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Mechaniker bei der Deutschlandrallye : Schmiermaxen in der Rallye-Küche

  • -Aktualisiert am

Während der DS3 WRC für den Kampf um die Weltmeisterschaft mit Allradantrieb ausgestattet ist, fährt das Rallye-Car Citroën DS3 R3 mit nur einer angetriebenen Achse Bild: Peter Thomas

Das enge Zeitkorsett zwingt zu präzisem, schnellen Montieren: Wenn bei der Deutschland-Rallye der Service ansteht, wird unter Hochdruck gearbeitet. Für die Zuschauer sind die Ballett-Einlagen der Werkstattteams Höhepunkte des Tages.

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          Die weißen Handschuhfinger haben sich fest ineinander verhakt, auf dem Stoff tritt das abstrakte Muster aus Gumminoppen dunkel hervor. Noch 21 Sekunden sind es bis zum Service, in der Ecke des Zeltes zählt die große Uhr unerbittlich ihre Zeit herunter. 17 Sekunden, jetzt 16, dann noch 15 – die Mannschaft im Werkstattzelt von Citroën zeigt demonstrativ gallische Nonchalance. Nur die hinter dem Rücken verschränkten Hände in den weißen Arbeitshandschuhen lassen auf Nervosität schließen, auf das angespanntes Warten bis zum Start für Schlagschrauber, Wagenheber und Reinigungsmittel. Noch 7 Sekunden, gleich beginnt der Mittagsservice am ersten Tag der ADAC Deutschlandrallye in Trier.

          Ein Brummen am Ende der Boxengasse, Kies knirscht unter den Reifen des bunt beklebten Citroën DS3 WRC von Sébastien Loeb. Der Weltmeister zirkelt seinen Wagen in das mit roter Plane ausgelegte Zelt des Citroën Total World Rally Team, steigt aus, grüßt die Fans und grinst zufrieden: Er liegt mit seinem Kopiloten Daniel Elena in der Wertung an erster Stelle. Nach drei Tagen wird Loeb sich schließlich mit Platz zwei begnügen müssen, denn 2011 gewinnt sein Teamkollege Sébastien Ogier mit Beifahrer Julien Ingrassa den Deutschland-Lauf der Rallye-Weltmeisterschaft.

          Am Freitagmittag ist das Finale an der Porta Nigra jedoch noch Zukunftsmusik. Auch die Wertungsprüfungen in den Weinbergen sind für kurze Zeit ganz weit weg. Denn jetzt hat das Duo aus Steuermann und Navigator erst einmal Pause, während vier Mechaniker mit gelber Armbinde das Rallye-Auto aufbocken, Räder wechseln, eine neue Front und frische Stoßdämpfer (fünf Sätze je Wagen gibt es für jeden WRC-Lauf) montieren. „Das ist wie ein Ballett“, sagt Marie Pierre Rossi, die Teamchefin des Weltmeisters, begeistert. Das Mechaniker-Quartett tanzt unter dem Citroën-Baldachin rund um das World Rally Car auf Basis des serienmäßigen DS3.

          Während des Mittagsservice haben die Mechaniker genau 30 Minuten Zeit, den DS3 WRC auf Herz und Nieren zu prüfen und bereit zu machen für die Wertungsprüfungen am Nachmittag

          Auf Augenhöhe zum Publikum

          Von der Serie unterscheidet sich das Rally-Car dennoch ganz entschieden: Fahrwerk, Motor, Reifen und Karosserieteile, der Überrollkäfig und vor allem der Allradantrieb sind individuell für den DS3 WRC entwickelt oder modifiziert worden. Neben dem französischen Auto treten in der Königsklasse des Rallye-Sports derzeit außerdem der Ford Fiesta RS WRC und der Mini John Cooper Works WRC an, Volkswagen steigt 2012 mit dem Polo R WRC in den Wettbewerb ein. Das Jahr 2011 ist die erste Saison der Wettkampf-Version des kompakten DS3, näher am Serienmodell sind der DS3 R3 (ein Rallye-Wagen ohne Allrad) und der DS3 Racing als Sportversion des Serienmodells.

          Rallye, das klingt nach Marathons quer durch Europa, nach Sahara-Touren in Richtung Dakar und legendären Siegen auf seriennahen Sportwagen. Solche Stern- und Langstreckenfahrten hatten eine lange Tradition in der Motorsportgeschichte. Bei modernen Rallyes werden Wertungsprüfungen auf abgesperrten Strecken gefahren, dazwischen liegen Verbindungsetappen im normalen Straßenverkehr. Ein anderer Evolutionsstrang des Rennsports führte zum durchgetakteten Hochgeschwindigkeitsrennen auf der Rundstrecke. „Das ist eine große Show“, sagt Olivier Quesnel, Sportchef von Citroën, über die Formel 1 – „aber echter Wettbewerb findet auf der Rallye-Piste statt.“

          Im Hintergrund wird eifrig geschraubt, die Mechaniker überprüfen den Motor (ein eigens entwickeltes 1,6-Liter-Triebwerk mit Direkteinspritzung) und ziehen neue Reifen auf (eine weiche und eine harte Mischung für Asphalt, außerdem ein Schotterreifen stehen im WRC zur Verfügung). Das alles geschieht auf Augenhöhe zum Publikum. Denn die Zuschauer sitzen nicht auf einer Tribüne, sondern kommen der Boxencrew bis auf zwei Meter nahe und verfolgen das eingespielte Team. Die Mechaniker sind aus Versailles angereist, wo Citroën Racing seinen Stammsitz hat. „Das ist die beste Truppe, die ich bisher gesehen habe“ sagt Sportchef Quesnel über die Mannschaft.

