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Kanumesse : Boot oder Brett

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Volle Kraft zurück! Kaum hat Peter Bartl im Demonstrations-Pool der Nürnberger Kanumesse sein Brett richtig beschleunigt, muss er schon wieder bremsen und wenden Bild: Petra Osterritter

Soloauftritt für kleine Boote: Die Nürnberger Kanumesse stellt das Paddeln in allen seinen Spielarten in den Mittelpunkt - sitzend, kniend und mehr oder weniger stehend.

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          Willy Neumann aus Raunheim am Untermain baut eigentlich schnelle, leichte Boote. Zum Beispiel den Marathon-Kajak Olympic, eine 5,20 Meter lange und 42 Zentimeter schmale Nadel aus Carbon und anderen erstklassigen Materialien, die zusammen mit der Fertigung in Vakuum-Infusionstechnik das Gewicht des Boots auf weniger als neun Kilogramm drücken.

          „Materialklasse III“, ruft Neumann, wie stets ein lauter Fan seiner eigenen Erzeugnisse, und macht einen kräftigen Satz auf das Oberdeck. Man möchte sich schmerzverzerrt abwenden, denn gleich muss es ja mit diesem hässlichen Knirschen krachen, das schon das nahe Ende so manchen Leichtbau-Boots anzeigte - auf irgendwelchen Felsen im Wasser oder beim Anknallen der Spanngurte auf dem Autodach. Aber nichts da: Der rund 2000 Euro kostende Olympic mit dem spartanischen Cockpit, in das auch größere Kanuten passen, verkraftet den Hopser seines Entwicklers klaglos.

          Standing-up-Paddeln

          Da ist Neumann aber schon weiter zu seiner neuesten Kreation namens „Mob-y Splash“ gesaust, und die sieht Neumann gar nicht ähnlich. Das breite Fahrzeug aus gelbem und rotem Kunststoff sieht eher aus wie ein einsitziger Schaufelraddampfer, der aus der Spielzeugwelt von Legoland geflohen ist. Beruhigende Anmerkung im Prospekt: Das Tretboot hat eine Bescheinigung seiner Fahrtauglichkeit vom Wasser- und Schifffahrtsamt; werbende Bilder zeigen das Splash vor der mallorquinischen Küste im Salzwasser. Knapp 2000 Euro soll das Waterbike, ein knapp 10 km/h schneller, im Handumdrehen auf- und abbaubarer Katamaran den Verleiher kosten.

          Diese zwei Boote auf demselben Stand sind wie Pole auf Europas größter Paddel-Messe, der von Horst Fürsattel organisierten Nürnberger Paddle-Expo. Unter diesem namentlichen Dach ist dieses Jahr auch die SUP-expo untergekommen, die Schau der - nicht nur - im Stehen gepaddelten Boards. Dieses dem Surfen verwandte Standing-up-Paddeln ist der modischste Zweig der in Fahrtrichtung blickend mit Muskelkraft vorangetriebenen Wasserfahrzeuge. Wobei die Muskelkraft der Arme verschiedentlich Konkurrenz bekommt: Sei es durch den in leisen Flossenschlag umgesetzten Pedalantrieb von Angelbooten oder beim e-Kajak von Klepper: Für knapp 2000 Euro Aufpreis verpassen die Rosenheimer Faltbootbauer ihren Booten einen zwischen den beiden Blättern des „Hybridruders“ plazierten 12-Volt-Motor.

          Messe ist Fachbesuchern vorbehalten

          Dass die Paddle-Expo einen englischen Namen hat und nicht Paddel-Schau heißt, geht in Ordnung. Die Messe ist ein internationales Ereignis, und sogar an der Würstel-Theke wird man auf Englisch abgefertigt. Unter den Ausstellern sind selbstverständlich deutsche Platzhirsche wie Lettmann und Gatz Kanus oder ein Zubehör-Spezialist wie Zölzer. Dass nicht alle deutschen Hersteller vertreten sind, schmälert den Überblick, den man in Nürnberg gewinnen kann, nur unwesentlich. Die Messe ist Fachbesuchern (Hersteller und Importeure, Großhändler, Medien und Organisationen) vorbehalten. Nach dem Beispiel anderer Spezialmessen wäre ihr aber wenigstens ein Tag für die Öffentlichkeit zu wünschen.

          Dann würden Vorführungen im Pool auch ihr eigentliches Zielpublikum finden: Wenn etwa der österreichische SUP-Instruktor Peter Bartl vormacht, dass man nicht nur im Stehen das lange Stechpaddel führt, sondern sich schon mal aufs überflutete Board knien muss, dann ist das für das Fachpublikum, das gerade nebenan bei Starboard die in „Brushed Carbon“ ausgeführten Leichtgewichte befühlt und angehoben hat, kaum abendfüllend. Das wirkt eher als Missionieren für eine Mode unter der ziemlich konservativen Händlerschaft. Für die gilt immer noch: Ein Board ist kein Boot.

          Holzboot-Fraktion lässt sich in Nürnberg nicht blicken

          Da tut es der Branche gut, dass ausgerechnet im fränkischen Binnenland der Blick geweitet wird: Der Seekajak, der Bootstyp für Großgewässer, die Küste und das Meer, gewinnt durch die Präsenz britischer und skandinavischer Aussteller einen Stellenwert, den er hierzulande - noch - nicht hat. Jenseits des braven, aber auch eleganter werdenden Canadiers oder Wanderkajaks richtet sich der Blick hierzulande vor allem auf Wildwasser- und Spielboote. Diesbezüglich kommt der Besucher in Nürnberg auf seine Kosten, bis hin zu neuen Spezialitäten wie dem einer kurzen Badeschüssel nicht unähnlichen Wettbewerbsboot für Freestyle Kaos OC1 von Big Dog.

          Allenthalben ist Feinschliff angesagt: Nicht nur bei den gern mit dem Material-Sandwich ihres Innenlebens prunkenden Brettern und den Weißwasserbooten, wo die gewöhnungsbedürftige Form für den fahrtechnischen Fortschritt bürgen muss. Auch die traditionelleren Bootsformen werden überarbeitet, und sei es auch nur mit auffälligeren Farbstellungen. Beim Bau kleiner Boote schlägt das Retrodesign ebenfalls zu: Das kann die Baidarka in Kunststoff sein, auf deren Oberdeck eine traditionelle Knebelspannung das Ersatzpaddel halten soll wie einst bei den Inuit. Oder es ist ein Material-Hybrid wie der Ojibwa bei Gatz, ein Kevlar-Karbon-Leichtbau mit handgearbeitetem Holzrand und den aufgemalten Nähten eines „Birch Bark Canoe“. Apropos: Angesichts dieses Exponats fällt auf, dass die Holzboot-Fraktion sich in Nürnberg nicht blicken lässt.

          Stattdessen wird fündig, wer sich nach Zubehör umsieht: Bei den Norwegern von Navisafe zieht mit dem Dreifarbenlicht „Navi light“ die LED-Technik strahlend im Positionslicht fürs Kleinboot ein. Und das ewige Thema Bootswagen lässt sich auch neu interpretieren: Der Handikart aus Großbritannien lässt sich nicht nur kompakt zusammenlegen, sondern rollt auf seinen stumpfkegeligen, speziell aufgehängten Rädern mit dem Boot auch über unwegsames Gelände.

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