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Kostenlose Stromtankstellen : Mit dem Tesla auf dem Highway der Zukunft

Es geht los mit der Fahrt in München: Eine Tesla-Sprecherin übergibt den Wagen, 1760 Kilometer liegen vor uns Bild: Boris Schmidt

Tesla stellt an den Autobahnen „Super-Charger“ auf, an denen das Elektro-Auto Model S in einer halben Stunde zum Nulltarif geladen werden kann. Von München nach Amsterdam führt die erste Route. Viele weitere werden folgen.

          So langsam wird einem Tesla unheimlich. Das amerikanische Start-up-Unternehmen des Elon Musk verkauft die rein elektrische Luxuslimousine „Model S“ in Kalifornien besser als Mercedes-Benz die S-Klasse, und in Deutschland überschlagen sich die Autotester aller Blätter nahezu vor Begeisterung über den fast fünf Meter langen Schlitten (rund 100.000 Euro), der zurzeit das einzige E-Auto mit einer akzeptablen Reichweite ist. Unter idealen Bedingungen sind es 500 Kilometer.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Und jetzt stellt Tesla an den Hauptverbindungsachsen in (West-)Europa elektrische Ladestationen auf, die das Model S endgültig zum nahezu ebenbürtigen Gegner der Benziner-Fraktion macht. Bis Ende des Jahres entstehen allein in Deutschland 35 solcher „Tankstellen“, den Anfang macht die Strecke München–Amsterdam. Um die fast 900 Kilometer innerhalb 12 Stunden zu überwinden, genügen vier Haltepunkte: Der erste ist in Jettingen-Scheppach an der A8, der zweite in Bad Rappenau an der A81, der dritte in Wilnsdorf an der A45 und der vierte dann schon auf holländischem Gebiet in Zevenaar, kurz hinter der Grenze.

          Nur ein Model S kann die Stationen nutzen

          Wir machen die Probe aufs Exempel und haben uns in München mit Kathrin Schira, der jungen Pressesprecherin von Tesla Deutschland, verabredet. Sie wartet mit einem Testwagen am Hauptbahnhof. Es ist dasselbe Fahrzeug, das schon ausführlich auf FAZ.NET beschrieben würde. Erster Eindruck: Mit Winterreifen ist der Wagen deutlich lauter. Bis Jettingen sind es knapp 100 Kilometer, bis Bad Rappenau fast 300. Ein Stopp ist somit nicht zwingend, doch so kann der Tesla gleich zu Beginn ohne Reue seine Kraft zeigen, 210 km/h sind in der Spitze möglich, die Beschleunigung ist phänomenal. Kein Wunder bei 310 kW (422 PS) und einem Drehmoment von 600 Newtonmeter.

          Die erste Station ist Jettingen-Scheppach Bilderstrecke

          Wie alle Ladestationen liegt auch Jettingen etwas abseits der Autobahn, an einem Autohof (ist also für beide Richtungen). Es gibt immer acht Ladepunkte, das Kabel hängt an der Säule. Es ist ziemlich kurz. Man muss nah heranfahren, dann Stecker rein und fertig. Das Laden kotet nichts! Tesla bezahlt. Allein das macht es schon attraktiv. Es fließen maximal 135 kW Gleichstrom. Die Tesla-Batterien im Unterboden fassen 85 kWh (zum Vergleich: Der BMW i3 bunkert maximal 18,8 kWh), da ist es kein Wunder, dass der Ladevorgang so schnell geht. Mehr als 80 Prozent der Kapazität sind in 30 bis 45 Minuten erreicht. Nach 15 Minuten und einigen Fotos geht es weiter. In Bad Rappenau wird eine längere Pause eingelegt. Wir treffen Jason, einen amerikanischen Tesla-Techniker, der die Säulen wartet und prüft, ob alle funktionieren. „Was hat es mit den vier großen Schränken auf sich, die an jeder Station etwas abseits der Säulen zu finden sind?“ „Das sind die Umrichter“, erklärt er. „In denen wird aus Wechsel-Gleichstrom, und dieser wird dann an den Umwandlern im Wagen vorbei direkt in die Batterie geschickt.“ Nur ein Tesla Model S kann an einem Super-Charger Strom fassen, alle anderen E-Autos gehen leer aus, sogar der Tesla Roadster. Ob es denn eine Lösung sei, wenn jetzt jeder E-Auto-Hersteller sein eigenes Süppchen koche, will Jason nicht diskutieren.

          5,40 Euro für 100 Kilometer

          Muss er auch nicht. Was eine Station kostet, wird auch nicht verraten, rund 40.000 Euro werden es wohl sein. Überdacht sind die Stationen nicht. Der Autohof in Bad Rappenau ist wesentlich attraktiver als der in Jettingen. Nach einer Stunde und einem Käseschnitzel für 6,50 Euro fahren wir weiter. Bis nach Wilnsdorf an der A45 sind es 245 Kilometer. Da muss gehalten und geladen werden, denn bis Zevenaar (weitere 228) ist es zu weit. Die realistische Reichweite eines Tesla liegt je nach Fahrweise zwischen 250 und 400 Kilometer.

          Durchs Autobahngewirr des Ruhrgebiets führt uns das vorzügliche Navi des Tesla ohne Tadel, bis wir auf der A3 landen, die in die holländische A12 mündet. Längst ist es dunkel. In Zevenaar stehen gleich drei Tesla. Kein Wunder. Schon 1200 Model S sind in Holland verkauft worden. Mit ein Grund sind hohe Steuervorteile. Einer der Fahrer gibt uns den Tip, sich in der Raststätte einen kostenlosen Kaffee zu holen (einfach den Tesla-Schlüssel zeigen).

          Jetzt sind es noch gut 110 Kilometer bis Amsterdam. Um 21.45 Uhr erreichen wir das vereinbarte Ziel, einen Tesla-Store. Gut elf Stunden Fahrt für 880 Kilometer, nicht schlecht und mit keinem anderen E-Auto der Welt machbar. Im Schnitt wurden 21,5 kWh auf 100 Kilometer verbraucht, also rund 5,40 Euro für 100 Kilometer, würde der Strom etwas kosten. Gefahren wurde auf vollen Autobahnen bei schlechtem Wetter, aber meist eher zurückhaltend und mit in der Regel maximal 130 km/h.

          Reisen mit mehr Muße

          Bis Ende 2014 soll die Infrastruktur Fahrten mit dem Modell bis nach Rom, Paris oder Lissabon möglich machen. Auch London und Liverpool stehen auf der Agenda, Norwegen hat jetzt schon etliche Stationen (und relativ gesehen die höchste Tesla-Dichte der Welt), in Deutschland werden alle Hauptrouten bestückt.

          Der Rückweg ist so unproblematisch wie der Hinweg, nur versagt die Ladesäule in Jettingen, und wir merken es zunächst nicht. Die Säule nebenan, wo zufällig zwei Tesla-Mitarbeiter „tanken“, funktioniert. Der Bahn-Fahrplan zwingt zur sofortigen Abreise, die Restreichweite genügt für die 98 Kilometer bis zum Hauptbahnhof. Um 19.45 Uhr steigen wir punktgenau in den ICE, nach 12 Stunden Fahren und Laden. Dass es mit einem Benziner schneller geht, steht außer Frage. Doch an dieses Reisen mit mehr Muße unterwegs könnte man sich gewöhnen.

          Aus den Tesla-Steckern fließen 135 kW Gleichstrom, nicht 135 kWh. Wir haben die Einheit korrigiert und danken für den Hinweis!

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