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Caravan-Messe : Wenn das Zuhause auf der Reise immer dabei ist

Ein großes Einfamilienhaus: Dieser MAN Landsberg kommt auf 587.000 Euro Bild: Boris Schmidt

Die „Caravan, Motor, Touristik“ in Stuttgart ist die Leistungsschau für jene, die am liebsten immer unterwegs sind. Mittlerweile zählt der durchschnittliche Wohnmobilfahrer 61 Jahre, doppelt so alt wie in den siebziger Jahren.

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          Die größte Touristikmesse der Welt? Dass diese jeden Januar in Stuttgart stattfindet, muss man auch erst mal wissen. Wenn die CMT, die Caravan, Motor, Touristik, heute Abend ihre Pforten schließt, werden wieder mehr als 200.000 Besucher auf das moderne Messegelände am Flughafen geströmt sein.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Das Gros der Menschen kommt gewiss nicht wegen der vielen Länder und Regionen, die sich präsentieren und oft auch hübsche Folkloregruppen mitgebracht haben, sondern sie pilgern direkt in die Hallen 1, 3, und 5. Dort steht dicht an dicht, was das Herz des wohnmobilen Urlaubers höher schlagen lässt: Reisemobile und Wohnwagen in allen Größen und Preisklassen. Bei 10.000 Euro für einen neuen kleinen Wohnwagen fängt die Preisspanne an, nach oben gibt es im Prinzip keine Grenze, das durchschnittliche Reisemobil kostete 2014 nach Angaben des deutschen Caravaning Industrie Verbandes (CIVD) knapp 67.000 Euro.

          Damit ist das erste Vorurteil schon entkräftet: Wohnmobilisten wollen nicht etwa Hotelkosten sparen, sondern sie schätzen vielmehr die besondere Form des Reisens, die weitaus größere Unabhängigkeit und das Gefühl, ihr geliebtes Zuhause immer bei sich zu haben. Ein Wohnwagen ist deutlich preisgünstiger (durchschnittlicher Neupreis 19.000 Euro nach CIVD) und in aller Regel auch der Start ins Leben als Caravaner. Vor allem Kinder lieben das rollende eigene Haus, das hinter dem Auto hängt, und am Urlaubsort bleibt der Wohnwagen stehen, und das Auto dient für Ausflüge, wenn die Familie nicht das ungezwungene Leben auf dem Campingplatz genießt.

          In dieser Hinsicht sind Wohnmobile etwas im Nachteil, aber Fahrräder auf dem Heckträger oder gar ein kleiner Motorroller für den großen „Kofferraum“, den viele Fahrzeuge im Heck haben, machen vor Ort beweglich. Und die Riesen unter den fahrenden Häusern haben sogar Platz für ein kleines Auto im Heck. Wie der abgebildete Landsberg auf MAN-Chassis, der mehr als elf Meter lang ist und neben einem VW Up eine Waschmaschine und eine Orgel an Bord hat. Solche Riesen sind Einzelstücke, die auf Kundenwunsch gebaut werden, und für Fahrzeuge mit mehr als 7,5 Tonnen Gesamtgewicht ist der große Lastwagenführerschein nötig.

          25.000 Wohnmobile werden in Deutschland jährlich verkauft

          Dennoch, viel hilft viel, das stellt man auf einem Rundgang durch die Hallen mit etlichen genaueren Besichtigungen fest. Der Landsberg oder die dicken Schiffe von Concorde, Phönix oder Niesmann&Bischoff sind tatsächlich kleine Wohnungen: Man tritt an der rechten Seite ein, steht in der Küche, rechts in Fahrtrichtung ist die Sitzgruppe mit Esstisch, ganz hinten im Heck ist das Schlafzimmer mit großem Doppelbett und dazwischen ein wirklich komfortables Bad mit Dusche und separater Toilette.

          Ein kleines Einfamilienhaus: Dieses Concorde-Wohnmobil kostet 333.000 Euro

          Doch selbst in Mittelklasse-Wohnmobilen muss nur auf wenig verzichtet werden. Hier spielt die Musik für die deutsche Caravaning-Branche, die im vergangenen Jahr immerhin 6,6 Milliarden Euro umgesetzt und ein Plus von 10,3 Prozent gegenüber 2013 erzielt hat. Rund 25.000 neue Wohnmobile werden in Deutschland Jahr für Jahr verkauft, dazu kommen rund 17.000 Wohnwagen. 2007 hatten die Wohnmobile die Caravans im Absatz in Deutschland erstmals übertrumpft, 2012 passierte das auch auf dem gesamteuropäischen Markt. Im Bestand sind die Anhänger aber noch weit führend. Der CIVD schätzt deren Anzahl in Deutschland auf 880.000 gegenüber 440.000 Wohnmobilen (Europa 3,8 zu 1,5 Millionen).

          So oder so, das Caravaning findet immer mehr Freunde. Ein brandneues Wohnmobil von heute ist ein modernes Fahrzeug, das selbst im Angebot der Assistenzsysteme nicht mehr viel hinter einem Personenwagen zurücksteht. Fürs Halten der Spur, das Lesen der Verkehrsschilder, das Warnen vor einer Kollision oder das Erkennen von Fahrzeugen im toten Winkel gibt es Helfer, und auch Seitenwind-Assistenten gibt es inzwischen. Und der Wohnkomfort ist groß. In fast allen Wohnmobilen gibt es inzwischen feste Betten mit Lattenrost und Matratzen, es muss abends nichts umgebaut werden.

          Für Automobilhersteller ist der Markt zu kleinteilig

          Das war vor Jahren noch anders, und trotz mehr Komfort werden die Wohnmobile kleiner und leichter. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sich kompaktere Einheiten besser durch enge italienische Städtchen lenken lassen, sondern ist der 1999 geänderten Führerscheinregelung geschuldet, nach der ein Autoführerschein nur für Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht gilt. Nur wer älter als 35 Jahre ist, darf somit bis 7,5 Tonnen fahren. Langfristig wird dies zu einem fast völligen Verschwinden der Klasse über 3,5 Tonnen führen. Der durchschnittliche Reisemobilist ist immerhin 61 Jahre alt, und immer mehr Kunden kaufen mit 50, 60 oder noch später zum ersten Mal ein Wohnmobil. In den siebziger Jahren war ein Caravaner dagegen noch Mitte 30.

          Bedient wird die Kundschaft von der regen deutschen mittelständischen Industrie (Bürstner, Dethleffs, Hobby, Knaus Tabbert, Hymer und Co), die in Europa mehr als die Hälfte des Marktes für sich beansprucht. 140.000 Einheiten sollen 2015 verkauft werden, nach 137.700 im vergangenen Jahr. Sie setzen auf ein Fahrgestell ihren Aufbau, bei den Wohnmobilen ist es in zwei von drei Fällen ein Fiat Ducato. Etwas preisgünstiger sind die Kastenwagen, bei denen der Innenraum ausgebaut und nicht eine eigene Außenhaut geschaffen wird. Fast alle Wohnmobile haben einen Dieselmotor, Benziner gibt es kaum.

          Den großen Automobilherstellern ist der Markt zu kleinteilig. Bei Mercedes-Benz kann die V-Klasse als „Marco Polo“ bestellt werden. Den Innenausbau (und das Hubdach) besorgt dann aber Westfalia. VW baut seinen T5 selbst zum „California“ aus. In dieser Kategorie gibt es eine kleine Wohnausstattung, zum Schlafen müssen aber erst die Betten gebaut werden.

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