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Mechaniker bei der Deutschlandrallye : Schmiermaxen in der Rallye-Küche

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Statt des Schmiermaxen als Beifahrer, der die Technik unterwegs am Laufen hält, spielt auf der Rallye-Piste längst der Kopilot als Navigator die entscheidende Rolle neben dem Fahrer. Zur Legende ist beispielsweise Denis Jenkinson geworden, der Stirling Moss im Jahr 1955 zum Sieg bei der Mille Miglia lotste. Zupacken, wenn es beispielsweise um das Reifenwechseln auf der Strecke geht, müssen Pilot und Beifahrer aber auch heute noch, sagt Marie Pierre Rossi. Denn die Mechaniker dürfen nur im Werkstattzelt am Fahrzeug arbeiten, und das auch nur während der drei von der FIA erlaubten Zeiten am Tag: 15 Minuten am Morgen, mittags eine halbe Stunde und schließlich 45 Minuten am Abend. Das enge Zeitkorsett (noch kürzer sind allerdings die sekundenkurzen Boxenstopps der Formel 1) zwingt zu präzisem, schnellen Montieren: Ein Austausch des Getriebes dauert beim DS3 WRC im Extremfall nur 15 Minuten.

Anfassen verboten! Das gilt für alle Mechaniker ohne FIA-Armbinde, wenn sie dem Wettbewerbsfahrzeug nahe kommen. Sie dürfen nur Werkzeug anreichen, Tipps geben, die Arbeiten koordinieren. So soll verhindert werden, dass die großen Werksteams ihren Vorteil größerer Mannschaften ausspielen. Immerhin können sich die beiden Vierermannschaften eines Rennstalls aber austauschen. Wenn bei Citroën also ein Wagen deutlich mehr Arbeit verlangt als der andere, werden die Mechaniker 5:3 oder 6:2 aufgeteilt.

Brückenschlag zwischen Sport und Sparsamkeit

Am ersten Abend der Rallye, kurz vor dem Start, präsentiert der ADAC im Hauptquartier der Rallye stolz die Technik, die im Hintergrund läuft: Kontinuierliche Überwachung aller Rennfahrzeuge, Lenkung der Verkehrsströme, Information von Besuchern und Helfern – all das wird aus drei mit Leinwänden und Monitoren gefüllten Sälen eines Hotels mitten in Trier koordiniert. Die Kommunikationstechnik ist unerlässlich, um das Geschehen rund um die Rallye mit 220.000 Zuschauern zu organisieren, sagt ADAC-Sportchef Hermann Tomczyk. Im Rennen profitieren die Piloten allerdings nicht davon, dass der Computer jederzeit ihre genaue Position kennt. Die telemetrische Übermittlung von Fahrzeugdaten zwischen Rallye-Wagen und Box ist verboten, erklärt Marie Pierre Rossi. Wenn das Team einen Schaden am Fahrzeug hat, muss es eben zum Mobiltelefon greifen und den Service anrufen, damit die passenden Teile schon bereitliegen.

Solche Details unterscheiden die Rallye-Werkstatt besonders deutlich von der Formel 1, wo die technischen Grenzen zwischen Fahrer und Fahrzeug manchmal zu verschwimmen scheinen. Auch die frischen Reifen werden nicht einzeln unter Heizdecken vorgehalten, sondern kommen als tiefschwarz glänzender Stapel auf dem Sackkarren angerollt. Nach drei Wertungsprüfungen ist ein neuer Satz Pneus auch dringend nötig, die alten Gummis zeigen nach den Strapazen des Vormittags eine graue, rauhe Oberfläche. Dabei wird die Deutschland-Rallye fast ausschließlich auf Asphalt gefahren, grobe Schotterstrecken machen laut der Statistik des Veranstalters ADAC nur 0,9 Prozent von insgesamt 1245 Kilometer Strecke aus.

Sébastien Loeb fährt nach 29 Minuten zurück auf die Strecke. Getankt wird im WRC nicht an der Box, sondern an einer zentralen Füllstation. Sportchef Quesnel erklärt gerade, wie Serienfahrzeuge auch im 21. Jahrhundert vom Rennsport profitieren: „Wenn wir es schaffen, mit moderner Technik im Rallye-Sport Zeit zu sparen, dann können wir damit im Alltag mit ähnlichen Lösungen den Verbrauch senken“, wirbt der Franzose für den Brückenschlag zwischen Sport und Sparsamkeit. Die Fans interessiert derweil etwas ganz anderes: Als das erste Rallye-Fahrzeug mit fauchendem Auspuff aus dem Zelt rollt, gibt es spontanen Applaus für die Werkstattcrew. Deren Handschuhe sind längst nicht mehr weiß, alte Stoßdämpfer und Werkzeuge liegen auf dem Zeltboden, die Service-Crew grinst glücklich. Auch Quesnel ist zufrieden: „Eine Rallye zu gewinnen, das ist wie ein Menü zu kochen“, sagt der Sportchef: „Ich brauche nicht nur alle Zutaten, sondern muss sie auch perfekt kombinieren können.“ Und seinem Küchenteam vertraut Quesnel dabei voll und ganz.

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