https://www.faz.net/-gy9-6m1t5

Lotus : Vision oder Wirklichkeit?

  • -Aktualisiert am

Keine Vision: Der neue Lotus Evora S Bild: Tom Debus

Zwar investiert Lotus eine Milliarde Euro in die Wiederbelebung der Marke. Doch gemessen an den Budgets bei Ford oder VW ist das ein Kleckerbetrag. Auf dem Pariser Autosalon überraschte Lotus mit einem Füllhorn von Neuigkeiten. Zu viel versprochen?

          3 Min.

          Lotus will wieder auf Augenhöhe mit Porsche und Ferrari kommen und hatte dafür in Paris gleich sechs neue Autos in fünf Jahren versprochen. Lotus-Vorstand Dany Bahar und sein von Mercedes-Tuner AMG abgeworbener Technikchef Wolf Zimmermann haben das Pariser Statement jetzt erneuert. Im englischen Hethel gab es bislang zwar keinen Prototypen zu sehen, und die Türen der Entwicklungsabteilung sind fest verschlossen, vom Umbau der Fabrik zeugen nur ein paar Bagger am Horizont. Die Nachricht von bis zu 100 Entlassungen stützt nicht unbedingt die Zuversicht. Doch hat der Sportwagenhersteller die Vision von der neuen Wirklichkeit mit konkreteren Zahlen unterfüttert.

          2013 soll der neue Esprit für Preise um 130.000 Euro kommen. Es folgen ein neuer Elite, die nächste Generation des puristischen Leichtbausportlers Elise, der Eterne im Stil von Aston Martin Rapide und Porsche Panamera sowie der Elan, der zum Abschluss der Modelloffensive den bis dato wenig glücklichen Evora ersetzen soll. Alle Zweitürer wird es laut Zimmermann auch als Roadster oder Cabrio geben, und neben einem Benzinmotor plant der einstige AMG-Techniker die gesamte Palette auch mit Hybridantrieb.

          „Er wird sicher nicht mehr in England gebaut“

          Neu im Fünfjahresplan steht der Kleinwagen Ethos, der bislang noch als Studie gehandelt wird. Den Stadtflitzer in der Klasse von knapp vier Meter entwickelt Lotus gemeinsam mit Mehrheitseigner Proton (Malaysia) und will ihn von 2014 an ausschließlich mit Hybrid- oder gleich mit Elektroantrieb anbieten. Das Auto wird ganz ähnlich gestrickt wie der Aston Martin Cygnet, der eigentlich ein Toyota iQ ist: Proton baut das Basisfahrzeug, Lotos wird den Wagen nur veredeln, der Fahrspaß soll aber nicht zu kurz kommen. Zumindest in einem Punkt allerdings wird der Ethos mit der Tradition brechen: „Er wird sicher nicht mehr in England gebaut“, verrät Zimmermann und plant mit einer preisgünstigen Fertigung in einem asiatischen Land. Einen Abschied von Hethel wird es auch für andere Modelle geben. Bahar: „Unser Werk ist schlichtweg zu klein, um alle neuen Autos zu bauen. Wir fertigen hier künftig nur noch die Modelle mit Heckmotor. Für alle anderen verhandeln wir mit Auftragsproduzenten im europäischen Ausland.“

          Evora mit sechsstufigem Automatikgetriebe: Lotus investiert in die Wiederbelebung der Marke
          Evora mit sechsstufigem Automatikgetriebe: Lotus investiert in die Wiederbelebung der Marke : Bild: Tom Debus

          Neben dem Ethos haben die Briten jetzt auch ihren eigenen Motor bestätigt: „Einen Supersportwagen darf man nicht mit einem fremden Antrieb bestücken“, hat Bahar von den Interessenten gelernt und dem bisherigen Vertragspartner Toyota deshalb eine Absage erteilt. Stattdessen konstruiert Zimmermann gerade einen eigenen V8 mit 4,8 Liter Hubraum, der wie ein Rennmotor bis 9000 Touren drehen und in der Grundversion 419 kW (570 PS) leisten soll: „Für sportlichere R-Versionen ist aber nach oben noch Luft.“ Das Kraftpaket wird extrem kompakt, leicht und flach und soll so eine möglichst tiefe Einbaulage ermöglichen. Bislang gibt es auch das allerdings nur als Computersimulation.

