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Kleinwagen : Die lieben Kleinen zeigen Größe

Der Fiat 500 ist derweil der heimliche Star unter den smarten Wägelchen Bild: AP

Während große Autos wie Blei bei den Händlern stehen, verkaufen sich die ganz kurzen fast wie warme Semmeln. Fast 190.000 dieser kleinen Hopser wurden neu zugelassen. Noch nie war es schicker, sich zum kleinen Auto zu bekennen.

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          Bescheidenheit tut gut. Nach diesem Motto handeln immer mehr Neuwagenkäufer. Getrieben durch immer höhere Preise für ein durchschnittliches neues Auto und begünstigt durch ein entsprechend ansprechendes Angebot, greifen sie zum kleinen Wagen. Dann zahlen sie zwischen 8000 und 15.000 Euro – was immer noch viel ist –, aber eben nicht gut 25.000. So teuer war nach Berechnungen der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) der durchschnittliche Neuwagen im vergangenen Jahr.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Da muss es nicht wundern, dass der deutsche Automarkt das schlechteste Jahr seit der Wiedervereinigung hinter sich hat. Nur im untersten Fahrzeugsegment, das vom Flensburger Kraftfahrtbundesamt offiziell „Mini“ genannt wird, ging es steil bergauf: Fast 190.000 dieser kleinen, bis zu 3,80 Meter langen Hopser wurden neu zugelassen. Gegenüber dem Jahr 2007 bedeutet das eine Steigerung um glatte 18 Prozent. Und im Januar 2009 legten die Minis im Vergleich zum ersten Monat 2008 noch mal um ein Drittel zu. In diesem wiederum grottenschlechten Verkaufsmonat war sonst nur noch das Segment der Kleinwagen (hier gehört von der Größe her der britisch-bajuwarische Mini hin) positiv. Aber nur um ein mickriges Prozent.

          „Wenn schon klein, dann richtig“

          Offenbar handeln tatsächlich immer mehr Käufer nach dem Motto „Wenn schon klein, dann richtig“. Und noch nie ist es ihnen so leicht gemacht worden. Bei fast allen Wägelchen dieser Klasse geht es nicht mehr um spärlicher, freudloser, karger, sondern um sparsamer, flotter und spaßiger. Der neue Fiat 500, der Ende 2007 seinen legendären Vorgänger beerbte, macht es vor. Niemand denkt bei ihm an Verzicht, im Gegenteil. Mit seinem gelungenen Retro-Design und seinem gekonnt gestalteten Innenraum strahlt er sogar Wertigkeit aus. Er verführt viele Kunden zum reinen Lustkauf und bringt Fiat Menschen in die Showrooms, die sich bislang keine Sekunde mit dem italienischen Hersteller beschäftigt hatten. Eine weitere Variante mit Faltdach (von einem Cabriolet zu sprechen ist doch etwas mutig) ist auf dem Genfer Salon zu sehen. Und wahrscheinlich wird es über kurz oder lang den Fiat 500 auch als Kombi geben. Wie für die Rolldach-Variante gibt es ein historisches Vorbild.

          Der Smart ist zurzeit in Deutschland die Nummer 1 bei der automobilen Kurzware...

          Doch nicht nur der Fiat 500 betört die Minicar-Käufer. Ihm gilt zwar in den deutschen Motorgazetten die meiste Aufmerksamkeit, die Nummer 1 im Segment ist aber der gute alte Smart: Fast 34.000 Mal wurde er im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft. Wer hätte das gedacht? Daimler ist inzwischen heilfroh, dass man die vor gut zehn Jahren geschaffene Marke nicht wieder eingestampft hat. Das war zeitweise tatsächlich erwogen worden. Zudem dürfte es bald wieder einen Smart als Viersitzer geben. Bei allem Erfolg des Smart: Er bleibt ein Sonderfall, weil er in seiner Urform als reiner Zweisitzer konzipiert ist. Toyota bringt zwar in diesen Tagen mit dem IQ eine direkte Konkurrenz auf den Markt. Doch der IQ ist mit drei Meter Länge nur ähnlich kurz wie der Smart, der in der zweiten Generation inzwischen auf 2,74 Meter gewachsen ist. Der IQ hat noch zwei Notsitze hinter den Stühlen für Fahrer und Beifahrer.

