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Lada in Togliatti : Väterchen Trotz

Vom Band läuft hier ein neues Modell aus dem Renault-Dacia-Regal. Bild: Hersteller

Lada in Togliatti, das ist seit 50 Jahren Fahrzeugbau in einer anderen Dimension. 600 Hektar misst das Gelände. Das Hauptgebäude ist 1,4 Kilometer lang.

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          Orange war er. Auf Asphalt ein Desaster, was erklären mag, warum die eine Kurve zu eng und hernach der Außenspiegel zu richten war, weil der Wagen drauf lag. Aber im nie geräumten Weg zum abgelegenen Wohnhaus durch den Schnee fuhr er regelmäßig seinen kalten Sieg ein: der Lada Niva, karg, günstig, unkaputtbar, Allradantrieb. Um 1985 war das, der Niva war schon zehn Jahre unverändert auf dem Markt, und von seiner russischen Heimatstätte Togliatti hieß es, man könne die Erdkrümmung sehen.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Im Jahr 2018 kann man noch immer die Erdkrümmung sehen, und der Niva wird immer noch gebaut. Er sieht noch so aus wie vor 40 Jahren und fährt noch so und hat innen vielleicht ein oder zwei andere Schalter, aber auch nur vielleicht. Er heißt jetzt 4×4, weil Lada in einer Verirrung den Namen an General Motors abgegeben hat, aber aller Autofans Augen leuchten, wenn sie ihn sehen. In diesen unruhigen Tagen, in denen Carlos Ghosn vom Thron stürzt, blickt die Welt auf Renault und Nissan und Mitsubishi. Aber auch Lada gehört zum französischen Hersteller.

          Die Russen kämpfen, es ist mühsam. Vor 20 Jahren haben sie mit 100 000 Mitarbeitern eine Million Autos im Jahr hergestellt. Avtovaz, wie die Firma heißt, hat Kindergärten und Kirchen und Sportstätten gebaut, das Eisstadion ist von ihnen. Zur Fußball-WM hat sich die Stadt herausgeputzt. Jetzt herrscht wieder Alltag. 36.200 Menschen, 40 Prozent Frauen, bauen 326.000 Autos im Jahr, den Niva eben und modernere Derivate aus dem Renault-Dacia-Regal.

          1966 sah ein Lada noch so aus. Bilderstrecke
          Lada in Togliatti : Väterchen Trotz

          Das Werk ist nicht ausgelastet, es läuft nicht mal im Zweischichtbetrieb unter Volldampf. Die Kauflaune der Kunden ist wegen der Wirtschaftsschwäche am Boden. Rohmaterial wird teurer, insbesondere Stahl. Zulieferer wackeln und müssen gestützt werden. Die Bosse vor Ort hoffen auf Exporte in den Osten und bessere Zeiten daheim, sie wollen gut 20 Prozent Marktanteil halten und von 2021 an Nettogewinn erwirtschaften.

          Derweil bleibt das Staunen über die Dimension. 600 Hektar misst das Gelände, vieles steht leer. Ein paar der baufälligen Hallen werden renoviert. Das Hauptgebäude ist 1,4 Kilometer lang. Die Fertigungslinien führen einfach stur geradeaus. Aber sie haben einen Effizienzgewinn zu vermelden: Ein Fließband wurde um 200 Meter verkürzt. Es ist jetzt nur noch 900 Meter lang. An seinem Ende: die Erdkrümmung. Und ein Niva.

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