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Maybach S600 : Die S-Klasse streckt sich zum Maybach

Stattlicher Anblick, elegante Linien: Die Maybach-Variante der S-Klasse wächst um 20 Zentimeter in die Länge Bild: Hersteller

So leicht gibt Mercedes-Benz nicht auf. Im dritten Versuch soll die Traditionsmarke in die Zukunft fahren - auch weil die neue Version billiger als ihre Vorgänger sein wird.

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          Diesmal machen sie alles eine Nummer kleiner, auf dass etwas Größeres herauskommen möge. Diesmal haben sie nicht die Queen Elizabeth gechartert, keine Vitrine auf das Deck des Luxusschiffs gebaut, und es möchte auch niemand mehr so gern erinnert werden an den pompösen Streich im Sommer 2002, der sich als grandiose Fehleinschätzung entpuppte. Maybach soll wiederbelebt werden. Mal wieder. Der Anspruch der traditionsreichen Marke, die jüngeren Europäern ebenso unbekannt ist wie vielen Amerikanern oder Asiaten, war und ist eindeutig.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Das Beste vom Besten soll sie sein, und da Daimler ohnehin werbend verspricht, das Beste oder nichts zu bauen, sollte nun zumindest ein recht erfreuliches Automobil der Luxusklasse auftreten. Und das in einer ehrlicheren Haut. Man musste schon auf beiden Augen blind sein oder im Marketing von Mercedes-Benz arbeiten, um seinerzeit im Maybach keine S-Klasse zu erkennen. Die hat keine schlechten Gene, aber sie ist eben kein Rolls-Royce oder Bentley, und wer 400.000 Euro ausgibt, legt einen schönen Teil davon für das Image hin. Mit halbherzigen Schritten ist in diesen Sphären nichts zu gewinnen. Hinterher ist man freilich immer schlauer.

          Dabei hat die Historie einiges zu bieten. Die zwischen 1921 und 1941 gefertigten Luxusmobile mit dem doppelten „M“ haben ihren Platz im Auto-Olymp. Daimler-Chrysler erweckte die ruhmreiche Vergangenheit des am Bodensee ansässigen Unternehmens und zeigte zur Tokio Motor Show 1997 die erste Studie. 2002 debütierten Maybach 57 und 62 der neuen Generation, zusammengesetzt wurden die bis zu 6,20 Meter langen und 2,9 Tonnen schweren Autos in Sindelfingen. Ein V12-Biturbomotor, gekoppelt mit einer Fünfgangautomatik, holte aus 5,5 Liter Hubraum 550 PS und 900 Nm Drehmoment.

          Das genügte für überzeugende Fahrleistungen, überzeugte aber die avisierte Kundschaft nicht. Dann drehte sich die Spirale nach unten. Es wurde wenig investiert, der Maybach fuhr technisch der S-Klasse bald hoffnungslos hinterher. Das Ziel, jährlich 1000 Maybach für 400.000 bis 1 Million Euro zu verkaufen, wurde weit verfehlt. Seit 2002 entstanden nur gut 3300 Wagen, also rund 300 im Jahr. Ende 2012 wurde die Fertigung sang- und klanglos eingestellt.

          Gleichzeitige Präsentation in China und Amerika

          Nun unternimmt Daimler einen neuen Versuch und setzt weiter unten an, was freilich noch immer recht weit oben ist. Auf der nunmehr längsten aller S-Klassen prangt künftig das Emblem Maybach. Der Luxusliner dürfte sich in Regionen um 200.000 Euro aufhalten, und weil Daimler die Einordnung nicht als Ausstattungslinie, sondern als Submarke verstanden wissen möchte, scheint es nicht ausgeschlossen, dass eines Tages auch andere Modelle in den Genuss des Doppel-M kommen, vielleicht wird es sogar einen GL-Geländewagen von Maybach geben. Der ökonomischen Logik folgend, stellen die Schwaben das neue Topmodell gleichzeitig in China und Amerika vor, auf den Messen in Guangzhou und Los Angeles. 5,45 Meter Länge und 3,36Meter Radstand garantieren üppige Bewegungsfreiheit, die vor allem der chauffierte Eigner zu schätzen weiß.

          Beide Maße übertreffen die S-Klasse um 20 Zentimeter. Im Fond sind großzügige Sitze mit Ruheposition verankert. Auf den beiden hinteren Plätzen soll der Mercedes-Maybach das leiseste Auto der Welt sein, und zwar in Sitz- wie in Ruheposition, wofür die Entwickler in verschiedenen Höhen der Karosserie spezielle Dämmung verbaut haben. Falls dennoch Redebedarf mit den Vorderleuten besteht, sorgt eine Sprachverstärkung via Radioboxen dafür, dass der Raum nicht unüberbrückbar wird. Und selbstredend sind Annehmlichkeiten an Bord, die in dieser Welt eher Selbstverständlichkeiten sind, als da zum Beispiel wären handgefertigte Champagnerkelche der Flensburger Silbermanufaktur Robbe & Berking, die Yachteignern wohlbekannt sein dürften. Das feste Dreiecksfenster hinten schafft Privatsphäre, der Türausschnitt ist fast quadratisch, mithin großzügig.

          Der Mercedes-Maybach S 600 wird angetrieben von einem 6-Liter-V12-Biturbo mit 530 PS, der 830Nm Drehmoment ab 1900/min zur Verfügung stellt. Das ist weniger, als der alte Maybach leistete, aber immer noch opulent. Der V8 im S 500 schöpft aus 4,7 Liter Hubraum „nur“ 455 PS, er wird auch mit Allradantrieb angeboten. Für China wird es aus steuerlichen Gründen sogar einen Sechszylinder geben. Im Februar kommenden Jahres startet der dritte Versuch. Wem das alles noch nicht genügt, der möge noch ein wenig warten. Auch an eine weitere Historie will Daimler anknüpfen: Ein fast 6Meter langer Mercedes Maybach Pullmann dreht schon letzte Erprobungsrunden.

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