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Motorrad : Die britische Wuchtbrumme

  • -Aktualisiert am

Energiepaket: Triumph Rocket III Bild:

Mit der Triumph Rocket III sieht die Motorradwelt ganz anders aus. Die Kraftmaschine hat 2,3 Liter Hubraum und nur drei Zylinder.

          Wo andere Tiernamen bemühen, tief in die Horrorkiste greifen oder einen kämpferischen Charakter phonetisch zeichnen wollen, bleibt Triumph ganz gelassen. Zwar faucht auch im Modellprogramm der Engländer ein "Tiger" mit drei Zylindern, doch für ihr Bike der Superlative wählen sie ganz entspannt den traditionsreichen Namen Rocket. Tourer, Fat Bike, Dampfhammer - kaum eine Modellbezeichnung trifft den wahren Charakter der Rocket III, es ist das hubraumstärkste Serienbike überhaupt, mit 350 Kilogramm Leergewicht auch ein besonders schweres. Für 17990 Euro steht die Rocket III beim Händler, dafür gibt es 103 kW (140 PS) und 200 Newtonmeter Drehmoment.

          Das Motorrad verlangt Respekt. Nicht nur wegen des üppig verteilten Chroms an Motor, Rahmen und Anbauteilen. Überall blitzt und spiegelt es, von den Verzierungen auf dem vorderen Kotflügel bis ans Ende der drei schlanken Auspuffrohre. Die Rocket will auch fein ausbalanciert werden, das hohe Gewicht verzeiht keine Unsicherheiten; fängt sie an zu kippen, gibt es kein Halten mehr. Unterwegs verliert sie ihre Schwerfälligkeit, nach einer kurzen Phase des Anfreundens mit den etwas behäbigen Fahreigenschaften kommt bei der Überlandfahrt Freude auf. Aber zu eng sollten die Kurven nicht sein, sonst wird aus lockerem Cruisen körperliche Arbeit. Die Autobahn wird mit bestem Geradeauslauf bezwungen, aber keineswegs mit hohem Tempo. Der breite Lenker zwingt den Fahrer, die ganze Welt zu umarmen und den Fahrtwind gleich mit. Die ebenfalls satt mit Chrom belegte, nach vorn gesetzte Fußrastenanlage macht bei schneller Fahrt die Stiefelsohlen zu Tragflächen, bei 140 km/h wollen sie abheben, bei Tempo 160 hört der Spaß völlig auf. Trotz schlanker Taille läßt die RocketIII wegen des schicken, aber breiten Tanks keinen vernünftigen Knieschluß zu, und die breite Sitzbank gewährt dem Rücken aufgrund der weit hinten liegenden Abschlußkante keine Unterstützung. Immerhin sitzt der Fahrer besser als sein Sozius. Für den gibt es nur ein knappes Sitzkissen, kaum größer als eine Single-Schallplatte.

          Harmonische Leistung

          Die Bedienung der Armaturen ist einfach, Tacho und Drehzahlmesser mit weißen Skalen sind gut ablesbar. Mit einem kurzen, kräftigen Schütteln springt der mit 2,3 Liter Hubraum gesegnete Motorriese an, krachend rastet der erste Gang ein. Und dann überrascht die Rocket III mit durchaus harmonischer Leistungsabgabe. Anfahren gelingt mit Leerlaufdrehzahl, und von 1000 Umdrehungen in der Minute an spielt der längs eingebaute Dreizylinder mit seinen Muskeln. Wer bei 2000/min schnell am Gasgriff dreht, macht einen gewaltigen Satz nach vorn - in jedem der fünf Gänge. Drei hätten genügt, zumal die größte Übersetzung das Fahren mit 50 km/h in der Stadt zuläßt. 1000mal in der Minute dreht dann die Kurbelwelle, von Vibrationen wie beim Startvorgang ist kaum mehr etwas zu bemerken. Den unglaublichen Vortrieb bremst Triumph in den unteren drei Gängen elektronisch, zu derb wäre die Kraftentfaltung ohne Zügelung des Vierventilmotors. So ungenau und lautstark die Schaltung arbeitet, so gering sind die Einflüsse des Antriebs auf Fahrverhalten und Federung. Die wartungsarme Kardanwelle zum Hinterrad arbeitet unauffällig und brav, allein die mäßige Federung trübt bei kurzen Stößen das Vergnügen am Cruisen. Die Bremsen arbeiten mit beruhigender Wirksamkeit und der Möglichkeit feiner Dosierung.

          Stramme Führung

          Wie hineingepreßt sitzt der mächtige Motor im Rahmen unter dem 25 Liter großen Tank, fast wie ein Schiffsdiesel, geschmückt mit verchromten Schutzhülsen an den Auslaßkrümmern und einem nicht minder blitzenden Kühler. Er arbeitet kultiviert (eine Ausgleichswelle treibt die Vibrationen aus) und geht mit Treibstoff nicht allzu verschwenderisch um. Sechs bis sieben Liter Superbenzin für 100 Kilometer sind sogar überraschend wenig. Und bei der Zuladung muß sich selbst der schwergewichtigste Biker keine Sorgen machen. 235 Kilogramm darf die Rocket III in die Umlaufbahn tragen. Dort kreiselt sie in der Einsamkeit ihres Hubraum-Kosmos, kein Bike bietet mehr, was auch für das Drehmoment gilt. Eine allzu zarte Hand dürfte überfordert sein, die Triumph will stramm geführt werden. Und wenn eines dieser schlanken, bunten und kreischenden Bikes mit heftiger Schräglage in der Kurve an ihr vorbeischnellt, dann soll es eben. Nichts und niemand bringt dieses Monstrum aus der Ruhe.

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