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Kulenkampffs Schiff „Marius IV“ : Kulis Verkehrtherumsegler

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Zum Ritual der sommerlichen Törns zur Kattegatinsel Anholt und mancher kleinen Flucht zwischendurch in die Nordsee gehörte die Ansteuerung der Schifferklause Lehrke in Bremerhaven. Dort, an der Geeste 19, ging der Dreimaster oft längsseits. Andere Gäste, die am Tisch mit dem besten Blick auf den Hafen tafelten, wurden dann von der Wirtin mit dem Hinweis wegkomplimentiert, sie säßen „leider gerade an Herrn Kulenkampffs Platz“ und der sei halt jetzt da.

Cleverer Mix aus Formstabilität und 4,5 Tonnen Blei

Unterwegs auf See schöpfte der bodenständige Charmeur, der clever zwischen dem Tiefgängigen und dem Seichten, zwischen Spracharbeit auf der Theaterbühne oder literarischen Sendungen und populären Auftritten in den Quizshows „Wer gegen wen“ oder „Einer wird gewinnen“ zu kreuzen wusste, Ausgeglichenheit und Kraft. 1990 ersetzte er im Alter von 69 das Schiff durch ein Motorboot. Der nun „Kadija“ genannte Dreimaster unternahm in den Händen eines Berliner Ehepaars von Fehmarn aus manchen Ostseetörn, bis der Bremer Geschäftsmann Jens-Torsten Bausch das Boot übernahm und es aufwendig überholen ließ. Heute liegt es als „Langlütjen“ am Stegende der Bremerhavener Lloyd Marina.

Bleibt das Rätsel, wie sich so ein Verkehrtherumsegler eigentlich anfasst und fährt. Zur Beantwortung dieser Frage haben Bausch und sein Matrose Winkelvoß an einem gleichermaßen sonnigen wie windreichen Tag in Bremerhaven an Bord eingeladen.

Die böigen vier Windstärken mit gelegentlich einem Extrapüster aus West schieben den Schlitten mit beachtlichen acht, manchmal neun Knoten durch die Weser. Das hätte der Besucher dem Schiff angesichts des erheblichen Gewichts nicht zugetraut. Horst Glacer hat seiner Konstruktion einen cleveren Mix aus Formstabilität und 4,5 Tonnen Blei für den Kiel mitgegeben. In einer seiner seltenen Verschnaufpausen berichtet der umtriebige Winkelvoß, dass die Deckskante das Meer so gut wie nie berührt.

Der Stand der Segeltechnik ist vier Jahrzehnte weiter

Das Steuerrad mit den gedrechselten Tropenholzspeichen hat mit etwa einem Meter Durchmesser nicht das Format der Pamir, aber es ist gefühlt groß. Hier also stand der EWG-(Einer wird gewinnen-)Quizmaster mit seiner obligatorischen blauen Schiffermütze, während Matrose Schapp das eine oder andere an Deck klarierte. Unter Deck ist die „Langlütjen“ ganz die „Marius IV“ geblieben. Das Kacheldekor der frühen Siebziger, die dicken Rippen der Zentralheizung, die Vertäfelung in heller Eiche, sogar die Altherrensprüche auf den Bronzeschildern aus der Abteilung „The Captain ...“ sind noch da. Einzig die hellbraunen Polster und die Himmelverkleidung in hellbeigefarbenem Straußenlederimitat sind neu.

Also, wir sind nicht sicher, ob es wirklich so viele Masten sein müssen, ob wir das ganze Geklöter an Schotschienen für die Selbstwendefocks, Winschen und Klemmen, so viele Strippen und Schoten unbedingt brauchten. Heute gibt's die acht Knoten raumschots direkter, leichter, für Welten weniger Hardware. Der Stand der Segeltechnik ist vier Jahrzehnte weiter. Aber es war ja auch das Traumschiff des Herrn Kulenkampff, der das Honorar für Pfeifentabak-Raklame nach eigenem Gusto versenkte.

„Wissen Sie, irgendwie ist der Kuli bei uns immer dabei“, meint Winkelvoß. „Der guckt jetzt bestimmt aus irgendeiner Wolke runter und freut sich, dass sein Schiff wieder segelt.“

Keep it simple

1972 startete Jean-Yves Terlain mit dem Dreimastschoner „Vendredi 13“ beim Observer Singlehanded Transatlantic Race (Ostar) vom südenglischen Plymouth nach Newport in den Vereinigten Staaten. Der Kurs von Ost nach West gegen den Golfstrom über den stürmischen Nordatlantik ist ein Härtetest für Mensch und Material. Er führt oft mitten in die entgegenkommenden Tiefdruckgebiete mit chaotischem Seegang hinein. Das 39 Meter lange, 35 Tonnen schwere Boot entstand nach Plänen des amerikanischen Konstrukteurs Dick Carter in einer bretonischen Werft als seinerzeit größte Kunststoffyacht. Sie war der Handhabung halber von drei Vorsegeln an jedem Mast angetrieben. Das Prinzip der Takelage folgt dem altbewährten Prinzip „Keep it simple“. Bei drei permanent an Stagreitern hängenden Vorsegeln kann wenig kaputtgehen und dem chronisch überforderten Einhandsegler bleiben kraftraubende wie gefährliche Segelwechsel und Reffmanöver erspart.

Die „Freitag, der 13.“ wurde hinter dem Franzosen Alain Colas Zweiter. Der entwickelte das Konzept aus Anlass des Ostar 1976 mit der sage und schreibe 72 Meter langen „Club Méditerranée“ weiter. Das Boot trug vier Masten mit insgesamt acht Segeln, jeweils zwei an einem Mast, und wurde von Alain Colas brutal westwärts gesegelt. Das Konzept des Schoners mit mehreren hintereinander angeordneten und je nach Windstärke zu setzenden Segeln bewährte sich. Als Achillesferse der riesigen Stahlyacht erwiesen sich aber die Fallen (die Drähte zum Setzen und Obenhalten der Segel). Sie hielten den Belastungen der durch hohen Seegang geprügelten Yacht nicht stand. Ein Fall nach dem anderen riss. Als Colas fast alle vorsorglich eingezogenen Reservefallen (es sollen jeweils fünf gewesen sein) verschlissen hatte, drehte er mit 330 Meilen Vorsprung zwecks Reparatur nach Halifax/Neufundland ab und beendete das Rennen dennoch etwa einen Tag nach seinem Landsmann Eric Tabarly als Zweiter in 21 Tagen. Die 58-Stunden-Zeitstrafe für die Inanspruchnahme fremder Hilfe stufte ihn letztlich auf den fünften Platz zurück.

Mit dem Ostar 1976 endete die kurze Ära der riesigen einrümpfigen Segelmaschinen à la „Vendredi 13“ und „Club Méditerranée“. Die seglerisch riskanten Mehrrümpfer, die aus einem Bruchteil an Bootsgewicht und Besegelung ein ganz anderes Tempo herausholen, machten das Rennen. Alain Colas verschwand wenig später mit seinem Dreirümpfer „Manureva“ im Südatlantik.

Die beiden Drei- und Viermaster gibt es heute noch. „Vendredi 13“ wurde bis vor einigen Jahren als Charteryacht in der Karibik gesehen. Die einstige „Club Méditerranée“ ist nach einem Umbau zur Luxusyacht als „Phocea“ unterwegs. Sie war viele Jahre, bis zum Stapellauf des 90 Meter langen Dreimasters „Athena“, die längste privat genutzte Segelyacht der Welt.

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