https://www.faz.net/-gy9-8mv55

Mercedes in China : Die lange E-Klasse als kleiner Maybach

  • -Aktualisiert am

Die verlängerte Version des E 300 L Bild: mid

Eigens für den Markt in China hat Mercedes-Benz der E-Klasse mehr Länge zugestanden. Schade, dass es das Modell nicht in Deutschland gibt.

          Testingenieur Marvin Rietsche entriegelt und bittet einzusteigen: Heute greift er selbst ins Lenkrad, während wir dort Platz nehmen, wo das Zentrum aller Entwicklungsbemühungen liegt: hinten rechts. Denn hier sitzt der chinesische Mercedes-Kunde, der es „zu etwas gebracht“ hat, und lässt sich chauffieren. Auf ihn ist die verlängerte Version des E 300 L zugeschnitten. Mit 14 Zentimeter mehr Radstand und 13,4 Zentimeter mehr Beinfreiheit auf den Rücksitzen. Mercedes-Benz schnürt einen Strauß von Komfortmerkmalen, der den Vorlieben chinesischer Kunden folgt, die im Fahrzeug-Fond gern Geschäftsabschlüsse tätigen. Dafür wird der Physiognomie asiatischer Kunden Rechnung getragen und den Fahrgewohnheiten im chinesischen Großstadtverkehr.

          Chinesen, denen ein Mercedes-Maybach zwei Nummern und eine S-Klasse eine Nummer zu groß ist, die nicht zuletzt infolge zunehmender Dynamik von Anti-Korruptions-Kampagnen lieber weniger zeigen, als sie haben, sehen die neue lange E-Klasse als „kleinen Maybach“. Wegen ähnlicher Ausstattungsdetails sowie eines kleinen Dreiecksfensters vor der C-Säule, einer Hommage an den großen Bruder. Dies wurde durch die länger ins Heck abströmende Dachlinie des langen E möglich.

          Rietsche startet den zweifach aufgeladenen 2,0-Liter-Motor, und wir stutzen: Passt das Vierzylinder-Triebwerk zu einer 5,06 Meter langen Limousine? 245 PS werden wohl mehr als genug Vortrieb auf chinesischen Autobahnen bringen. Es sind ja höchstens 120 km/h erlaubt.

          Die lange E-Klasse absolviert ihren Dienst im Business-Alltag als geräumige Limousine und mobiles Büro mit kleiner Wellness-Option. Bilderstrecke

          Die lange E-Klasse absolviert ihren Dienst im Business-Alltag als geräumige Limousine und mobiles Büro mit kleiner Wellness-Option. Aufregend ist an diesem Auto nichts. Es trägt als Interieur hellere Materialien und mehr Holzapplikationen, als es europäischen Kunden lieb wäre, und ist in höchstem Maße vernünftig: hochgerüstet mit Sicherheitstechnik und State-of-the-art-Assistenzsystemen. Rietsche spricht von der „aktuell intelligentesten Mercedes-Limousine“. Neben dem kamera- und radarbasierten System zum teilautonomen Fahren in dichtem Verkehr sowie zur Unfall-Prävention, die man aus der S-Klasse kennt, kann ein „Concierge Service“ in Anspruch genommen werden. Eine freundliche Stimme bucht dann beispielsweise ein gewünschtes Reiseziel direkt ins Navigationssystem.

          Über einen separaten Schalter in der Fondtür können Sitz und Rückenlehne des Beifahrersessels elektrisch nach vorn fahren. Jetzt ist hinten rechts Platz, die Beine übereinanderzuschlagen. Beide Außensitze hinten - und hier spielt Mercedes die kleine Wellness-Karte - können elektrisch verstellt, beheizt und belüftet werden. Im Unterschied zu den Sitzen europäischer Mercedes tragen die in China montierten Kopfstützen weiche Kissen, die Sitzflächen haben eine zusätzliche Unterfütterung. Zu einem Chauffeursfahrzeug gehört eine ausklappbare und kuschelig beheizbare Mittelarmlehne. In sie integriert liegen beim „langen E“ ein beleuchtetes Staufach, ein USB-Anschluss sowie eine Ablage zum drahtlosen Laden des Smartphones. Ein ausziehbares Fach fungiert als Getränkehalter. Dieser ist selbstverständlich beheizt.

          Für verspielte Manager treibt Daimler das Lichtspiel auf die Spitze

          Um den Chauffeur ausschließlich als Fahrer zu beschäftigen, können viele Funktionen des Command-Systems vom Fond aus über eine berührungsempfindliche Oberfläche (Touchscreen) gesteuert werden. So auch die Infotainment-Anlage mit Burmester-Soundsystem. Angezeigt werden die Inhalte auf dem 12,3 Inch großen Bildschirm aus der Mercedes-S-Klasse. Für verspielte Manager treibt Daimler das Lichtspiel auf die Spitze: Nicht weniger als 64 Stimmungen hält die Ambientebeleuchtung vor. Deren LEDs sind in geradezu verschwenderischer Fülle verbaut.

