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Kawasaki Versys 1000 : Nebenbei ein Triathlon

Das Facelift, aus dem die jüngste Generation der Versys 1000 hervorging, hat diese Bezeichnung wirklich verdient. Bild: Wille

Kawasaki, die stets giftgrün und ein wenig ungezähmt auftretende Marke, appelliert an die Vernunft. Doch die Versys 1000 scheut vor nichts zurück.

          Andere Motorräder heißen Tiger, Monster oder Super Adventure. Das klingt nach Temperament, beschleunigt den Puls schon im Stand. Dieses hier muss den Namen Versys tragen. Auch einen Bürostuhl oder ein Beruhigungsmittel könnte man Versys nennen. Das Wortgebilde setzt sich aus den Begriffen „versatile“ (vielseitig) und „System“ zusammen. Nüchterner geht es kaum.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Kawasaki, die stets giftgrün und ein wenig ungezähmt auftretende Marke, appelliert an die Vernunft. In der Tat ist Vielseitigkeit eine lobenswerte Eigenschaft und in diesem Fall kein leeres Versprechen. Bloß dürfte der Kauf eines Motorrads, die Suche nach einem Ofen, der Besitzerstolz erzeugt, selten Resultat nüchterner Überlegungen sein, sondern in erster Linie eine emotionale Angelegenheit. Niemand geht zum Motorradhändler, um ein „System“ zu erwerben. Am Ende entscheidet das Herz.

          Und das Gesicht. In diesem Punkt haben die Japaner erheblich nachgebessert. Das Antlitz des Vorgängermodells erzeugte statt flammender Begehrlichkeit eher Mitleid. Mit ängstlich-verblüfftem Blick aus klobig übereinanderstehenden Lampen schien es darum zu betteln, nicht gekauft zu werden. Die neue Front der Versys wirkt gefälliger und gefährlicher. In der kantigen Front mit Spoilerkinn steckt ein scharf gezeichneter Doppelscheinwerfer, dessen angriffslustiger Blick einer Kawasaki würdig ist. Das Facelift, aus dem die jüngste Generation der Versys 1000 hervorging, hat diese Bezeichnung wirklich verdient.

          Die Versys 1000 wird unter anderem als Kampfrichter-Motorrad eingesetzt

          Über die schönheitschirurgischen Eingriffe hinaus wurde in technischer Hinsicht einiges umgekrempelt. Dahinter steckt System: Im Zuge einer konzeptionellen Neuausrichtung warfen die Entwickler jegliche Gelände-Ambitionen über Bord und spitzten das Crossover-Modell trotz seiner enduroartigen Statur mit relativ langen Federwegen auf reinen Straßeneinsatz zu. Sie stimmten das Fahrwerk komfortabler ab, tauschten die Reiseenduro- gegen reinrassige Straßenbereifung, installierten eine äußerst leichtgängige Anti-Hopping-Kupplung, spendierten eine stärkere Lichtmaschine, verschönerten den Schalldämpfer, verstärkten das Rahmenheck, um die Fähigkeiten des Gepäcktransports zu untermauern, rüsteten die ABS-Bremsanlage auf. Die zeichnet sich durch kräftiges Zupacken, feine Dosierbarkeit und ermüdungsfreie Arbeit aus, was man spätestens dann zu schätzen lernt, wenn die große Grüne aus Fernost voll beladen einen Alpenpass hinunterrauscht.

          Ein Hauptständer zählt nun zur Serienausstattung und trägt seinen Teil zur Gewichtszunahme um elf auf 250 Kilo (mit vollem 21-Liter Tank) bei. Das lässt sich verschmerzen, wenn man ausschließlich auf befestigten Straßen unterwegs ist. Spitzkehren beispielsweise schwingt sich die Versys mit einer Beweglichkeit hinauf, die man einem solchen Klotz nicht zutrauen würde. Der Attacke-Modus liegt dem Motorrad, noch besser aber das sanfte, schaltfaule Gleiten. Dann wirkt die Versys tatsächlich wie ein Beruhigungsmittel. Vorbau und vergrößerter Windschild schützen gegen Wind und Wetter, und da es in diesem Sommer an Regengüssen der Sorte Weltuntergang nicht mangelte, konnten wir uns davon ausreichend überzeugen.

