zweizylinder-Baureihe klassischer Anmutung rief die Erinnerung an die glorreiche Ära britischer Twins wach. Ob die Zeit schon reif war für diese Old-School-Bikes, ist eine andere Frage. Die Retro-Begeisterung begann gerade erst zu keimen. Als sie endlich voll aufblühte, wirkten die Modelle der Bonneville-Reihe zwar immer noch sympathisch, aber nicht mehr ganz frisch: zu zahm, zu lahm, technisch hinterher.

          Es handelt es sich um einen großen Wurf

          Das konnten sie nicht hinnehmen in Hinckley. Vier Jahre nahmen sie sich, um im Stillen eine rundum neue Bonneville-Familie auf die Räder zu stellen, die nun rechtzeitig zur Saison 2016 anrollt. Sie besteht (außer dem neulich vorab präsentierten 900-Kubik-Einstiegsmodell Street Twin) aus vier Typen mit 1,2-Liter-Reihenzweizylinder. Um es vorwegzunehmen: Bei diesem Quartett der Zwölfhunderter handelt es sich um einen großen Wurf. Sie sind so original britisch wie Linksverkehr, die Queen und Orangenmarmelade zusammen.

          Erstaunlich ist die weite Spreizung innerhalb der Baureihe, was Aussehen, Motorcharakter, Sitzhaltung und das gesamte Fahrgefühl betrifft: Die beiden auf die Ur-Bonnie von 1959 zurückweisenden Versionen namens T120 und T120 Black unterscheiden sich grundlegend von den beiden Thruxton-Varianten im Stil sportlicher Cafe Racer der sechziger Jahre. Auffällig unauffällig verbaut Triumph jene Zutaten, die im gerade anbrechenden Euro-4-Zeitalter für den behördlichen Segen notwendig sind: Der relativ kleine Wasserkühler, unterstützt von den mitkühlenden Rippen des Motors, schmiegt sich samt kaum sichtbarer Schläuche für Zu- und Ablauf dezent an die Rahmenunterzüge hinterm Vorderrad. Die Wasserpumpe versteckt sich im Motor, der Auffangbehälter für Kraftstoffdämpfe unterm Tank. Die Benzineinspritzung macht mit Drosselklappenkörpern im Vergaserlook auf yesterday. Ohne sichtbare Abzweigungen von den Auspuffkrümmern zu Katalysator und Vorschalldämpfer unterm Motor bleibt der Anblick der klassisch ununterbrochene Krümmerführung makellos. Das Drehgefühl des Ride-by-wire-Gasgriffs lässt sich von einem konventionellen mit Seilzügen kaum unterscheiden.

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