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Moto Guzzi Stelvio : Noch ein David gegen Goliath

Hat den Bogen raus: Moto Guzzi Stelvio Bild: Wille

Die Moto Guzzi Stelvio hat jetzt einen überarbeiteten Motor, und es gibt jetzt auch ABS. Doch eine schier unlösbare Aufgabe muss die Stelvio 1200 bestehen: Sie tritt gegen die Unberührbare an, die R 1200 GS von BMW. Ein Fahrtbericht.

          3 Min.

          Über Moto Guzzi muss man sich wundern. Es gibt wenige Hersteller mit einer solchen Vergangenheit und einem derart kultigen Namen. Der Adler mit den weit gespreizten Schwingen ist eines der stolzesten Markenzeichen weit und breit. Und was machen sie daraus in Mandello del Lario? Hm.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Wenig, wenn man bedenkt, wie geschickt Triumph oder Harley-Davidson die eigene Geschichte beackern. Als schüchterner Versuch, aus der Historie Kapital zu schlagen, kann die noch relativ junge V7 Classic mit Oldtimeranmutung gewertet werden. Ansonsten kämpft der kleine Hersteller mit modernen Tourern, Roadstern, Cruisern an Fronten, an denen schon die Großen der Branche heftig zugange sind, und muss aufpassen, im Getümmel nicht zertrampelt zu werden.

          Sie tritt gegen die Unberührbare an

          Eine schier unlösbare Aufgabe hat Mandello der Stelvio 1200 mitgegeben. Sie tritt gegen die Unberührbare an, die R 1200 GS von BMW. Das ist die unumstößliche Nummer eins unter den großen Reiseenduros. Ein Rudel von Rivalinnen - KTM Adventure, Triumph Tiger, Honda Varadero, Benelli Trek, Moto Morini Granpasso - versucht schon nach Marktanteilen zu schnappen, ohne jeweils die Vielseitigkeit des ausgereiften Multifunktionswerkzeugs aus Bayern zu erreichen. Aber nicht jeder, der eine Reiseenduro sucht, möchte eine BMW haben, und der Markt scheint so groß, dass auch für andere etwas übrigbleibt. Insofern ist die Idee mit der Stelvio vielleicht gar nicht so schlecht.

          Mittlerweile wird für die voriges Jahr eingeführte Maschine auch ein ABS angeboten, was die Aufgabe ein wenig einfacher macht - aber nur ein wenig. Wer auf das Antiblockiersystem verzichten will, kann vom Preis (13.990 Euro) 1000 Euro abziehen. So oder so gilt: Ein neuer Herausforderer sollte eigentlich einiges besser können als die etablierte Kraft. Danach kann man allerdings auch im Fall der Moto Guzzi lange suchen. Also Daumen runter? Nein.

          Sie stellt sich dem Kampf tapfer

          Die Stelvio hat keine Steinschleuder, kann den Goliath nicht schlagen, aber sie stellt sich dem Kampf tapfer, ist ein fein funktionierendes Motorrad mit starkem Charakter. Der ergibt sich nicht zuletzt aus dem für die Marke so typischen luftgekühlten 90-Grad-V-Motor, dessen mächtige Zylinder quer zur Fahrtrichtung stehen, ganz wie es die Tradition verlangt. Das Triebwerk allein ist schon das Eintrittsgeld wert. Wie es im Standgas die Lenkerenden zittern lässt, wie es urtümlich poltert und die Stimme des Lanz Bulldog imitiert, wie es auf einen kurzen Gasstoß die ganze Maschine nach rechts nicken lässt - unnachahmlich. Der stampfende Vierventiler hat eine Herkunft, und er verleugnet sie nicht. Die Moto Guzzi gehört zu den Tunnelmotorrädern, mit denen man gern durch die Röhre fährt, um den Klang zu genießen.

          Bei Erscheinen der Stelvio hatten die Entwickler Schelte einstecken müssen wegen der Motorcharakteristik: Ausgerechnet in der Drehzahlmitte bei etwa 4000/min machte die Guzzi schlapp. Der Drehmomenteinbruch ist neuerdings beseitigt. Der nominell 77 kW (105 PS) leistende Zweizylinder (Drehmomentmaximum inzwischen 113 Nm bei 5800/min) ist ein durchweg souveräner, druckvoller Antreiber, der sich keine Phasen des Schwächelns erlaubt. Er massiert die Besatzung angenehm, vibriert bei Geschwindigkeiten um 120 km/h vielleicht etwas mehr, als er sollte. Geschenkt. Hier und da fallen Gasannahme und Lastwechsel ein wenig kerniger aus, als man sich das wünschte, doch ist das nichts Gravierendes. Eher Gewöhnungssache.

          Einsatzschwerpunkt ist die Straße

          Mit mehr als 250 Kilo vollgetankt ist das Motorrad kein Geländewiesel. Auch das recht stramm abgestimmte Fahrwerk mit einstellbaren Federelementen, die Radgrößen (vorn 19, hinten 17 Zoll), die Bereifung (hinten ein 180-mm-Pneu) deuten darauf hin: Einsatzschwerpunkt ist die Straße. Hier macht die schön ausbalancierte Stelvio immensen Spaß, sofern man bereit ist, sich überhaupt mit so einem einschüchternd hohen Ross einzulassen. Die Sitzposition ist, jedenfalls bei einer Körpergröße von gut einsachtzig, extrem gelungen - entspannt, übersichtlich und doch aktiv -, der Sattel für Fahrer und Beifahrer hochkomfortabel, die Sicht in die Rückspiegel und die Ablesbarkeit der Instrumente tadellos.

          Es gibt vieles, was schätzen lernt an der Guzzi, den unkomplizierten Kardanantrieb, ein per Knopfdruck zu öffnendes Fach an der Tankoberseite, ein weiteres unter dem Rücksitz, die in der Griffweite veränderbaren Brems- und Kupplungshebel, die Tatsache, dass sich Fahrersitz und Windschutzscheibe ohne Werkzeugeinsatz in der Höhe verstellen lassen. Letzteres elektrisch - das wäre noch wünschenswert für ein Langstreckenmotorrad, das die Stelvio ja sein soll, wegen des nicht üppigen Tankvolumens von 18 Liter aber nur eingeschränkt ist. Unser Exemplar zeigte sich dem Superkraftstoff mit einem Durchschnittsverbrauch von 6,6 Liter auf 100 Kilometer zudem nicht abgeneigt. Das Sechsganggetriebe funktionierte sehr gut, das Bremssystem überragend. Nein, auf verlorenem Posten kämpft die Stelvio nicht.

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