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Luftkissenschutz : Im Airbag ist noch jede Menge Luft

  • -Aktualisiert am

Die Lebensretter haben ausgelöst Bild: dpa

Der Luftkissenschutz für Fahrer und Beifahrer ist inzwischen fast lückenlos. Nun rückt die Sicherheit der Fondpassagiere in den Fokus der Entwicklungsingenieure.

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          Die negativen Schlagzeilen der vergangenen Monate um Airbags - aktuell Honda und dazu mehr als sieben Millionen Rückrufe in Amerika und rund 150.000 zurückgerufene Audi in Deutschland wegen möglicher Fehlfunktionen -, sie haben das Image des Luftsacks als Lebensretter Nummer zwei (nach dem Sicherheitsgurt) stark diskreditiert.

          Unter diesem Aspekt kann man das diesjährige Airbag-Symposion in Karlsruhe als gelungenen Versuch zu seiner Rehabilitierung interpretieren. Am vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT) veranstalteten größten Branchentreffen nahmen knapp 700 Experten aus 21 Ländern teil.

          Forscher arbeiten weiter an intelligenten Airbags

          Der erfreuliche Rückgang der Zahl der Unfalltoten auf deutschen Straßen vom unglaublichen Höchststand 1970 mit 21.332 Opfern auf das Allzeittief von 3339 im Vorjahr dürfe nicht den Blick auf gegenläufige Entwicklungen in anderen Weltregionen verstellen, mahnten die Insassenschutzexperten Michael Fehring (Daimler) und Jens Bosch (Volkswagen). Auch derzeit verlören fast 1,3 Millionen Menschen pro Jahr ihr Leben durch Verkehrsunfälle, und die Tendenz sei steigend. Der lawinenartig anwachsende Mobilitätsbedarf vor allem in den Schwellenländern führt nach Hochrechnungen der Weltgesundheitsorganisation dazu, dass Verkehrsunfälle in der Statistik der Todesursachen bis 2030 auf Platz fünf vorrücken werden. Heute liegen sie noch auf Platz neun.

          Vor diesem Hintergrund skizzierte ICT-Tagungsleiter Jochen Neutz künftige Herausforderungen für Forschung und Entwicklung bei Fahrzeugherstellern und Zulieferern. Rückhaltesysteme müssten einerseits bezahlbar bleiben, um auch im Niedrigpreissegment umfassende Verbreitung zu finden, andererseits im Hinblick auf Verbrauchs- und Emissionsminderung kleiner und leichter werden. Steigende Marktanteile von Elektroautos erforderten modifizierte Schutzsysteme, nicht zuletzt auch für deren Batterie. Aktive Crash-Strukturen, die Energie abbauen und Kollisionskräfte übertragen, müssten bei der Neukonstruktion künftiger Fahrzeuggenerationen verstärkt Anwendung finden.

          Nach dem inzwischen fast lückenlosen Luftkissenschutz für Fahrer und Beifahrer rückt nun die Sicherheit der Fondpassagiere in den Fokus der Entwicklungsingenieure. So zeigte in Karlsruhe beispielsweise der Zulieferer TRW einen Dach-Airbag für den Fond, der in Kombination mit einem durch Gurtstraffer und Kraftbegrenzer optimierten Gurtsystem verhindern soll, dass bei einem Crash der Kopf von Hintensitzenden auf Kopfstütze oder Rückenlehne der Vordersitze prallt.

          „Die Analyse der Verletzungsmuster von Fondinsassen zeigt, dass die Hälfte der verletzungsrelevanten Belastungen entsteht, weil ihr Kopf den Vordersitz berührt oder durch den Sicherheitsgurt zu hohe Kräfte auf den Brustkorb einwirken“, stellte Dirk Schultz, Leiter Airbag- Systeme bei TRW, fest.

          Zentrales Airbag-Modul

          Einen schleichenden Wegfall ihrer Geschäftsgrundlage durch immer effizientere Fahrerassistenzsysteme und zunehmende Automatisierung von Fahrabläufen befürchtet die Airbagbranche nicht. „Die kontinuierliche Verbesserung des Insassenschutzes birgt noch erhebliches Potential,“ sagte Schultz. „Wir arbeiten zum Beispiel an einem zentralen Airbag-Modul, das sich zwischen Fahrer- und Beifahrersitz entfaltet, aber auch an externen Seiten-Airbags. Außerdem suchen wir nach alternativen Einbauorten für die aktuellen Airbags.“

          Sollte die hehre „Vision Zero“ der Europäischen Kommission, also der absolut unfallfreie Straßenverkehr, eines fernen Tages wider Erwarten wahr werden, hat die Airbag-Industrie bis dahin längst neue Geschäftsfelder erschlossen. An Ideen mangelt es keineswegs. Ob einer Coiffeur-Haube ähnelnde Kopf-Airbags für Radfahrer oder Airbag-Westen für Extremsportler, Motorradfahrer (gibt es schon) und sturzgefährdete Senioren, solche Konzepte können wenn nicht morgen, so doch übermorgen Realität sein.

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