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Fahrbericht BMW R 1200 RS : Faust im Nacken

Bild: F.A.Z., Hersteller

Zwei Seelen wohnen, ach! in ihrer Brust: Mit der R 1200 RS kehrt BMW ins Segment der Sporttourer zurück. Wir fuhren damit 1000 Kilometer an einem Wochenende.

          Faust passt gut zur neuen Münchener Boxerfamilie. Deren mittlerweile wassergekühlter Zweizylinder mit knapp 1,2 Liter Hubraum hat eine enorme Schlagkraft. 125 PS und 125 Newtonmeter stehen auf der Bühne. Fast über den gesamten Drehzahlbereich liegt das Drehmoment über 100 Newtonmeter. Das bedeutet: Du kannst! So wolle nur!

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Angeblich schiebt der Boxer der RS im Vergleich zu anderen Familienmitgliedern (GS, GS Adventure und RT) dank veränderten Ansaugtrakts und neuen Endschalldämpfers in niedrigen Drehzahlen sogar noch ein bisschen kräftiger. Schwer zu beurteilen, ob das tatsächlich so ist, auf jeden Fall wuchtet der Motor das rund 240 Kilo wiegende Fahrzeug gewaltig aus den Ecken heraus, ist für knapp 230 Sachen bereit und macht ordentlich Theater: erwacht beim Anlassen mit einem Brüller, knurrt, röhrt, spektakelt. Akustisch überlässt BMW niemandem mehr freiwillig die Hauptrolle.

          Die RS ist eine Variante des ebenfalls noch jungen Roadsters R 1200 R. Der wesentliche Unterschied liegt in der Halbschalenverkleidung. Allerdings fanden etliche weitere Anpassungen statt, darunter zum Beispiel die der Achsklemm-Faust, welche die Vorderachse der RS im Unterschied zur R einen Tick (15 Millimeter) weiter vorn plaziert und damit den Radstand verlängert. Erforderlich wurde das wegen der schwereren Front und weil zudem der sportlich geduckt statt aufrecht sitzende Fahrer mehr Gewicht aufs Vorderrad bringt. Mit etwas mehr Radstand plus leicht verringertem Nachlauf hat die Entwicklungstruppe ein Handling hingezaubert, das ähnlich famos ist wie das der R.

          Die Rückkehr der Weiß-Blauen ins Segment großvolumiger Sporttourer hat manchen überrascht. Viel spielte sich dort zuletzt nicht mehr ab. Kawasaki hielt mit der Z 1000 SX ziemlich einsam die Stellung. Groß-Enduros der Sorte GS und hochbeinige Sportmaschinen der Multistrada-Klasse, zum Kilometerschrubben wie zum Kurvenräubern geeignet, liefen den Sporttourern den Rang ab. Vom Aussterben der Spezies war schon die Rede. Doch es irrt der Mensch, solang er strebt. Die Bayerische sorgt fulminant für Belebung.

          BMW reklamiert für sich, die Gattung des Tourensportlers erfunden zu haben, und zwar mit der R 100 RS von 1976 mit rahmenfester Vollverkleidung aus dem Windkanal. Das Kürzel RS (für Reise und Sport) verschwand aus dem Programm der Münchener, als 2005 die Produktion der R 1150 RS eingestellt wurde. Letzte BMW mit Zweizylinder-Boxer und Sporttouring-Konzept war die bis 2009 gebaute R 1200 ST - ein Motorrad mit einem Gesicht von ausgesuchter Hässlichkeit. Aus den Augen, aus dem Sinn.

          Kurzes, steiles Heck, bullige Schultern

          Die RS des Jahrgangs 2015 ist schick. Ihr Design kündet vom Dasein zwischen den Welten. Beispiel Scheinwerfer: Symmetrisch sind üblicherweise die der BMW-Tourer, asymmetrisch die der BMW-Sportmotorräder. Die RS schlägt die Brücke mit symmetrischen Scheinwerferkonturen und asymmetrischen Reflektoren. Kurzes, steiles Heck, bullige Schultern lassen den Kofferträger dynamisch erscheinen, „schwebende“ Verkleidungsteile schaffen die Wirkung einer gewissen Leichtigkeit. Mit ihrer extrem selbstbewussten, souveränen Ausstrahlung wird auch diese BMW all jene verrückt machen, die der Marke aus Prinzip eine Abneigung entgegenbringen.

          Das Motorrad strotzt vor Perfektion, zumindest dann, wenn es mit teuren Extras vollgepfropft ist wie das Testfahrzeug. Komfort-Paket (Reifendruckkontrolle, Chromauspuff, Heizgriffe - 400 Euro), Touring-Paket (elektronisches Fahrwerk, erweiterter Bordcomputer, Tempomat, Navi-Halterung, Gepäckbrücke, Kofferhalter, Hauptständer - 1430 Euro), Dynamik-Paket (vier statt zwei Fahrmodi, Tagfahrlicht, weiße LED-Blinker - 590 Euro) sowie Schaltassistent (400 Euro), „Keyless Ride“ für schlüsselloses Starten (255 Euro) und Diebstahlwarnanlage (215 Euro) schrauben den Basispreis von 13 500 Euro in Höhen von etwa 17 000 Euro. Koffer, Innentaschen, Navigationsgerät sind noch gar nicht inbegriffen.

          In diesem Trimm ist die RS ebenso sportiv wie komfortabel, vereint Agilität mit Hochgeschwindigkeits-Stabilität, ergänzt Dynamik durch famose Bremsleistungen, zählt zu den wenigen Maschinen, mit denen selbst lange Autobahn-Etappen ein Vergnügen sein können. Das Einzige, was diesen Bayernexpress aufhält, ist die Notwendigkeit von Pinkel- und Tankpausen, Ersteres individuell ganz unterschiedlich, Letzteres klar kalkulierbar durch einen Verbrauch, der selten über 5 Liter auf 100 Kilometer liegt. Mit der Sitzhöhe von 820 mm (30 mm höher als im Fall der R) kommen Menschen um einsfünfundachtzig gut zurecht, höhere und niedrigere Bänke stehen als Sonderausstattung zur Verfügung.

          Analog-Tacho und Digitalbildschirm

          Leider muss auch bei dieser BMW Gepolter beim Gangwechsel in den unteren Stufen ertragen werden. Als unglücklich empfanden wir die Gestaltung des Cockpits, eine Kombination aus mäßig ablesbarem Analog-Tacho und Digitalbildschirm. Der bietet zwar drei Möglichkeiten der Darstellung, aber keine, bei der sowohl Tempo als auch Drehzahl gemeinsam gut erkennbar sind.

          Der Worte sind genug gewechselt. Die Gretchenfrage lautet: Ist zwischen all den etablierten BMW-Modellen für Reise und Rase, der allmächtigen GS, der opulenten RT, der neuen XR, der sechszylindrigen K 1600 genug Platz für die RS? Schwer zu sagen. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Vorhang.

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