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Mercedes-Benz G-Klasse : Nicht mal silikongedämpfte Haltegriffe

13.000 Fans der Mercedes-Benz G-Klasse greifen jedes Jahr zu Bild: Hersteller

Mercedes-Benz verkauft die G-Klasse noch immer wie geschnitten Brot. Der seit 1979 gebaute G ist weder ruhig noch leise, noch besonders komfortabel, noch nutzt er den Raum gut aus. Wie konnte es nur so weit kommen?

          3 Min.

          Mit außergewöhnlichen Autos erlebt man außergewöhnliche Geschichten. Die Mercedes-Benz G-Klasse ist sicher keines, um zum Friseur zu fahren, aber wenn der geländegängigste Geländewagen der Schwaben schon mal da ist, wird er wohl auch hessische Bordsteine meistern. Im Salon dauert es genau zwei Sekunden, schon läuft das Gespräch. Der auf die Schere wartende Mann ist Mercedes-Fan durch und durch, und er hat auch eine G-Klasse.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Natürlich keine gewöhnliche. Seine hat den schon in Serie recht brauchbaren Achtzylinder-Benziner drin, aber Brabus hat Hand angelegt, weshalb, wie er mit spitzbübischem Lächeln berichtet, seiner 270 Sachen geht. Mehr habe ihm der Tuner nicht erlaubt, der Sicherheit wegen. Dann fügt er mit gewisser Wollust hinzu: „Weniger als 21 Liter schaffe ich nie. Wenn ich nachts allein unterwegs bin und alles leer ist, lasse ich ihn rennen. Dann laufen auf 100 Kilometer 33 Liter durch.“ Das ist heute aber politisch sehr unkorrekt, mein Herr!

          Der G63 ist auch in der Hitze für Auslandseinsätze gut brauchbar

          Begeisterung ist im ewig jungen G ein guter Begleiter, und es gibt eine vernünftigere Lösung. Den auf die Ziffern 350 hörenden Diesel mit sechs Zylindern und 211 PS. Wir ermittelten 13,5 Liter im Durchschnitt. Dafür wird ein Auto geboten, wie es sonst nur noch Land Rover offeriert. Die Gattung ist durch Regularien vom Aussterben bedroht, möge sie sich möglichst lang defenden. Jene, die von Allerwelts-SUV genug haben, sind hier richtig.

          Freilich nur die. Der seit 1979 gebaute G ist weder ruhig noch leise, noch besonders komfortabel, noch nutzt er den Raum gut aus. Er ist einfach ehrlich rustikal. Und er kommt nahezu überall durch. Drei Tasten steuern die Eskalationsstufen des Allradsystems von steil bis Steilwand; Sperre mitten, hinten und vorn plus Untersetzung. Zwecks Sozialverträglichkeit spendiert Mercedes-Benz ein modernes Interieur, das in eigenartigem Widerspruch zum kantigen Äußeren steht.

          Die Blinker thronen auf den Kotflügeln, wie praktisch. Der eine streikt während der Fahrt. Hier muss niemand den halben Vorderwagen demontieren, um eine Glühbirne zu wechseln. Simple Schrauben geöffnet, fertig. Indes, so weit kommt es gar nicht. Sanft draufgehauen, schon blinkt er wieder. Die Türen haben außenliegende Scharniere, schließen stets erst im zweiten Versuch und offenbaren Schlitze für Postwurfsendungen.

          Das Klack der automatischen Verriegelung nach dem Losfahren ließe sich womöglich leiser gestalten als mit dem Geräusch eines auf eine Chipstüte prallenden Vorschlaghammers. Die Türgriffe beherbergen tatsächlich einen Knopf zum Eindrücken, das versteht die Mutter sofort, die Kids stehen ratlos davor. Vier Rillen stabilisieren das Dach, im Regen sammelt sich ein wenig Wasser darin, das sich beim Bremsen als Sturzbach über die Frontscheibe ergießt.

          Die leicht verklemmte Lage hinter dem Lenkrad folgt kaum jüngeren Erkenntnissen zur Ergonomie

          Perfekt ist die Übersicht, der G hört da auf, wo die Kante der Motorhaube ist. Xenonlicht weist den Weg. Trittbretter erleichtern das Erklimmen des ersten Stockwerks, wer noch höher hinaus muss, nimmt die Trittstufe auf dem Stoßfänger. Tire-Fit-Spray oder wie das Zeugs heißt?

          Dass wir nicht lachen. Das Reserverad hängt in voller Schönheit am Heck. Wie überhaupt topmoderner Schnickschnack heutiger Aufpreislisten ein Witz ist. Größerer Tank gegen Zuzahlung? In den G fließen ohne Mühe 96 Liter, und wenn die Zapfsäule ausklinkt, ist er randvoll. Wer nachschenkt, bringt das Fass zum Überlaufen.

          Jenseits von 160 km/h betäubt ein Orkan die Sinne

          Die leicht verklemmte Lage hinter dem Lenkrad folgt kaum jüngeren Erkenntnissen zur Ergonomie. Fahrwerke sind andernorts kommoder. Jenseits von 160 km/h betäubt ein Orkan die Sinne. Wer richtig bequem reisen will, greift zu GLE, BMW X5 oder Audi Q7. Aber so zeitlos-lässig werden die nie sein. Und der G hat auch viel Gutes. Das äußere Bein lässt sich voll ausstrecken, weil der Radkasten hinterm Horizont hockt. Auf den eckigen Türen liegt bequem der Arm. Von den vier Dachgriffen ist, wie konnte das geschehen, kein einziger silikongedämpft, dafür überstehen sie Klimmzüge. Es gibt eine Handbremse mit stabilem Griff und einen knackigen Automatikwählhebel. Das Schiebedach ist ein großes Rechteck aus Blech.

          Immer nützlich: Der wegklappbare Basketballkorb im Beifahrerfußraum. Die kantige Karosserie schenkt konkurrenzlose Kopffreiheit. In Reihe zwei warten drei Sitze mit ziemlich beschränkter Kniefreiheit. Dafür herrscht hinter der seitlich angeschlagenen Hecktür Großraum. Koffer, Schirmständer, Wildschweine, alles kein Problem. Wer derlei verfrachten möchte, nimmt das Gepäckrollo heraus, was schon unter Anwendung mittlerer Gewalt gelingt. Das Rollo ist eine ihre Position widerwillig räumende Eisenstange, beim Ausklinken verteilt sie Kinnhaken, jetzt ist sie endlich locker, rutscht ab und schlägt auf der Kniescheibe auf. Schön, wenn der Schmerz nachlässt.

          Beeindruckend: Die Verkäufe steigen nach einem Durchhänger Jahr um Jahr. Im vergangenen ließen sich gut 13 000 Fans den Spaß mindestens 87 000 Euro kosten. Die Schwaben meinen, im G schwebe man über den Dingen. Wohl wahr. Der nächste Friseurbesuch steht schon. Dann aber im G 65. Zwölfzylinder, 612 PS, 268.000 Euro. Da kriegst du doch ’nen Föhn.

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