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Fahrbericht Triumph und Ducati : Rot und Spiele – Circus Maximus

Unter drei Augen: Triumph Rocket 3 R (links) und Ducati Diavel 1260 S. Nur Briten und Italiener können sich so etwas ausdenken. Bild: Böhringer

Pferdestärken pur: Das mächtigste Motorrad unserer Zeit heißt Rakete und ist auch eine. Hält jemand dagegen? Natürlich. Teufel auch!

          5 Min.

          Ein Inselreich, das im Laufe seiner Geschichte einen Brotaufstrich namens Marmite und einen Fußballspieler wie George Best hervorgebracht, das den Humor und den elektrischen Vibrator erfunden hat, solch einem Inselreich ist alles zuzutrauen. Nur mit Genialität und einem gesunden Spleen entwirft man ein Motorrad wie die Triumph Rocket 3 R.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Exzentrischer geht es nicht. 2500 Kubikzentimeter Hubraum, absonderliche Ausmaße, immenser Radstand – Großbritannien zeigt Größe. Ganz im Einklang mit der noch immer gültigen Feststellung: Maradona good, Pelé better, George Best.

          Wir wollten eigentlich nur eine Runde Motorrad fahren, stellten dann aber fest, dass wir etwas Sensationelles entdeckt hatten: ein Mittel gegen die Beklemmung dieser Tage. Die Rocket vertreibt die Furcht vor einer zweiten Welle des perversen Klopapierhamsterns. Sorgen um Zukunft und Zahlungsfähigkeit drängt sie in den Hintergrund, vorübergehend zumindest. Ob der Verzehr von Marmite gegen Viren hilft, wissen wir nicht, dem Geschmack nach durchaus möglich. Die Rocket jedenfalls strahlt durch unerschöpfliche Kraft und unantastbare Würde eine Ruhe und Gelassenheit aus, die sich auf jeden überträgt, der im Sattel sitzt.

          Der größte Motor im Motorrad-Serienbau, ein längs eingebauter Dreizylinder, ist eine Macht. Wenn die Rocket 3 R tief einatmet, hängt ihr ein Kleinwagen quer vor der Nase. Es gibt nichts Vergleichbares auf dem Markt. Mit einer Ausnahme: die Ducati Diavel 1260 S, ebenso extravagant, ebenso extrovertiert wie die Rocket, bloß auf italienische Art. Nur ein Land, das seit den Wagenrennen im Circus Maximus in sportliche Fahrzeuge vernarrt ist, kann ein Motorrad wie diese Ducati hervorbringen. Die repräsentiert das heiße Temperament. Die Triumph ist so cool wie ein James Bond im Tom-Ford-Anzug.

          Kann auch Kurve: Solche Schräglagen liegen mit der Triumph Rocket 3 R noch im grünen Bereich. Bilderstrecke
          Fahrberichte : Triumph und Ducati

          In der Mundart von Bologna, wo Ducati beheimatet ist, wird der Teufel Diavel genannt. Der Begriff Rocket muss nicht näher erläutert werden. Auf der Rennstrecke von Cartagena, einem modernen Circus Maximus, beschleunigten Triumph-Leute eigenen Angaben zufolge in 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h – Weltrekord für ein Serienmotorrad. Wir haben nicht versucht, das nachzumachen. Auch unterließen wir es, die Launch Control der Diavel, die zu Ähnlichem fähig ist, auszuprobieren. Bisschen zu viel Bammel.

          Mit der Hälfte des Rocket-Hubraums liefert der feurige Ducati-Zweizylinder 159 PS bei 9500 Umdrehungen. 129 Newtonmeter Drehmoment stehen an, wenn die Kurbelwelle 7500 Mal in der Minute rotiert. Der bärige Dreizylinder der Triumph schöpft aus seinen drei Riesentöpfen 167 PS bei 6000/min und bis zu 221 (!) Nm. Zwischen 2500 und 5000/min sind laut Datenblatt und laut Gefühl kontinuierlich mehr als 200 Nm am Werk. Schubkraft ohne Ende, lässig aus dem Ärmel geschüttelt.

          Die Ducati schüttelt sich, wenn sie sich unterhalb von 3000 Umdrehungen anstrengen soll. Das entspricht nicht dem Temperament ihres extrem kurzhubig ausgelegten Desmo-Twins, der im Drehzahl-Untergeschoss trotz variabler Ventilsteuerung lustlos und ruppig agiert, eine Eigenart, die schaltfaulen Fahrern den Stadtverkehr verleidet. Das Überschreiten der Marke 3000 hat die Wirkung eines Espressos, in dem der Löffel stracksteht: Das Triebwerk springt auf, packt zu, wird zornig, um schließlich nach oben hin ein Inferno anzurichten. Die Ducati liebt das grelle Spektakel, akustisch hart an der Grenze.

          Man darf sich nicht einlullen lassen

          Der Dicke von Triumph erledigt Alltägliches generell unterhalb von 3000 Touren, und zwar mit überwältigender Souveränität. Wer sich erst mal behutsam herantastet, fasst es kaum, wie sanftmütig der Dreizylinder zu Werke gehen kann, unterliegt deswegen vielleicht der Täuschung, er sei ganz harmlos. Doch man darf sich nicht einlullen lassen. Unter einer dünnen Decke der Friedfertigkeit brodelt es. Wer den Koloss entkorkt, erlebt eine Eruption.

          Die Rocket ohne ein umfangreiches Instrumentarium elektronischer Fahrhilfen auf die Kundschaft loszulassen wäre unverzeihlich. Diavel dito. Modernste Sensorik überwacht das Geschehen, ABS und Traktionskontrolle regulieren schräglagenabhängig. Mehrere Fahrmodi werden zur Verfügung gestellt, Möglichkeiten zur individuellen Feinabstimmung inklusive. Triumph installiert eine Berganfahrhilfe, Ducati eine Wheelie-Kontrolle, damit das Vorderrad nicht unbeabsichtigt gen Himmel steigt, was die Triumph auf natürliche Weise – durch Masse und astronomischen Radstand – unterbindet. Schaltassistenten bieten beide Motorräder; sie funktionieren nahezu perfekt. Die Höchstgeschwindigkeit der Diavel wird mit 252 km/h angegeben, die Triumph regelt bei 222 ab. Das nur der Vollständigkeit halber.

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