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Mercedes E-Klasse : Der kühle Abschied vom Vier-Augen-Gesicht

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Mit Kanten und grimmigen Blick durch den Wind: Mercedes E-Klasse Bild: Hersteller

Wenn sich ein Mercedes häutet, kommt in den allermeisten Fällen eine E-Klasse darunter hervor. Kein Zufall: Am oberen Rand der Mittelklasse ist das Markenzeichen ein Fixstern. Und der Stern fügt sich gut zur Kunst der neuen Kante.

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          Für die vom Frühjahr an in den Markt fahrende neue E-Klasse von Mercedes-Benz genügt der Verweis auf die Erfolge der Vergangenheit nicht mehr. Die Zukunft kommt mit den Herausforderungen der Düsternis. Mercedes hält jedenfalls dagegen, mit einer E-Klasse, die seit Jahren, schon geplant, nun aber so wirkt, als sei sie just auf den gegenwärtigen Geist der Zeit gemünzt.

          Das große „E“ in der Modellbezeichnung wurde vor rund 25 Jahren erfunden, und die Baureihe hat mannigfaltige Modifikationen erfahren. Das war schon immer so, aber noch nie so deutlich: Zwar wird ihre Technik in allen Disziplinen den Fortschritt vorantreiben, aber am wichtigsten ist das uneingeschränkte Bekenntnis zu designgeprägtem Lebensgefühl-Auftritt und zu High-Tech: für die sparsamen Motoren, für mehr Komfort und höhere Sicherheit und für jene Menge an Hilfssystemen zur Unterstützung des Fahrers, die dazu verleiten könnte, dem neuen Auto sinnliche Fähigkeiten des Menschen zuzuschreiben. Die E-Klasse erkennt Verkehrszeichen, ahnt Unfälle voraus und entscheidet dann selbständig über Fahrerwarnung oder Vollbremsung. Ob das die Fahrer der Zukunft wirklich goutieren, wird sich erst noch zeigen müssen.

          Die nette und höfliche Rundlichkeit der vier Augen

          Und sie kommt natürlich mit neuem Design. Das ist nicht wirklich überraschend, und auch die Fortführung eines stilistischen Themas kommt nicht unerwartet. Es zeigt, dass die Zeiten härter geworden sind, die nette und höfliche Rundlichkeit der vier Augen (Ablösung der funktional-nüchternen Rechteckscheinwerfer des W124 durch den W210 im Jahr 1995) wird ersetzt durch die technoide Ausprägung der Scheinwerfer, die sind wie Laptop-Bildschirme, und von ihnen gehen Linien aus, die sind wie gebündelte Informationsbahnen auf dem Weg zur nächsten High-Way-Galaxis des Internets.

          Die seltene Einsamkeit des Langstreckenfahrers

          Mit dem Vier-Augen-Gesicht hielt vor knapp fünfzehn Jahren eine neue Emotionalität bei Mercedes-Benz ihren Einzug. Die Marke setzte damit ganz bewusst auf die Konfrontation mit ihrem gewohnten Erscheinungsbild, das von einer Sinnlichkeit der Kühle und der normierten Vorhersehbarkeit geprägt war. Der rechte Winkel in den Aufbaujahren hatte ausgedient, jetzt waren die runden Ecken einer höflicheren Verbindlichkeit gefragt. Doch jetzt ist Schluss mit lustig.

          So ist das in der E-Klasse kulminierende Mercedes-Design (wieder einmal) Ausdruck sozialer und gesellschaftlicher Befindlichkeiten: Straff trägt die neue Limousine ihre Business-Class-Uniform. Korrektheit zählt wieder. Jetzt wird gerechnet und abgerechnet. Nur kein Risiko eingehen.

          Die Kühlermaske drängt sich nach vorne

          Den Wert dieses Kühlergrills mit dem darüber plazierten Mercedes-Stern für die Wiedererkennungs-Chiffren der Marke kann man gar nicht beziffern. So drängt sich die Kühlermaske vorne wie von selbst in den Bug, sorgt für Momente der Spannung, dort, wo das Tempo erlebt wird, und hat kaum noch Raum zwischen den Leuchten, die ihrerseits dem verbleibenden Blech keine Chance mehr lassen. Hier wirkt die neue E-Klasse am entschlossensten, da geht sie mit neuen Ideen voran, hier findet High-Tech wirklich seine formale Umsetzung. Die Botschaft einer Führerpersönlichkeit: Das wird der potentiellen Kundschaft gefallen. Doch die markante Designaussage wird nur bis zur Hälfte der Flanke durchgehalten und formal belegt. Dann wechselt sie trotz der Bügelfalte (viel zu weiche Türgriffe und Griffmulden) zunächst ins Unsichere, um im Heck ins Banale zu gleiten: Die Attraktivität der neuen E-Klasse beginnt vorne stark und endet hinten schwach. Daran ändert auch die händeringend herbei- beschworene Verwandtschaft mit dem sehr entfernt liegenden Mercedes 180 nur wenig, der über den Hinterrädern ähnliche Backen-Wölbungen aufzuweisen scheint.

          Gut gelöst ist die völlig unprätentiös erscheinende Anwesenheit des Markenzeichens: Der Stern wurde ja bei der neuen C-Klasse für eine Ausstattungsvariante aufgegeben (die Kundschaft reagierte begeistert), die E-Modelle tragen ihn wieder frei und frank, eine Handbreit hinter dem dicken Chromrahmen des Kühlergrills wächst er ohne Fundament aus dem Blech. Diese Plazierung des Sterns führt zu einer unerhörten Feinheit auf der Kühlerhaube (sie stellt sich bei einem Aufprall automatisch hoch, um mehr Deformationsraum zu bieten), und sie sorgt dafür, dass die große Fläche vor der Frontscheibe nicht als öde Partie, sondern als Ausformung einer Großzügigkeit zu interpretieren ist, die man in allen Zeiten zu schätzen wusste.

          Man kann sich für Dieseltriebwerke entscheiden

          Mit ihrer Technik schiebt die neue E-Klasse die Grenzen des Möglichen weiter hinaus. Das gilt besonders für die Motoren: Man kann sich für Dieseltriebwerke entscheiden, die zwar etwas rauh klingen, aber eine Knauserigkeit und eine Leistungsfähigkeit bieten, die sogar in die Zukunft zu weisen vermag. Noch vor zehn Jahren war ein Auto in dieser Klasse mit dieser Sicherheit und in diesem Komfort-Status nicht mit diesem Verbrauch zu bewegen: 5,3 Liter auf hundert Kilometer sind zwar ein Normwert, aber sie sind als Richtschnur durchaus wertvoll, und wir werden sie bald überprüfen. Natürlich konnte man schon vor zwanzig Jahren einen VW Golf Diesel mit weniger als fünf Liter fahren. Aber ein Vergnügen war das nicht.

          Störend an der neuen E-Klasse ist allein ihre Aufgeblasenheit in manchen Details. Vielleicht folgt sie auch hier dem Geist der Zeit: Der sparsamste Diesel trägt den Beinamen „BlueEfficiency“; ein System, das mit einer Kamera die beste Scheinwerferstellung findet, das ist der „Adaptive Fernlicht-Assistent“; und eine andere Technik, die den Fahrer vor dem Einschlafen weckt, ist der „Attention Assist“.

          Wir sind sicher, der neuen E-Klasse wird genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden. Und sie ist - zumal neue T-Modelle, neue Cabrios mit Stoffdach und neue Coupés von ihr abgeleitet werden - auch eine Botschaft der verhaltenen Zuversicht. Über die Preise wird zur Zeit noch nicht gesprochen.

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