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Kulenkampffs Schiff „Marius IV“ : Kulis Verkehrtherumsegler

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Die Handhabung löste Kulenkampff auf spezielle Weise. Rollanlagen zum Aufwickeln der Segel waren noch nicht üblich. Effiziente, mit einer Hand zu bedienende Winschen, ganz zu schweigen von deren motorisierter Variante, gab es auch noch nicht. Große und entsprechend schwere Yachten wurden von größeren Crews mit reichlich Bizeps bewegt. Die Decks waren mit Winschen, sogenannten Kaffeemühlen zu deren manuellem Antrieb, Schienen und Umlenkrollen so eben noch begehbar. Die Segelyacht der Siebziger sah aus wie eine damalige Stereoanlage. Sie hatte endlos viele Verstellmöglichkeiten, die natürlich nur von Experten beherrscht und der artverwandten Spezies der Wichtigtuer besprochen wurden. Die mussten mit derben Sprüchen, reichlich Bier und ähnlichen Anreizen bei Laune gehalten werden.

Nun war Kulenkampff aber kein Herrensegler, der Deckshände zum Wechseln riesiger Vorsegel und Reffen des Großtuchs auf seine Segeltörns mitnehmen wollte. Er wollte seine Ruhe und sein Boot mit seinem langjährigen Segelfreund Schapp Meyer im Wesentlichen zu zweit bewegen. Ab und zu kamen auch mal die nicht ganz so segelbegeisterte Frau und Tochter oder Kollegen vom Funk und Fernsehen mit.

Deshalb bekam das Boot anstelle eines Masts mit zwei großen Segeln nicht zwei mit entsprechend kleineren Tüchern, sondern allen Ernstes drei Masten. Die Blaupause dazu war die 39 Meter lange „Vendredi 13“, ein Einhand-Renner von 1972 mit drei Focks an drei Masten. So wurden auf der „Marius IV“ vor und zwischen den Masten drei Stagsegel von 23 bis 29 Quadratmeter Größe gesetzt und hinter dem letzten Mast ein ebenfalls handliches Besansegel. Die Unterteilung der Amwind-Besegelung in überschaubar kleine Tücher erlaubte die Anpassung der Segelfläche ohne Vorsegelwechsel. Bei auffrischendem Wind wurde einfach eines der handlichen Stagsegel heruntergezogen. Das kriegten Kuli und sein Matrose Meyer auch in der schietigsten Böe problemlos hin. Sogenannte Fockbäume stabilisierten die Tücher.

„Weil ich vier nicht unterbringen konnte“

Der ungewöhnliche Look brachte dem Boot bald den Spitznamen „Verkehrtherumsegler“ ein. Auf den ersten Blick sah es aus, als stimme da etwas nicht und das Boot segele rückwärts. Den Nachteil, dass für die knapp 100 Quadratmeter ziemlich viel Takelage benötigt wurde, nahm Kulenkampff in Kauf. Außerdem hatte das kuriose Rigg den Vorzug, wirklich einmalig zu sein. Wenn vor der Wesermündung, auf der Nord- und Ostsee dieser Bonsai-Dreimaster wie eine Fata Morgana erschien, wussten die Segler an der Küste immer, dass das Urgestein der deutschen Fernsehunterhaltung „gerade nicht zu beleidigen war“. Auf die Frage, warum das Schiff denn drei Masten habe, pflegte Kuli zu antworten: „Weil ich vier nicht unterbringen konnte.“

Im August 1974 erschien Kulenkampff mit seiner „Marius IV“ das erste Mal in Anholt. Angesichts des vollen Hafens ankerte er im Außenbecken hinter den Wellenbrechern und wartete ab. „Daraufhin verschwand der meist nachlässig gekleidete Hafenmeister in seinem Büro, kam nach einer Weile picobello in seiner Uniform angezogen heraus und wies dem Dreimaster einen Ehrenplatz am Fähranleger an, dort, wo eigentlich keine Yacht anlegen durfte“, erinnert sich Birger Winkelvoß, der damals als Jugendlicher zufällig mit einem anderen Boot auf der Insel war und sich als Freund des heutigen, dritten Eigners rührend um das Schiff kümmert.

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