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Krowdrace : Donnergroll für jedermann

Ducati im Drift Bild: Michael Kretzer

Das „Krowdrace“ lockt Motorrad-Amateure mit ihren in Würde gealterten Ballermännern auf den Flat Track. Devise: Gas in den Kurven stehen lassen, Spaß haben.

          4 Min.

          Auf dem Flat Track muss die Schönheit leiden. Eben noch war die bildhübsche orangerote Norton donnernd aus dem Fahrerlager auf die Strecke gerollt. Aber schon nach dem ersten Drift auf der Sandbahn von Diedenbergen hebt der Fahrer den linken Arm. Das ist stets das Signal, dass am Motorrad etwas nicht stimmt. Die Norton rollt beleidigt brabbelnd auf die Grasfläche im Inneren des 400-Meter-Sandovals am Rande des Hofheimer Ortsteils. Die Antriebskette hat sich gelöst, der Trainingslauf für die schmucke Maschine aus den siebziger Jahren ist beendet.

          Während die anderen Bikes der Vintage-Klasse nach dem Ende des Laufs grummelnd von der Bahn rollen, schiebt der unglückliche Pilot sein Gefährt ins Fahrerlager. Die Kette hängt schlaff herunter, hat sich zwischen Zahnradscheibe und linkem Hinterraddämpfer verklemmt. Der Pilot zieht entnervt den Helm ab und schüttelt die blonde Mähne.

          „Krowdrace“ nennt sich das Spektakel in Diedenbergen. Der eingedeutschte Name deutet es an: Mitmachen kann eigentlich fast jeder auf fast jedem Motorrad. Hauptsache, die Vorderradbremse ist beim Rennen ausgebaut. Wer diese schon einmal auf losem Untergrund hart gezogen hat, weiß, dass der Fahrer selbigem dann schlagartig näherkommt, ein Sturz schwer vermeidbar ist. Zudem müssen die Beine des Höllenreiters durch eine sogenannte Haifischflosse vor dem Herunterschnalzen der Kette geschützt und der Killschalter für die Zündung muss mit einer am Handgelenk befestigten Schlaufe verbunden sein. Und natürlich: Schutzkleidung ist Pflicht. Ohne Protektoren geht hier keiner auf die Strecke.

          Schwermetall und heißer Sound aus offenen Rohren Bilderstrecke

          „Krowdrace“ ist so etwas wie ein Schaulaufen der Vintage-Motorradszene und ein Catwalk für die schicken neuen Errungenschaften der Motorradindustrie und die alten Schätzchen kleiner Manufakturen. In Deutschland fand im hessischen Örtchen Diedenbergen nun die erste Veranstaltung dieser Art statt. In England, Spanien, Frankreich und den Niederlanden sind die Treffen der in Würde gealterten Ballermänner schon seit ein paar Jahren Publikumsrenner. Das Hells Race in der niederländischen Stadt Lelystad, das El Rollo in San Sebastián in Spanien oder das Greenfield Dirt-Track im britischen Lincolnshire sind Hochburgen der schmutzigen Variante der Motorrad-Rundstreckenrennen für jedermann.

          Der amerikanische Hersteller Indian hat sich als Förderer und Sponsor der europäischen Szene angenommen und ist mit seinen mächtigen FTR-1200-Bikes der sogenannten Hooligan-Klasse in Diedenbergen mit einem Werbetruck und zwei Werksfahrern vertreten. 123 PS hat die Straßenversion, ein bollerndes Kunststoff-Metall-Gebilde für den trendbewussten Motorradfreund. Moderne Flat-Track-Renner gibt es auch von Harley-Davidson, KTM, Yamaha, Ducati oder Honda. Aus gutem Grund. Denn die Welle aus der Dirt-Track-Subkultur rollt, Flat Track ist schwer im Kommen.

          Derzeit wächst der Sport in Amerika wieder rasant

          Der Sport hat seine Wurzel in Amerika, wo in den zwanziger Jahren die Harleys und Indians das Publikum in Scharen an die Rennstrecken lockten. Flat Tracking ging als Arbeitersportart in Amerika an den Start, brachte in den sechziger und siebziger Jahren Stars wie Kenny Roberts nach oben, der sich seinen spektakulären Fahrstil auch auf Dirt Tracks aneignete. Derzeit wächst der Sport in Amerika wieder rasant. Die Dirt Track Riders Association will nun den Boom nach Europa bringen.

          Das Spezielle am Flat-Track-Fahren ist der Drift. Das Gas in der Kurve stehen zu lassen, um auf der gefühlvoll gewässerten Sandbahn gepflegt um die beiden Kurven zu sliden – dazu muss man zuerst einmal die Nerven haben. Den Drehgriff rechts beim Drift abrupt zu schließen, empfiehlt sich keineswegs, denn dann droht ein Highsider, der die Fuhre schlagartig aufrichtet und den Fahrer vehement in den Sand oder ins Airfence-Luftpolster befördert.

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