          Sie verbindet Nutzwert mit hohem Spaßfaktor

          Selten hat die Redaktion ein Motorrad derart intensiv und vielseitig eingesetzt wie dieses. Mehr als 2000 Kilometer kamen innerhalb von zwei Wochen zusammen, mit einem Verbrauch von 4,6 bis 5,9 Liter auf 100 Kilometer. Die Versys wurde beim Wort genommen: Pendel- und Transportdienste im Berufsverkehr, Ausflüge ins Mittelgebirge, Brötchenholen, Wochenendeinkauf, Zweipersonenbetrieb, Autobahn im Expresstempo. Dazu Langstrecke mit Gepäck für ein verlängertes Wochenende und ein Sortiment Schweizer Serpentinen.

          Am Ende nahm die Versys sogar am Frankfurter Ironman-Triathlon teil. Ergebnis: Schwimmen und Marathonlaufen liegen ihr nicht, aber als Begleitmotorrad beim Radfahren ist sie die Idealbesetzung. 180 Kilometer zwischen Tausenden von Radfahrern umherzirkeln, mal im Sprint auf freier Strecke, mal im Schritttempo durchs Zuschauerspalier, mit einem Kampfrichter hintendrauf, unerlaubtem Windschattenfahren auf der Spur, Verwarnungen aussprechend, Zeitstrafen erteilend, freihändig mit Pfeife und Notizzettel auf dem Rücksitz herumturnend, Gelbe Karte, Rote Karte, Blaue Karte zückend - das ist eine hohe Kunst.

          Voraussetzungen dafür schaffen komfortable Platzverhältnisse, die einfach per Handrad an die Beladung anpassbare Vorspannung des Federbeins, ruck- und lastwechselfreies Verhalten des Antriebs, Wendigkeit sowie ein Vierzylinder-Betriebssystem der lässig-souveränen Art. Ohne mit der Wimper zu zucken, schiebt der 1043-Kubik-Motor (120 PS bei 9000/min, 102 Nm bei 7700/min) aus tiefsten Drehzahlen an, praktisch ab Standgas, ist ungeheuer durchzugsstark. Im vierten Gang losfahren - kein Problem. Im sechsten leise säuselnd durch die Tempo-30-Zone zuckeln - dito.

          Leider muss für eine Ganganzeige Aufpreis gezahlt werden (eine arg improvisiert wirkende Lösung obendrein). Für Autobahnetappen wünschte man sich einen länger übersetzten, die Drehzahl senkenden sechsten Gang, unser Schaltfuß suchte auch nach zwei Wochen noch immer wieder irrtümlich nach einer siebten und achten Stufe. Bei 100 km/h beträgt die Drehzahl etwa 3800/min, bei Tempo 130 rotiert die Kurbelwelle 5000 Mal in der Minute. Einem Reisemobil vom Kaliber der Versys - wir sind jetzt in der Aufzählung dessen, was uns nicht gefällt - stünde eine serienmäßige Steckdose fürs Navi im Cockpit gut an. Tempomat und Griffheizung wären ebenfalls wünschenswert. Handprotektoren kosten extra, Seitenkoffer und Topcase (jeweils schnell und unkompliziert zu befestigen) natürlich ebenfalls.

          Die Serienausstattung hat also Lücken. Andererseits ist der Basispreis von 12 490 Euro (plus Fracht) ein moderater. Zurzeit gibt Kawasaki sogar gratis ein Touring-Paket (Koffersatz und Innentaschen, Handschützer, Lackschutz für den Tank) dazu. Ein faires Angebot, und wenn noch einmal eine Triathlon-Teilnahme anstehen sollte, kommt die Versys ganz sicher in die engste Wahl.

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