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Mercedes-Benz 450 SEL : Alle Aufmerksamkeit gilt hinten rechts

Ein paar Kubikmeter Bauraum für das Mobiltelefon

„Teuer, aufwendig und später nicht mehr verwendet. Aber zum damaligen Zeitpunkt war dieser Komfort mit Schraubenfedern nicht erreichbar“, schwärmt Bühler. Das Wort Budget habe er seinerzeit nie gehört. Sein Arbeitsauftrag sei so einfach wie eindeutig gewesen: Das maximal Mögliche machen. Der hinten sitzende Direktor sollte während der Fahrt lesen und schreiben können. Acht bis zehn Jahre Entwicklungszeit waren damals für eine S-Klasse veranschlagt. Das Resultat ist noch heute überzeugend.

„Ist es nicht bemerkenswert, wie geschmeidig der Wagen um die Kurven geht, welch hohe Kurvengeschwindigkeit möglich ist und wie wenig er sich von den verschiedenen Anregungen aus der Ruhe bringen lässt? Er hält eben immer das gleiche Niveau, ganz egal ob ich hier allein drinsitze oder ob Sie hundert Liter Bier für Ihre Meisterschaftsfeier in den Kofferraum packen“, sagt Bühler, als er den SEL mit flinker Hand über die Landstraße führt. Im Innenraum herrscht entspannte Ruhe, nur der Wind pfeift merklich laut um die unverkleideten Scheibenwischer und die kräftigen Außenspiegel. Im Takt wogt die meterlange Antenne auf dem hinteren Kotflügel.

Ein paar Kubikmeter Bauraum mussten für das Mobiltelefon vorgehalten werden. Der Mann am Volant streichelt das Gas noch ein wenig mehr, der Achtzylinder verleibt sich genüsslich eine größere Dosis Superkraftstoff ein. Der Fahrer des nachfolgenden Kamerawagens (ein modernes SUV eines deutschen Qualitätsherstellers) wird hernach berichten, er habe gewisse Mühe gehabt, an dem betagten Mercedes dranzubleiben. Es dürfte ungefähr jener Moment gewesen sein, als Entwickler Bühler sagt: „Ich kann natürlich noch schneller. Aber ich will dem guten alten Stück nicht zu viel zumuten.“ Sorgen vor kritischen Fahrsituationen hat er nicht, „das Auto ist auf leichtes Übersteuern im Grenzbereich ausgelegt. Das ist herrlich für alle, die damit umgehen können“.

Der Tachometer weist eine Lebensleistung von 644.000 Kilometern aus, doch der 6.834 cm³ große Achtzylinder mit Saugrohreinspritzung lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Nur 3 Gänge hat die Wandler-Automatik zu bieten, aber der Motor mit seinen 286 PS und 550 Nm Drehmoment bei 3000/min hält jederzeit genügend Kraft parat, um den 2 Tonnen schweren SEL souverän voranzubringen. 0 auf 100 km/h sind in 7,4 Sekunden erledigt, 225 km/h beträgt die Spitzengeschwindigkeit. Niedriger Verbrauch war zur Zeit der Entwicklung kein Ziel im Lastenheft, dann kam die Ölkrise, und die Markteinführung wurde um ein Jahr verschoben.

Als sich alles wieder beruhigt hatte, fragte niemand mehr danach. Zwanzig Liter auf einhundert Kilometer sind eine gute Hausnummer. 7.380 Stück wurden gebaut, zur Markteinführung 1975 kostete der mächtigste SEL 69.930 DM, die letzte Version erforderte von 1979 an 81.247 DM.

Herbst 2013. Stuttgart. Mercedes-Benz stellt die neue S-Klasse vor. Sie soll nach dem hauseigenen Motto „Das Beste oder nichts“ neue Maßstäbe setzen. Vor allem wird sie ein Auto sein mit unzähligen Assistenzsystemen, so viel - je nach Sichtweise - Unterstützung oder Entmündigung des Fahrers war nie. Karlheinz Bühler führt den SEL wieder auf den Parkplatz vor dem Schlosshotel, welch ein schönes Bild, als wäre die Zeit stehengeblieben und doch so aktuell wie nie. „Was denken Sie über all die Systeme, die heute eingebaut werden?“, wollen wir zum Schluss unserer Ausfahrt wissen, in der sicheren Annahme, Bühler werde sie für überflüssig halten. Doch der Mann spricht: „Hätten wir derlei zur Verfügung gehabt, hätten wir es auch eingebaut. In der S-Klasse muss man einfach machen, was möglich ist. Das galt damals, und das gilt auch im Jahr 2013.“

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