          Rund acht Stunden täglich fahren Marvin Rietsche und sein chinesischer Ingenieur-Kollege Du Peng Cheng den langen E in der Megacity Chongqing. Nach zwei Monaten und rund 30 000 Kilometer später ist die Mission erfüllt. „Wir testen hier, weil hier insbesondere der Antriebsstrang extrem belastet wird“, sagt Rietsche. Inzwischen sind wir über den Qiwan Expressway und die Autobahn G75 zur Hengshan Road gefahren, einer Serpentinenstraße auf die zahlreichen Hügel der Megacity hinauf.

          Beim Überholen kriechender Lkw, bei plötzlichem Abbremsen vor waschtrommeltiefen Schlaglöchern und dem Herausbeschleunigen aus Kurven wechseln die Lastzustände der Aggregate im Sekundentakt und treiben die 9G-tronic zum fleißigen Wechsel der Fahrstufen. Die Außentemperatur liegt nahe 40 Grad, die Fensterscheiben sind sogar innen noch heiß. Hinzu kommt die extrem hohe Luftfeuchtigkeit, gespeist vom heißen Kontinentalklima und von den zusammenfließenden Strömen Jangtsekiang und Jialing.

          „Auch die Nebenaggregate zur Kühlung von Systemen und Innenraum laufen hier ständig unter Volllast“, sagt Du Peng Cheng. Doch davon sollte man im Fond nichts spüren. Tatsächlich säuselt das Gebläse der Klimatisierung kaum vernehmbar. Im Inneren herrscht 21 Grad. Der Arbeitsplan des Testteams schreibt rund 140 Kilometer Stadtverkehr vor, etwa 260 Kilometer Bergstrecken und über 400 Kilometer Schnellstraßen. Die in China hergestellten Reifen erzeugen ein härteres Abrollgeräusch als Gummis auf der (kurzen) europäischen E-Klasse. Die Reifen besitzen verstärkte Seitenwände, um die Weiterfahrt auch bei völligem Druckverlust zu garantieren.

          Europäische Kunden müssen auf den langen E leider verzichten. Die Einstiegsvariante E 200 L kostet in China umgerechnet rund 58 000 Euro. Im Vergleich zur importierten Mercedes-S-Klasse ist das ein Schnäppchen, der VW Phidion ist etwas teurer. Beide neuen Modelle kommen in diesen Tagen auf den Markt.

          Weitere Themen

          Umarmung mit 460 PS Video-Seite öffnen

          F.A.Z. Fahrbericht : Umarmung mit 460 PS

          Porsche, das waren einmal der 356 und später der 911 und sonst nichts. Heute gibt es auch SUV`s Limousinen und sogar Kombis, wie den Panamera GTS Sport Turismo.

          Topmeldungen

          Münchner Sicherheitskonferenz : Beten könnt ihr später

          Bei der Münchner Sicherheitskonferenz wird deutlich, wie schlecht es um die internationale Zusammenarbeit steht: Dieses Mal werden nicht alte Freundschaften aufgewärmt, sondern Vereisungen sichtbar.
          Stimmt nicht mit Trumps Entscheidung zum Truppenabzug aus Syrien überein: General Joseph Votel

          Truppenabzug aus Syrien : Ranghoher General widerspricht Trump

          Die Terrormiliz IS sei noch lange nicht besiegt, sagt der Kommandeur der amerikanischen Streitkräfte im Mittleren Osten in einem Interview. Auch ein einflussreicher Parteikollege Trumps warnt in München vor den Folgen des Truppenabzugs aus Syrien.
          Das Logo der Jungen Alternative auf einem Bundeskongress.

          FAZ Plus Artikel: F.A.Z. exklusiv : Chats belegen Extremismus in AfD-Parteijugend

          Der F.A.Z. liegen Chatverläufe vor, die verfassungswidrige Positionen von Landesvorstandsmitgliedern der „Jungen Alternative“ in Hessen belegen. Laut dem Landesvorstand der AfD-Parteijugend handelt es sich um „authentische Beweisstücke“.
          Wie hat es seine Nichte unter die besten Fünf geschafft? Außenminister Mevlüt Çavusoglu neben Präsident Erdogan im November in Paris

          Brief aus Istanbul : Die letzte Tomate gehört dem türkischen Volk

          Mit Gott und günstigem Gemüse wirbt die AKP vor den Kommunalwahlen um Stimmen. Zugleich versucht sie mit allen Mitteln Nachrichten zu unterdrücken, die an der Parteibasis für Unruhe sorgen könnten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.