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Pick-up von Mercedes : Faktor X im Stuttgarter Abc

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Wo einer Ziel ist, da ist auch ein Weg: Mercedes zieht es in die weite Welt, aber nicht ins Mutterland der Pick-ups. Bild: Foto Hersteller

Jetzt wird auch der Pick-up zum Premiumprodukt befördert. Mercedes-Benz baut den ersten Pritschenwagen. So ganz neu ist die Idee freilich nicht.

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          Mercedes wagt sich auf unbekanntes Terrain und schließt eine der letzten Lücken im Portfolio. Denn als erster europäischer Nobelhersteller bringen die Schwaben jetzt auch noch einen Pick-up an den Start. Der große Unbekannte mit dem bezeichnenden Namen X-Klasse ist allerdings kein Ableger eines schwäbischen Geländewagens und kommt deshalb auch nicht aus der Personenwagensparte. Sondern genau wie die Transporter wird er von Van-Chef Volker Mornhinweg verantwortet, der ähnlich wie bei den Modellen Vito und V-Klasse einen schwierigen Spagat hinlegen muss. Zum einen will er den Pritschenwagen als handfesten Praktiker für Handel, Handwerk und Gewerbe positionieren. Nicht umsonst passt hinter die standardmäßige Doppelkabine spielend eine Euro-Palette, nicht ohne Grund liegt die Nutzlast bei 1,1 Tonnen, und auch die 3,5 Tonnen Anhängelast können sich sehen lassen. Doch zum anderen soll die X-Klasse als Lifestyle-Laster taugen und gelangweilten SUV-Fahrern eine Alternative bieten.

          Das natürlich auf Mercedes-Niveau. Deshalb gibt es die X-Klasse auch nicht nur in Afrika, Australien oder Südamerika, wo der Pick-up in den Zulassungsstatistiken ganz vorne fährt und die Analysten bis zum Jahr 2025 einen Markt von 2,8 Millionen Fahrzeugen im Jahr sehen. Deshalb beginnt die Markteinführung im November hier bei uns in Deutschland, und die Preise sind mit 37.294 Euro durchaus selbstbewusst. Ein VW Amarok zum Beispiel ist 7000 Euro billiger und ein Mercedes GLC nur 7000 Euro teurer.

          Zunächst wird es die X-Klasse nur mit Vierzylinder-Diesel und wahlweise 163 oder 190PS geben. Bilderstrecke

          Doch Mercedes ist überzeugt, dass der Truck für Terra X in beiden Welten vorausfahren, das Segment öffnen und verändern kann. Dafür will Mercedes ein bisschen mehr bieten als die meisten anderen: „Leiterrahmen, Sechszylindermotor mit hohem Drehmoment sowie permanenter Allradantrieb sind für uns Pflicht. Als Kür bringen wir Sicherheit, Komfort, Agilität und expressives Design“, sagt Mornhinweg und will so auch „Kunden ansprechen, die bislang nicht an einen Pick-up gedacht haben.“

          Verwandtschaft mit Nissan lässt sich nicht leugnen

          Als wäre das nicht schon schwierig genug, konnte Mornhinweg bei diesem Vorhaben nicht auf einem weißen Blatt beginnen. Die X-Klasse ist genau wie der Kleinlieferwagen Citan oder der Smart eines von über einem Dutzend Kooperationsprojekten mit Renault und Nissan und basiert deshalb auf dem japanischen Dauerbrenner Navara, mit dem die europäische Version auch gemeinsam in Barcelona vom Band laufen wird.

          Außen hat Mercedes die Verwandtschaft mit einem eigenen, vorne sehr bulligen und hinten eher gradlinigen Design geschickt für den gut fünf Meter langen Viertürer vertuscht. Aber in der geräumigen Doppelkabine können auch die Instrumente aus A-Klasse & Co, der freistehende Monitor aus der B-Klasse, das Lenkrad aus der C-Klasse und der Touchcontroller aus der E-Klasse die Herkunft der X-Klasse nicht verhehlen. Zu fremd wirken die Schalter für die Klimaanlage, zu dünn die Sitze und ungewohnt die Materialien der drei Ausstattungslinien, als dass man sich auf Anhieb zu Hause fühlen würde. Immerhin ist die Optionsliste an Dekorteilen und Komfortausstattungen fast so lang, wie man sie von den Limousinen kennt.

          Sieht man den Mercedes durch eine Pick-up-Brille, ist die Premium-Pritsche zwar tatsächlich ein Aufstieg und trägt den Stern zu Recht. Liebäugelt man dagegen als Personenwagenfahrer mit dem Lifestyle-Laster, wirkt er ein bisschen wie ein Möchtegern-Mercedes. Wer sonst vielleicht einen GLE oder gar ein G-Modell kaufen würde, der würde wohl für die X-Klasse lieber noch einmal 5000 Euro mehr bezahlen, als selbst in der Topversion über eine Ledernachbildung auf dem Cockpit zu streichen oder einen viel zu dünnen Schaltknauf von Nissan in die Hand zu nehmen.

          Mit Ruhe und Souveränität durch schwerstes Gelände

          Auch hinter dem mächtigen Kühlergrill und den großen LED-Scheinwerfern tut sich die X-Klasse erst einmal schwer mit der Emanzipation. Zumindest zum Start gibt es für Europa nur einen Vierzylinder-Diesel mit 2,3 Litern Hubraum, der mit seinen 163 oder 190PS auch im Navara nagelt. Erst im nächsten Sommer reicht Mercedes einen eigenen Selbstzünder nach, der mit sechs Zylindern, drei Litern Hubraum, 258 PS und 555 Nm Drehmoment nach den Sternen im Segment greifen will. Und anders als im Vierzylinder mit Heckantrieb und der Option auf zuschaltbaren Allradantrieb ist der permanente Allradantrieb bei ihm genauso serienmäßig wie die Sieben-Gang-Automatik. Immerhin hat das Auto auch mit den Nissan-Motoren Mercedes-Manieren und bewegt sich mit einer Ruhe und einer Souveränität selbst durch schwerstes Gelände, dass man unwillkürlich den Gehörgang putzen möchte. Denn man mag kaum glauben, wie leise so ein Laster sein kann.

          Um die ultimativen Bewährungsprobe drückt sich Mercedes

          Auch bei der Ausstattung setzt Mercedes für das Segment neue Maßstäbe. Man muss den Abstand zum Vordermann zwar selbst regeln, und beim Rangieren hilft nur die Rückfahrkamera. Aber die X-Klasse bekommt eine aktive Brems- und Spurführungshilfe, kann Verkehrszeichen erkennen, plant die Routen in Echtzeit um die Staus herum und ist über die App Mercedes Me voll vernetzt.

          Gleichermaßen tough und teuer, beledert und belastbar und zumindest in der Ausstattung ganz vorn – so macht sich Mercedes berechtigte Hoffnungen, die Latte in dieser Liga mit der ersten Premium-Pritsche ein wenig höher zu legen. Und die Chancen stehen gut, dass die Schwaben nicht nur in Sydney, Buenos Aires oder Kapstadt, sondern auch in Stuttgart, Berlin oder Köln eine Menge Kunden finden, die sie werktags als Workhorse und wochenends für die Freizeit nutzen. Doch um die ultimativen Bewährungsprobe drückt sich Mercedes genauso wie VW vor sieben Jahren mit dem Amarok: Auf dem amerikanischen Markt, gemeinhin das Mutterland der Pick-ups und für die Schwaben obendrein rosiger Umsatzbringer, tritt die X-Klasse zum Leidwesen der lokalen Händlerschaft erst einmal nicht an.

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