          Die Minimalisten als Vorbild für die Großen

          Bei aller Liebe zum Mini-Auto: Für viele Käufer ist es wichtig, wenigstens über kurze Strecken zu dritt oder viert unterwegs sein zu können. Für all jene scheidet der Smart als Auto aus. Zu viert unterwegs sein kann man dank verschiebbarer Rückbank (dann weniger Kofferraum) sehr gut im ebenfalls noch recht frischen Renault Twingo II, der mit rund 22.000 Neuzulassungen im vergangenen Jahr die Nummer zwei im Segment war. Der Fiat 500 ist übrigens Dritter mit etwas über 18.000 Einheiten.

          Außer diesem Trio sind der Citroën C1 (baugleich mit dem Peugeot 107), der Fiat Panda, der Opel Agila (baugleich mit dem Suzuki Splash), der Toyota Aygo (baugleich mit C1 und 107) sowie der aus Brasilien importierte VW Fox die Protagonisten im Mini-Markt mit jeweils mehr als 10.000 verkauften Einheiten.

          Wer einen dieser Zwerge mal länger gefahren hat, dem wird schnell klar, dass sie eigentlich für acht von zehn Transportfällen genau die richtige Wahl sind. Mehr Auto braucht kein Mensch. Man muss nur den Mut dazu haben. Wenn ein kleines Auto nicht unisono mit Verzicht gleichgesetzt wird, sondern mit Stil und Savoir vivre, kann man sich mit ihm auch sehen lassen. Es scheint gut möglich, dass bald nicht mehr über die Minimalisten heimlich gelacht wird, sondern dass sie ein Vorbild werden. Schließlich belasten sie schon bei der Produktion die Umwelt weniger, weil nicht so viel Energie aufgewandt werden muss.

          Neben dem Toyota IQ wird der neue Ford Ka für Furore sorgen

          Und in diesem Jahr deutet nicht nur das große Januar-Plus auf ein weiteres Erstarken der Minis: Neben dem schon erwähnten Toyota IQ wird der neue Ford Ka für Furore sorgen. Beide kommen in diesen Tagen auf den Markt – zudem sind der Opel Agila und der Suzuki Splash brandneu. So wächst das Segment beinahe von allein. Der Ford Ka wird in Polen im selben Werk wie der Fiat 500 gebaut, die äußerlichen Unterschiede sind jedoch viel größer als beim Citroën-Peugeot-Toyota-Trio oder bei den Suzuki-Opel-Zwillingen.

          Volkswagen, die im Segment zurzeit nur den ältlichen Fox zu bieten haben, wird spätestens 2010 den mit Spannung erwarteten „Up“ aufbieten. Er kommt zwar nicht mit Heckantrieb, wie ursprünglich gedacht. Trotzdem wird und muss es ein innovatives Auto sein, wenn VW punkten will. Man kann davon ausgehen, dass es zudem Varianten als Škoda und als Seat geben wird.

          Verschlafen die deutschen Premiumhersteller den Trend zum kleinen Auto?

          Vom technischen Grundkonzept sind alle bisher erwähnten Fahrzeuge gleich: Frontantrieb mit Steilheck-Karosserie, zwei oder auch vier Türen. In der Regel treibt ein Benzinmotor die Räder an. Diesel sind zwar zu haben, aber im Verhältnis zum Gesamtpreis zu teuer. Den Mehrpreis durch den geringeren Verbrauch und den günstigerem Kraftstoffpreis wieder hereinzufahren gelingt kaum. Um die sechs Liter auf 100 Kilometer muss man in der täglichen Praxis einkalkulieren, auch wenn die Normverbräuche mit unter fünf Liter oder sogar Werte mit einer Vier vor dem Komma versprechen. Fiat bietet nach einem kleinen Facelift den 500 jetzt auch mit einer Start-Stopp-Automatik an, was abermals den Verbrauch drückt.

          Und die deutschen Premiumhersteller? Verschlafen sie den Trend zum kleinen Auto? Bis auf Smart sind sie nicht vertreten. BMW hat immerhin den Mini bei den Kleinwagen, und Audi wird noch in diesem Jahr mit dem A1 nachziehen. Zwar ist er für einen „Mini“ eigentlich etwas zu groß. Aber Audi hat den Trend erkannt und darf auf einen Erfolg hoffen. Mit dem kleinen A2 (wurde schnell wieder eingestellt) war man der Zeit voraus, und der A1 kommt jetzt genau zum richtigen Zeitpunkt.

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