          Hoher Gleichteile-Anteil

          Zwar genießt Zimmermann nach eigenen Worten anders als bei Mercedes-Benz und AMG eine extrem flache Hierarchie, in der Entscheidungen zwischen ihm und Chefdesigner Donato Coco allein und über Nacht gefällt werden. Doch wenn man an so vielen Projekten gleichzeitig arbeitet, kann der Tag gar nicht lang genug sein, klagt er.

          Außerdem muss Zimmermann mit knappen Ressourcen haushalten: Zwar investiert Lotus in die Wiederbelebung der Marke und die sechs Modelle in den nächsten Jahren rund eine Milliarde Euro. Doch gemessen an den Budgets etwa bei Ford oder VW ist das beinahe ein Kleckerbetrag: „Das reicht dort nur für ein einziges Modell“, weiß Zimmermann. Damit er mit diesem Budget gleich eine ganze Flotte auf die Räder stellen und auch noch ein paar Jahre Zeit sparen kann, arbeitet er mit einem hohen Gleichteile-Anteil. „Mindestens die Hälfte aller Bauteile sind identisch, nur die Hülle wird variiert.“ Wie sich ein Unternehmen, das aktuell nur etwa 2500 Autos im Jahr verkauft, so einen Kraftakt leisten kann? Mit fremdem Geld: Die Investitionen für die nächsten fünf Jahre haben die Briten bei Proton, den Banken und beim eigenen Management eingesammelt.

          Auf kompromisslose Sportlichkeit ausgelegte Philosophie

          Zwar setzt Bahar voll und ganz auf die Zukunft. „Aber bis die beginnt, müssen wir noch mit der aktuellen Modellpalette leben“, sagt der Unternehmenschef und blickt etwas mitleidig auf den hoffnungslos veralteten Roadster Elise, den mangels Euro-5-tauglichen Motoren vorübergehend eingestellten Exige und den wenig erfolgreichen Evora, von dem es bislang keine zwei Dutzend Exemplare nach Deutschland geschafft haben. Um wenigstens mit einem blauen Auge über die nächsten zwei Jahre zu kommen, legt Lotus noch einmal Hand an diese Modelle.

          Den Evora gibt es deshalb jetzt als ersten Lotus der jüngeren Geschichte auch mit einem sechsstufigen Automatikgetriebe. Es wird kombiniert mit einem 205 kW (280 PS) starken V6-Motor und kommt damit auf einen Verbrauch von 8,7 Liter (entsprechend 208 g/km CO2). Allerdings will diese Option nicht so recht zur puristischen, auf kompromisslose Sportlichkeit ausgelegten Philosophie des 1952 von Colin Chapman gegründeten Unternehmens passen. Für die Elise sind neue Leistungsstufen in Vorbereitung, und der Exige feiert zur IAA in Frankfurt mit einem neuen Motor sein Comeback als radikaler Rennwagen für die Straße.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

          Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.
          Trumps Amtszeit endet am Mittwoch, das Bild zeigt ihn im Juni 2020 während er die Air Force One betritt.

          Vor der Amtsübergabe : Wer auf Trumps Begnadigung hofft

          Der amerikanische Präsident plant zum Abschied eine Reihe von ungewöhnlichen Gnadenakten. Die „New York Times“ berichtet nun von Versuchen interessierter Kreise, sich eine Begnadigung von Donald Trump zu kaufen.
          Armin Laschet im September 2018 ungefähr 1200 Meter unter Tage in der Steinkohlenzeche Prosper Haniel in Bottrop.

          Neuer CDU-Vorsitzender : Der Wirtschaftspolitiker Armin Laschet

          Weniger Bürokratie, nicht „halb grün“, europäische Champions: Wofür der neue CDU-Chef wirtschaftspolitisch steht, hat er als Ministerpräsident schon in wichtigen Einzelfällen gezeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.