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Lotus Evora und Elise : Quadratur des Kreises und Luxus des Komforts

  • -Aktualisiert am

Rund 1380 Kilogramm wiegt der Evora Bild: Abele

Die Marke Lotus steht bisher hauptsächlich für kernige und kernigste Sportwagen. Und jetzt ein komfortabler Lotus? Der Evora will es sein - und bietet Platz für vier Personen. Wir sind ihn im Vergleich mit der kleinen Elise SC gefahren.

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          Die Marke Lotus steht bisher hauptsächlich für kernige und kernigste Sportwagen. Modelle wie Elise, Exige und Seven spielen perfekt mit den klassischen Zutaten Leichtbau, Motorleistung und Fahrwerk. Komfort wird dabei zwangsläufig auf ein Mindestmaß zurückgeschraubt, was aber der Zielgruppe durchaus recht ist: Sie liebt es, das Fahrzeug mit größter Exaktheit in jede Kurve zu setzen und mit hohem Tempo hindurchzutreiben. Fahrbahnstöße werden willkommen geheißen als frische Information über die Asphaltoberfläche, Motorlärm wird als Musik empfunden. Es kann ungemein zufrieden machen, wenn man weitgehend ungefiltert fährt, die Maschine beherrscht und nicht von ihr bevormundet wird.

          Der Elise SC kauert auf dem Asphalt. Er wurde uns vom wortgewandten Pressesprecher bereits ausführlich vorgestellt, beispielsweise als eine Richtmarke von Lotus: Von solchen Sportwagen komme die Marke, sie würden den Wesenskern ausmachen. Und man müsse sie erfahren, um zu verstehen, was Lotus umfasst. Die Tür ist schnell geöffnet, ein mildes Herunterbeugen genügt. Dann folgt eine Varieténummer: Unter Einfalten verschiedener Extremitäten, dem Beugen des Rückens und dem Einziehen des Kopfes gelingt es, den Körper durch eine Luke von Türöffnung und über ein Ungetüm von Seitenträger zu bringen, das Gesäß im Ledergestühl zu plazieren, die Beine Richtung Pedale zu strecken und, zur ersten Orientierung, das Lenkrad zu ergreifen. Wir haben uns das Auto gewissermaßen angezogen.

          Es sitzt straff, aber kneift nicht. Per Startknopfdruck bellt der Kompressor-Vierzylinder mit 1,8 Liter Hubraum los, er stammt wie das Sechsganggetriebe von Toyota. Keine schlechte Wahl, denn der mit 930 Kilogramm leichte Elise SC beschleunigt angesichts der 220 PS (162 kW) flott, aber kultiviert, die Gänge rasten munter ein, die Lenkung gibt präzise die Richtung vor. Der Hersteller nennt 4,6 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h. Schon sind fünf Kurven gefrühstückt, weitere sind willkommen, und der Schwarzwald gibt reichlich. Nach 220 Kilometer (gefühlt sind es mindestens 550) rollt der 49 950 Euro kostende Elise SC nach freudvoller Hatz aus, und der Motor darf sich erst einmal ausruhen. Sein Singen klingt in uns nach. Wir ziehen das Auto aus, was wiederum bestes Varieté ist. An Gliedern und Kleidung etwas zerknittert, stehen wir neben der Asphaltflunder und lauschen dem Knistern und Knacken des abkühlenden Mittelmotors. Er klingt zufrieden. Dann sind wir es auch.

          Der Elise ist eine reine Fahrmaschine

          Antwort auf den Ruf nach der Herausforderung im Alltag

          Wir haben die Worte des umtriebigen Lotus-Pressesprechers noch im Ohr: Es gebe Kunden, die etwas mehr Komfort wünschen. Im Nachhinein würden wir erwidern: die überhaupt etwas Komfort wünschen. Weil sie sich nicht wie der Lotus-Gründer Colin Chapman dem puren Rennwagen verschrieben haben. Keine Frage: Fahrzeuge vom Schlage des Elise sind eine stimmige Antwort auf den Ruf nach der Herausforderung im Alltag. Doch der Alltag hält mitunter auch noch andere Herausforderungen bereit - etwa den Nachwuchs in den Kindergarten zu bringen, um gleich anschließend ins Büro zu eilen, begleitet von durch den Kopf schießende Gedanken des Tagesgeschäfts, das bereits Aufmerksamkeit erfordert.

