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Motorrad Kawasaki Z 1000 : Sugomi oder das Mittel zum Zett

Bild: Hersteller

Kawasaki gibt dem Bösen eine Gestalt. Wir konnten uns selbst davon überzeugen: Auf einer ersten Probefahrt mit der Z 1000 der nächsten Generation.

          3 Min.

          Man könnte einen Helm mit Blümchenmuster tragen und versuchen, immer nur freundlich zu lächeln. Man könnte überall höflich winkend Vortritt lassen, beim Anblick einer alten Dame sofort anhalten, absteigen, die Omi über die Straße geleiten und ihr dabei die Tasche tragen. Es wird nichts nützen. Es wird den Eindruck nicht verwischen, diese Maschine sei ein Werk des Teufels und ihr Fahrer ein Bote des Schreckens.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Junge Mütter werden ihre Kleinen hinter eine Häuserecke zerren und sich schützend auf sie werfen, wenn eine Z 1000 vorbeigrummelt. Von Januar an kann das passieren, dann kommt sie für 12.195 Euro (Zweifarblack 200 Euro mehr) auf den Markt. Ihr Aussehen erregt Aufsehen, spaltet die Meinungen, seit sie vor vier Wochen auf dem Mailänder Zweirad-Salon präsentiert wurde. Schickt es sich, ein für den öffentlichen Straßenverkehr bestimmtes Fahrzeug derart aggressiv zu zeichnen?

          Kalt und gewissenslos

          Kawasaki hat dem Bösen eine Gestalt gegeben. Die Z 1000 des Modelljahrs 2014 wirkt kalt und gewissenlos. Als zur Enthüllung in Mailand von zarten weiblichen Geschöpfen das Tuch vom Ausstellungsstück gezogen wurde, war das, als öffnete jemand einen Cellokoffer und entdeckte darin ein Maschinengewehr.

          Nun gibt es Leute, die eine Killervisage haben, aber trotzdem gutmütig sind und lieber Rostropowitsch hören als Akrapovic. Soll heißen: Vom Äußeren automatisch auf den Charakter zu schließen, kann ein Fehler sein. Dafür gibt es auch in der Motorradwelt genug Beispiele. Aber die Z 1000 schießt wirklich den Vogel ab. Schaut man ihr ins Gesicht, sieht man den Anführer eines interstellaren Jagdgeschwaders, entsandt von einem Aggressor aus einem fernen Nebel, wo Maschinen die Köpfe von Reptilien haben.

          Aus der Menge herausragen

          Natürlich steht hinter dem spektakulären Auftritt ein klares Kalkül. Er ist das Mittel zum Zett, Kawasakis Ansatz, aus der Menge herauszuragen. Das hat historischen Hintergrund: Schon lange ist die Z-Baureihe eine Marke innerhalb der Marke und deren wichtigster Imageträger. Die Ahnenreihe reicht zurück bis zur 900 Z1 von 1972, einige respekteinflößende Modelle finden sich dort einschließlich jenem, das als „Frankensteins Tochter“ in die Geschichte einging.

          Heute ist die Z 1000 das Aushängeschild. Die Neue, alles andere als rundgeschliffen und massentauglich, ist ein Rückgriff auf wilde Zeiten und in jeder Hinsicht schärfer als ihre Vorgängerin. Unsicheren Piloten sollte sie nicht in die Hände fallen, Geübte werden sie verehren.

          Ausstrahlung der Einschüchterung

          Kawasaki umschreibt sein Gesamtwerk hochphilosophisch mit dem japanischen Begriff „Sugomi“, der für „eine intensive Aura oder Energie“ stehe, die „von großen Persönlichkeiten oder beeindruckenden Objekten ausgestrahlt wird und alles in ihren Bann zieht“. Es ist eine Ausstrahlung der Einschüchterung.

          Ob man das mag oder nicht - die konsequente Art der Umsetzung, die insgesamt wertige, Detailliebe verratende Anmutung verdienen Respekt, ebenso originelle Einzelheiten wie das an die Vorderseite der Instrumenten-Konsole ausgelagerte Standlicht. Oder der zweigeteilte Drehzahlmesser: Bis 3000/min erfolgt die Anzeige auf dem üblichen LCD-Schirm, oberhalb davon übernimmt eine Reihe greller Leuchtdioden.

          Strahlenkanone als Scheinwerfer

          Der Scheinwerfer macht den Eindruck einer Strahlenkanone, die dem Vordermann ein Loch ins Blech brennt. Die reflektorlosen LED-Leuchten (jeweils zwei für Abblend- und Fernlicht) sitzen in einem kompakten, äußerst niedrig angebrachten Gehäuse, dem eine wuchtige Schulterpartie folgt und schließlich ein filigranes, hochgerecktes Heck.