          Anfassen verboten!

          Statt des Schmiermaxen als Beifahrer, der die Technik unterwegs am Laufen hält, spielt auf der Rallye-Piste längst der Kopilot als Navigator die entscheidende Rolle neben dem Fahrer. Zur Legende ist beispielsweise Denis Jenkinson geworden, der Stirling Moss im Jahr 1955 zum Sieg bei der Mille Miglia lotste. Zupacken, wenn es beispielsweise um das Reifenwechseln auf der Strecke geht, müssen Pilot und Beifahrer aber auch heute noch, sagt Marie Pierre Rossi. Denn die Mechaniker dürfen nur im Werkstattzelt am Fahrzeug arbeiten, und das auch nur während der drei von der FIA erlaubten Zeiten am Tag: 15 Minuten am Morgen, mittags eine halbe Stunde und schließlich 45 Minuten am Abend. Das enge Zeitkorsett (noch kürzer sind allerdings die sekundenkurzen Boxenstopps der Formel 1) zwingt zu präzisem, schnellen Montieren: Ein Austausch des Getriebes dauert beim DS3 WRC im Extremfall nur 15 Minuten.

          Anfassen verboten! Das gilt für alle Mechaniker ohne FIA-Armbinde, wenn sie dem Wettbewerbsfahrzeug nahe kommen. Sie dürfen nur Werkzeug anreichen, Tipps geben, die Arbeiten koordinieren. So soll verhindert werden, dass die großen Werksteams ihren Vorteil größerer Mannschaften ausspielen. Immerhin können sich die beiden Vierermannschaften eines Rennstalls aber austauschen. Wenn bei Citroën also ein Wagen deutlich mehr Arbeit verlangt als der andere, werden die Mechaniker 5:3 oder 6:2 aufgeteilt.

          Brückenschlag zwischen Sport und Sparsamkeit

          Am ersten Abend der Rallye, kurz vor dem Start, präsentiert der ADAC im Hauptquartier der Rallye stolz die Technik, die im Hintergrund läuft: Kontinuierliche Überwachung aller Rennfahrzeuge, Lenkung der Verkehrsströme, Information von Besuchern und Helfern – all das wird aus drei mit Leinwänden und Monitoren gefüllten Sälen eines Hotels mitten in Trier koordiniert. Die Kommunikationstechnik ist unerlässlich, um das Geschehen rund um die Rallye mit 220.000 Zuschauern zu organisieren, sagt ADAC-Sportchef Hermann Tomczyk. Im Rennen profitieren die Piloten allerdings nicht davon, dass der Computer jederzeit ihre genaue Position kennt. Die telemetrische Übermittlung von Fahrzeugdaten zwischen Rallye-Wagen und Box ist verboten, erklärt Marie Pierre Rossi. Wenn das Team einen Schaden am Fahrzeug hat, muss es eben zum Mobiltelefon greifen und den Service anrufen, damit die passenden Teile schon bereitliegen.

          Solche Details unterscheiden die Rallye-Werkstatt besonders deutlich von der Formel 1, wo die technischen Grenzen zwischen Fahrer und Fahrzeug manchmal zu verschwimmen scheinen. Auch die frischen Reifen werden nicht einzeln unter Heizdecken vorgehalten, sondern kommen als tiefschwarz glänzender Stapel auf dem Sackkarren angerollt. Nach drei Wertungsprüfungen ist ein neuer Satz Pneus auch dringend nötig, die alten Gummis zeigen nach den Strapazen des Vormittags eine graue, rauhe Oberfläche. Dabei wird die Deutschland-Rallye fast ausschließlich auf Asphalt gefahren, grobe Schotterstrecken machen laut der Statistik des Veranstalters ADAC nur 0,9 Prozent von insgesamt 1245 Kilometer Strecke aus.

          Sébastien Loeb fährt nach 29 Minuten zurück auf die Strecke. Getankt wird im WRC nicht an der Box, sondern an einer zentralen Füllstation. Sportchef Quesnel erklärt gerade, wie Serienfahrzeuge auch im 21. Jahrhundert vom Rennsport profitieren: „Wenn wir es schaffen, mit moderner Technik im Rallye-Sport Zeit zu sparen, dann können wir damit im Alltag mit ähnlichen Lösungen den Verbrauch senken“, wirbt der Franzose für den Brückenschlag zwischen Sport und Sparsamkeit. Die Fans interessiert derweil etwas ganz anderes: Als das erste Rallye-Fahrzeug mit fauchendem Auspuff aus dem Zelt rollt, gibt es spontanen Applaus für die Werkstattcrew. Deren Handschuhe sind längst nicht mehr weiß, alte Stoßdämpfer und Werkzeuge liegen auf dem Zeltboden, die Service-Crew grinst glücklich. Auch Quesnel ist zufrieden: „Eine Rallye zu gewinnen, das ist wie ein Menü zu kochen“, sagt der Sportchef: „Ich brauche nicht nur alle Zutaten, sondern muss sie auch perfekt kombinieren können.“ Und seinem Küchenteam vertraut Quesnel dabei voll und ganz.

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