          Die Antwort des Unternehmens steht uns zu Füßen. Der Evora ist ein wenig höher als der Elise, länger auch, aber ansonsten unverkennbar ein Lotus. Er bietet mehr Komfort und als 2+2-Sitzer vier Plätze. Zugegeben: In den Fond sollte nur zusteigen, wer eine Körpergröße von höchstens 1,50 Meter hat - Kinder beispielsweise, die ohnehin gern in die Flunder hüpfen. Oder auch der ein oder andere Einkauf kann hinein, der im Elise mangels Raum nicht befördert werden kann.

          Schon beim Einsteigen wird ein Mehr an Komfort spürbar. Es geht dank breiterer Türöffnung, schmalerem Seitenschweller und einer höheren Sitzposition fast ohne Verrenkungen vonstatten - dennoch ist der Evora ein nahe dem Asphalt gebauter Sportwagen. Sein Innenraum ist wohnlich, Leder und Teppichboden verhüllen das bei den anderen Lotus-Typen nackte Aluminiumchassis. Sogar ein Touchscreen ist in die Armaturentafel eingebaut - er stammt von Alpine und bietet nicht nur Entertainment, sondern auch Navigation sowie das Bild der Rückfahrkamera, zu der wir uns schon auf den ersten Metern beglückwünschen. Sie führen rückwärts aus der Parklücke.

          Evora mit Kompressormotor und sattem Leistungsplus

          Doch dann geht es lotusgewohnt vorwärts. Rund 1380 Kilogramm wiegt der Evora, er hat ein leichtes und steifes Chassis und wiederum in Mittelposition einen Toyota-Motor - diesmal jedoch ist es ein V6 mit 3,5 Liter Hubraum und einer Leistung von 280 PS (206 kW). Er hat ein einfaches Spiel mit dem Auto, und der Fahrer spielt gern mit. Die Lenkung mit Servounterstützung, eine Premiere der Marke, ist reaktiv und setzt das Fahrzeug präzise auf Linie, die Sechsgangschaltung erfreut mit Exaktheit und kurzen Wegen, das Gaspedal spricht den Motor unverzüglich an. Und wieder wieseln wir durch die Kehren, freuen uns nach jeder auf die nächste, sind flott unterwegs. Doch das Mehr an Masse und Größe im Vergleich zur Elise ist spürbar - der Evora ist eben ein Bequemsportler, während die Markenbrüder einen starken bis überbordenden Hang zum Wettkampf haben. Aber genau so soll es ja sein. Mit dieser Sichtweise nehmen wir es als gute Botschaft, dass der Evora eine Geschwindigkeitsregelanlage bietet und es für ihn ein Automatikgetriebe und auch das elektronische Stabilitätsprogramm ESP geben soll. Und er hat eine bessere Langstreckentauglichkeit, was sich etwa über einen weniger nervösen Lauf und ein geringeres Geräuschniveau im Innenraum äußert. Der Fahrer hat am Volant dennoch genug getan, was Freude bringt, und er steigt zufrieden aus.

          Der Evora kostet 59.990 Euro. Bereits angekündigt ist der Evora mit Kompressormotor und sattem Leistungsplus, er wird im kommenden Jahr vorgestellt. Eine offene Variante ist denkbar, das rigide Chassis verträgt sie problemlos. Der Evora ist eine komplette Neuentwicklung - und der Aufbruch der Marke in eine neue Zukunft. Denn mit dem breiteren Modellportfolio erhofft man sich größere Stückzahlen über Neukunden, denen das bisherige Angebot zu kompromisslos war, und über Liebhaber der Marke, die sich den viersitzigen Lotus zusätzlich in die Garage stellen. Derzeit wird im Lotus-Werk in Hethel, Ostengland, die Fertigungskapazität für 2000 Evora jährlich aufgebaut - fast eine Verdoppelung der Autoproduktion dort, denn von den bisherigen Typen wurden jedes Jahr zusammen 2500 Stück hergestellt. Viel Handarbeit ist im Spiel, notwendig ist sie unter anderem wegen der zahlreichen Individualisierungsmöglichkeiten für einen Lotus. Für den Evora sind allein schon 25 Außenfarben erhältlich, aber auch dem Innenraum kann man über vielerlei Zutaten seine persönliche Note mitgeben. Aber genau das wollen die Kunden: Einen alltagstauglichen Sportwagen, der zwar Großserientechnik hat, aber ansonsten abseits der Großserie fährt. Willkommen bei Lotus.

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