          Der Fahrer sitzt tief integriert wie in einem Wellental (was für Großgewachsene mit langen Beinen auf Dauer unkomfortabel sein kann), vor sich ein Berg von Tank (17 Liter) und eine breite Lenkstange, die ihm die Ellbogen automatisch abspreizt, und bietet so gemeinsam mit der geduckten, extrem nach vorn gerichteten 220-Kilo-Maschine ein Bild von Angriffslust.

          Motor

          Die Z 1000 liefert ein ungefiltertes, leicht rohes, dynamisches Fahrerlebnis mit einem unter allen Umständen, in jedem Drehzahlbereich ungeheuer wuchtig und drehfreudig anschiebenden Motor. Nicht höchste Höchstleistung nach Art der neuen BMW S 1000 R mit 160 PS und der KTM Super Duke mit 180 PS war nach Angaben der Japaner vorrangiges Entwicklungsziel, sondern Druck in allen Lagen. So ist es gekommen. 142 PS (105 kW) und bis zu 111 Newtonmeter (bei 7300/min), so dargereicht, wie der 1043-Kubikzentimeter-Vierzylinder es tut - das ist viel. Es ist gewaltig.

          Der Reihenvierer schwächelt nie, ist schon in niedrigsten Drehzahlen ein Stier. Ortsverkehr, Tempo 40 im sechsten Gang mit weit weniger als 2000 Umdrehungen: lässig. Ruhiges Landstraßengleiten: Genuss ohne jeden Krawall.

          Geht es zur Sache, heult das Triebwerk dunkel aus dem Ansaugtrakt und fällt durch ein knisterndes Ansprechverhalten auf. Zwar nicht ungehobelt, aber fast übermotiviert wirkt die Gasannahme, sehr direkt und transparent die Verbindung vom Gasgriff zum Hinterrad.

          Getriebe

          Zur Steigerung der Explosivität kürzte Kawasaki die Übersetzung der Gänge eins bis fünf. Die neue Bremsanlage (ABS Standard) mit Monobloc-Bremssätteln, größeren Scheiben vorn (310 mm) und Radialpumpen-Hauptbremszylinder löscht das Feuer auf den Zug mit nur einem Finger und lässt sich fabelhaft dosieren. Straff haben die Ingenieure im Sinne von Sugomi das Fahrwerk getrimmt und sind dabei vielleicht ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Mit Hilfe veränderter Einstellungen an Zug- und Druckstufe der Dämpfer kann man etwas Abhilfe schaffen. Komfortabel wird die Z 1000 dadurch nicht.

          Fazit

          Nein, sie ist kein Blümchenhelm-Motorrad. Aber auch einige der ganz Harten würden sich wahrscheinlich mit einer Traktionskontrolle wohler fühlen. Hat sie leider nicht. Dafür eine Eco-Anzeige - für sparsame Fahrweise. Hahaha!

          Interview mit Chefdesigner Yu Shibuta

          Ein böses Motorrad haben Sie da entworfen, vielleicht das aggressivste aller Zeiten.

          Ja, stimmt.

          Was haben Sie sich dabei gedacht?

          Die Kawasaki Z 1000 von 2003 war damals das extremste Motorrad dieser Kategorie. Daran wollten wir anknüpfen.

          Warum? Was ist die Botschaft?

          Es ist ein sehr starkes, sehr herausforderndes Motorrad. Es sagt: Wenn du meinst, du kannst es, dann versuche es!

          Es soll ein ganz ungewöhnlich aufwendiges Design-Projekt gewesen sein. Woran lag das?

          Es ist die Z 1000 der vierten Generation. Wir haben uns selbst sehr stark unter Druck gesetzt, um ein frisches Konzept zu entwickeln. Wir haben den Gedanken freien Lauf gelassen, Unmengen von Zeichnungen angefertigt, Entwürfe immer wieder verworfen oder verändert und uns zunächst überhaupt keine Gedanken um technische Fragen oder produktionstechnische Dinge gemacht. Normalerweise fertigt man in der Zeit ein Mockup (Modell in Originalgröße) an, in diesem Fall waren es drei. Und dann erst haben wir uns um die technische Umsetzung gekümmert, das war die nächste Herausforderung. Sehr schwierig.

          Kawasaki hat einen Ruf zu verteidigen. Haben Sie gedacht, wenn einer ein solch radikales Motorrad entwirft, dann wir?

          Genau. Das ist Teil unserer Geschichte. Wenn ein Motorrad dieser Kategorie nicht aggressiv genug aussieht, darf es nicht den Namen Kawasaki tragen.

          Eine derart bösartig aussehende Maschine trägt nicht dazu bei, das Image des Motorradfahrens zu verbessern. Keine Bedenken deswegen?

          Wir wollen niemanden verängstigen damit. Es ist keine Rennmaschine. Der Fokus liegt nicht auf Höchstgeschwindigkeit. Ziel der Entwicklung war es, hohen Fahrspaß bei normalen Geschwindigkeiten zu bieten. Die Deutschen sind doch disziplinierte Fahrer - hoffe ich.

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