https://www.faz.net/-gy9-8sts0

Miniautos mit Batteriebetrieb : Chinas elektrische Knutschkugeln

Meist einen guten Meter lang und etwa einen Meter hoch. Bild: Echo Wang

Spottbillige Miniautos mit Batterieantrieb sind der Renner bei Chinas Rentnern. Die Regierung hat die Existenz der Fahrzeuge einfach ignoriert – bis jetzt.

          Was ist das? Eine Kugel mit Rädern „made in China“ steht vor uns an diesem verregneten Schanghaier Nachmittag. Es ist das Modell „M4“ der Marke Shi Jixing, was „Stern des Jahrhunderts“ bedeutet. Einen guten Meter ist sie lang und etwa einen Meter hoch. Ein Sitz vorn, einer hinten. Gesamtgewicht: 260 Kilogramm inklusive zwei Batteriepaketen mit einer Spannung von 48 Volt. Der Preis liegt bei 15 800 Yuan, umgerechnet rund 2100 Euro.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          „Autohaus Xizhen“ steht über der Rumpelkammer im Schanghaier Stadtbezirk Huangpu, deren Tür einen Blick auf das perfekte Chaos gibt. Kreuz und quer stapelt sich das Werkzeug neben Kabeln und Akkus. Vor sechs Jahren begann ein Herr namens Zheng aus diesem Loch heraus batteriegetriebene Autos im Miniaturformat zu verkaufen: Leichtelektromobile oder „Low Speed Electric Vehicles“ nennt die Fachwelt diese tollkühnen Kisten, die zu Chinas Straßenbild gehören wie die Holzkohlegrills und der Lavida, das im Reich der Mitte meistverkaufte Auto von Marktführer Volkswagen.

          Eine halbe Million Mal wurde der Lavida im vergangenen Jahr in China ausgeliefert, was eine Steigerung von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist. Im Vergleich zu den Wachstumsraten der kleinen Elektroflitzer beeindruckt das aber kaum: Gerade einmal rund 20 000 Exemplare jährlich wurden vor acht Jahren im Land verkauft. 2020, schätzen Beobachter, werden es zwei Millionen sein.

          Leichtelektromobile oder „Low Speed Electric Vehicles“ nennt die Fachwelt diese tollkühnen Kisten. Bilderstrecke

          Wir nehmen in einem „Stern“ Platz, viele der Leichtmobile ähneln ihm: Ein Bildschirm zeigt die Geschwindigkeit an, die bei manchen Modellen bis zu 70 Kilometern in der Stunde reicht. Unter dem Dachhimmel ist ein kleiner Ventilator montiert, den es in Deutschland für drei Euro im Supermarkt gibt. Der Lenker erinnert an Kinderroller. Im Fußraum ein einziges Pedal: drauftreten und los.

          Zheng hat auf dem Rücksitz Platz genommen. Rasch kommt der Stern in Fahrt. Links neben dem Fahrersitz ist eine Handbremse montiert, doch die ist gar nicht nötig. Drückt der Fuß nicht mehr aufs Gas, kommt das Fahrzeug fast sofort zum Stehen.

          Wer kauft so etwas? Zheng erzählt die Geschichte seines Geschäfts. Einst hat er Motorroller mit Elektroantrieb angeboten, von denen in China eine Viertelmilliarde auf den Straßen unterwegs ist. Die Rentner, die zu ihm in den Laden kamen, wollten aber anderes. Ein Fahrzeug auf vier Rädern mit zwei Sitzen, mit dem sie ihren Enkel von der Schule abholen konnten, dessen Nachmittagsbetreuung in China die Pflicht der Großeltern ist.

          Unser Stern wurde in Shandong an der Ostküste fabriziert

          In seinem Laden in Schanghai verkauft Zheng monatlich zehn der Gefährte. Vor dem chinesischen Neujahrsfest, das nach dem Mondkalender am 28. Januar begonnen hat, vervierfacht sich die Zahl, wenn erwachsene Kinder ihren Eltern die Elektromobile zum Geschenk machen. Im Norden Chinas aber, berichtet der Geschäftsmann, würde er zehnmal so viele Fahrzeuge verkaufen. Denn dort ist es kälter als im südlichen Schanghai. Tatsächlich wimmelt es in den engen Gassen der alten Hutong-Wohnviertel in der Hauptstadt Peking von Elektromobilen. In den nördlichen Provinzen haben auch die meisten derer Hersteller ihren Sitz. Unser Stern wurde in Shandong an der Ostküste fabriziert, zwischen Peking und Schanghai. Exportiert wird er unter anderem nach Japan und Südkorea.

          Zheng schätzt, dass seine Kunden im Schnitt in der Woche einhundert Kilometer mit ihren kleinen Autos zurücklegen: fünf Kilometer mit dem Enkel des Morgens zur Schule und fünf Kilometer zurück. Bei Unterrichtsschluss am Nachmittag noch einmal dasselbe. Die beiden Batterien sind nach 50 Kilometern leer. Zusammen wiegen sie 28 Kilo und speichern 20 Ampere.

          Weitere Themen

          Roboter „Fedor“ soll ISS-Besatzung helfen Video-Seite öffnen

          Neues Crewmitglied : Roboter „Fedor“ soll ISS-Besatzung helfen

          Russland hat eine unbemannte Rakete mit einem humanoiden Roboter an Bord ins All geschickt. In der zehntägigen Mission soll das Gerät lernen, Menschen an Bord der Internationalen Raumstation zu unterstützen.

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.