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Motorbootmarke Chris-Craft : Nur echt mit V8

  • -Aktualisiert am

Chris-Craft heute: Corsair 22, Powerboat von zeitloser Eleganz Bild: Werft

Chris-Craft ist die amerikanische Motorbootmarke überhaupt. Henry Ford hatte eine, ebenso wie Verleger Randolph Hearst oder Elvis Presley. Sie spiegelt das jeweils vorherrschende Lebensgefühl.

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          Die neuen Chris-Craft kann man wieder mögen. Die Corsair mehr als den Bowrider-Typ mit seinem komischen offenen Vordeck und dem ebenso komischen Namen Launch. Von den Catalinas einmal ganz zu schweigen, so viele riesige Fische gibt es in Europa nicht, als dass man so ein Angelboot brauchte. Für die letzten verschreckten Butte und Dorsche in der Ostsee tut es auch ein Schlauchboot.

          Aber Chris-Craft hat unter Motorboot-Enthusiasten noch immer einen Namen wie Donnerhall: Fährt man heute mit einer Corsair an den Steg, bleiben die Kenner stehen. Zwar ist sie retro wie ein Beatle, sind alle Charakterkanten weggeschliffen wie verbindliche Formulierungen aus einer Politikerrede, und der Rumpf ist aus demselben Material wie Schaltschränke und Wasserrohre, aber der Name, der Schriftzug ... eine Chris-Craft eben.

          Mahagoni statt Blech: Aufnahme vergangener Zeiten
          Mahagoni statt Blech: Aufnahme vergangener Zeiten : Bild: Firmenarchiv

          Ohnehin sind Charakterkanten momentan nicht gefragt, weder an Autos noch an Booten. Jeder versucht irgendwie durchzukommen. Da gefällt man am besten möglichst vielen und bietet keine Kritikpunkte. Aber die Jungs bei Chris-Craft bleiben sich treu wie Albatrosse ihrem Partner. Für sie müssen Motorboote immer noch ein wenig aussehen wie ein Straßenkreuzer aus dem Detroit der Sechziger – und einen V8 haben. Die Maschinenlegende, vor der (und ihrem Klang) Motorenthusiasten niederknien, acht Zylinder und viel Hubraum auf zwei V-förmig stehende Zylinderbänke verteilt. So was bekommen selbst die kleinsten Chris-Crafts ins Heck gepflanzt (natürlich nicht die Catalinas, die haben Außenborder). Die Lancer 20, sozusagen die kleinste Corsair, kann zum Beispiel mit einem Fünfliter-V8 von Mercury 260 PS auf die Welle stemmen, das ist schon mal was. Klar, dass das keiner braucht, aber das ist ja mit den meisten Sachen so, die Spaß machen.

          Chris-Craft hat eine lange Tradition. Als Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Motoren zuverlässig tuckern, baut Christopher (Chris) Smith schon die ersten Boote. Der Erste Weltkrieg ist noch nicht im Gange, die „Titanic“ hält auf einen Eisberg zu, da zimmert Chris Smith bereits Holzboote in Serie. Etwa zur selben Zeit entwirft in Europa eine gewisse Familie Riva Rennboote, auf der Straße kurven Fords T-Modelle mit halsbrecherischen 60 km/h herum. Boote aus Chris’ erster Firma rasen mit Tempo 80 über die Seen. Bootsrennen zu fahren ist angesagt. Und gefährlich. Das Rekordboot „Miss Detroit I“ beispielsweise – mit der zu dieser Zeit noch typischen Steuerung hinter der Maschine – sieht nicht so aus, als gäbe es seinen Steuermann, den Industriellen Garfield Wood, jemals wieder lebend her. Tut es aber, Wood, mittlerweile Teilhaber der Werft, legt die Latte 1916 auf mehr als 70 Meilen. Chris Smiths Boote sind hip.

          Marke mit Strahlkraft: Am Messestand von Chris-Craft im Jahr 1941
          Marke mit Strahlkraft: Am Messestand von Chris-Craft im Jahr 1941 : Bild: Werft

          In den Goldenen Zwanzigern ist die Zeit der Motorbootrennen vorbei, Herrschaften mit Kapitänsmütze oder Strohhut nehmen in den Runabouts Platz. Motorbootfahren wird gesellschaftsfähig. Smiths Boote haben zur Sicherheit doppelt geplankte Böden, Schwiegermuttersitze am Bootsende, sie prägen das Schönheitsideal eines Bootstyps, das sich bis heute gehalten hat: auf Hochglanz lackiertes Mahagoni (als Dekor oder auf Wunsch massiv), grollender Motor in der Mitte und reichlich Chrom. In der Autowelt ist der Begriff Muscle Car noch nicht erfunden, aber Chris Smith baut bereits übriggebliebene Flugzeugmotoren aus dem Ersten Weltkrieg in seine Mahagoniboote. 8,2 Liter Hubraum hat die „Godfather VI“ von 1922, heute ein Museumsstück. 90 PS aktiviert das Biest damals, während Al Capone in seinem Cadillac noch mit 60 PS durch Chicago rumpelt.

          Für den Massenmarkt entwirft Smith 1921 einen standardisierten 26 Fuß (rund acht Meter) langen Express Cruiser mit einem 100-PS-Vierzylinder als Antrieb. Mit elektrischem Starter und elektrischer Zündung ist das Boot für knapp 4000 Dollar zu haben. 1924 produziert Chris Smith Craft, wie die Werft noch heißt, schon vier Boote in der Woche, Hollywood kommt an Bord, bald zählen Schauspieler und Schauspielerinnen zu den Kunden. Ende der zwanziger Jahre ist Chris-Craft, wie die Werft nun offiziell heißt, größter Anbieter von Mahagonibooten, lange bevor man bei Riva in Italien über den Serienbootsbau nachdenkt. Eine Chris-Craft ist ein Symbol für den American Way of Life: Alles geht, zur Not mit einem Kredit. In den Dreißigern entsteht das Barrel Back, dieses eingezogene, stromlinienförmig anmutende Heck, das immer noch begeistert und kopiert wird. Die Außenwände laufen in einer fast sinnlichen Form nach oben ins schmaler werdende Heck – eins der Designmerkmale von Runabouts, für das man dem Unternehmen heute noch dankbar sein muss.

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