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Steuerung via Cloud : So schaltet man Ampeln mit dem Smartphone

  • -Aktualisiert am

Freie Fahrt voraus: Die meisten Lichtsignalanlagen sollten sich dem Verkehrsgeschehen anpassen Bild: Peter Thomas

Die grüne Welle entsteht im Netz: Moderne Verkehrsampeln sind komplexe Systeme, die von eigenen Rechnern gesteuert werden. Über Cloud-Lösungen können Betreiber per Smartphone zugreifen.

          5 Min.

          „Blöde Ampel!“ So hat wohl jeder Verkehrsteilnehmer wenigstens innerlich schon geflucht, wenn das rote Licht mal wieder zum Halt an einer völlig fahrzeugfreien Kreuzung zwingt. Dabei sind die meisten Lichtsignalanlagen (zu denen gehört der einzelne, umgangssprachlich Ampel genannte Signalgeber) vergleichsweise klug und können sich dem Verkehrsgeschehen anpassen.

          Je komplexer die Technik, desto höher sind aber auch die Anforderungen an die Möglichkeiten der Wartung. Seit diesem Jahr bietet Siemens deshalb Steuergeräte für Ampelanlagen an, die sich über eine private Cloud im Internet von ihren Betreibern erreichen lassen. Dazu braucht es keine spezielle Technik, sondern lediglich ein Endgerät wie Smartphone, Tablet und Laptop mit einem passenden Browser: Fernwartung durch die Verkehrsbehörde per Fingerklick. Wer schon einmal den typischen, etwas ältlichen Verkehrsrechner einer deutschen Kleinstadt im Keller von Polizeiwache oder Rathaus gesehen hat, kann die Reichweite dieser Innovation erahnen.

          Statt Leitstand: Ampelsteuerung auf dem Tablet
          Statt Leitstand: Ampelsteuerung auf dem Tablet : Bild: Thomas

          Dabei ist die Ansteuerung von Lichtsignalanlagen über das Datennetz bei Siemens nicht völlig neu. In dem 2007 gegründeten Service Support Center RCM von Siemens in München-Perlach beispielsweise können Fachleute schon seit Jahren auf die Signaltechnik ihrer Kunden in aller Welt zugreifen. Auf den großen Monitoren sehen die Ampelmänner dann beispielsweise, ob im Straßenverkehr von Abu Dhabi die Verkehrsregelung reibungslos funktioniert - und zwar in Echtzeit. Denn wenn mehrere tausend Kilometer entfernt im Wüstenemirat eine Ampel von Rot auf Grün springt, dann wechselt auch die Grafik auf dem Display in der Bayernhauptstadt. Dargestellt wird das jeweilige System als digitaler Stadtplan, der den gesamten Betriebszustand abbildet.

          65.000 Einsätze an 40.000 Ampeln pro Jahr

          Diese Lösung, bei der sich die Siemens-Fachleute über eine sichere Remote-Service-Plattform auf die jeweiligen Verkehrsrechner aufschalten, gibt es für mehr als 250 Kommunen weltweit - von Abu Dhabi bis Würzburg. Sie wird vor allem zur unterstützenden Fernwartung genutzt, dem sogenannten „Second Level Support“ durch Fachleute. Die technische Betreuung der Ampeln am Standort erledigt hingegen der „First Level Support“ - für gewöhnlich in Form eines Mitarbeiters mit Lieferwagen, Klappleiter und Werkzeugkoffer. Bei Siemens absolvieren diese Techniker allein in Deutschland jährlich rund 65.000 Einsätze an etwa 40.000 Ampeln im Land, die das Logo des Münchener Herstellers tragen.

          Das Team des Service Support Center RCM schaltet sich erst ein, wenn diese Kollegen am Ort ein Problem nicht beheben können. Dabei geht es meistens nicht um die einzelne Ampel selbst, sondern um die zentralen Verkehrsrechner. Etwa vier Fünftel aller Störungen können die Fernwartungsexperten aus München beheben, indem sie sich auf den jeweiligen Rechner aufschalten. Jährlich kommt das Service Center auf rund 3000 dieser Einsätze.

          Mit der neuen Cloud-Lösung dagegen kann nun der Endkunde selbst auf seine Ampeln zugreifen und beispielsweise Störungen beheben - von einem beliebigen Ort aus und ohne die Anlage dazu ausschalten zu müssen. Dass Siemens eine private Cloud als Schnittstelle zwischen Kunde und Ampel etabliert hat, dient auch der Sicherheit. Erst in diesem Sommer haben Forscher in den Vereinigten Staaten von Amerika gezeigt, wie leicht sich Ampelanlagen hacken lassen, wenn sie ihre Daten untereinander direkt über ein schlecht geschütztes Netzwerk austauschen.

          Früher wurde angezeigt, wer fahren darf

          Von solchen Möglichkeiten der Ampel-Kriminalität haben die Betreiber der ersten Verkehrsampeln - und mit ihnen die von der neuen Technik betroffenen Verkehrsteilnehmer - nicht einmal zu träumen gewagt. Schließlich ist die Idee einer Lichtsignalanlage für den Straßenverkehr schon rund 150 Jahre alt. So ist aus den 1860er Jahren aus London der Versuch überliefert, das Gewühl des (seinerzeit noch gar nicht motorisierten) Stadtverkehrs durch die Technik gasbefeuerter Signale zu ordnen.

          Neben der Eisenbahn mit ihrer Unterstützung von Formsignalen durch farbige Lichter bei Dunkelheit waren auch die Gesten der weiß behandschuhten Verkehrspolizisten eine wichtige Inspiration für die Entwicklung früher Ampeln. Die ersten Gehversuche mit Gaslicht wurden bald durch elektrisch beleuchtete Anlagen abgelöst. Als früheste Vertreter dieser Technik gelten elektrische Ampeln aus Utah (Salt Lake City, 1912) und Ohio (Cleveland, 1914), die Ordnung in den rapide wachsenden Straßenverkehr amerikanischer Großstädte bringen sollten.

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