https://www.faz.net/-gy9-7zjli

Siegeszug von Jeep : Mit 75 schwer in Form

Hoppla, da bin ich: der Jeep Renegade betritt den Markt und hat das Zeug, die kleine SUV-Klasse aufzumischen. Bild: Hersteller

Der unglaubliche Siegeszug von Jeep überrascht die Automobilwelt. Die amerikanische Geländewagenmarke profitiert vom SUV-Boom. Sie hat aber auch zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Modelle parat.

          5 Min.

          Es ist ein warmer Frühlingsmorgen in Stuttgart, als die Bombe platzt. Bis zu jenem Mittwoch, dem 6. Mai 1998, war es eine eher ruhige Woche. Auch dieser Tag sieht nach Routine aus. Dann die 10-Uhr-Nachrichten: Daimler kauft Chrysler. Es folgt die so getaufte Hochzeit im Himmel und ein Buch darüber, dessen Co-Autor auch einer dieser Zeilen ist.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          „Der Daimler-Chrysler-Deal“ stellt einige kritische Thesen zur Tragfähigkeit der Ehepartner auf, ganze Kapitel widmen sich der Frage, wie sich Mentalitäten und Modelle vertragen sollen: Premium hier, Masse dort. Vorstoß ins Kleinwagensegment hier, Klapperkisten wie der Chrysler Neon dort, die ersten Gehversuche mit der M-Klasse hier, die auf bis dato fast 60 Jahre Erfahrung blickenden Abseitsexperten von Jeep dort.

          Die Ehe ist bekanntlich lange geschieden, und aus den Trümmern konnte oder wollte Daimler nichts retten, nicht mal Jeep. Hätten die Geländewagen, losgelöst vom schweren Ganzen, unter dem Stuttgarter Stern die gleiche Erfolgsbahn einschlagen können wie weiland Mini unter weiß-blauer Flagge? Müßig, darüber nachzudenken, die Welt hat Jeep danach ohnehin aus den Augen verloren - bis auf Sergio Marchionne. Der ist halb Italiener, halb Kanadier, ein harter Hund mit kühlem Kopf in Dingen der Ökonomie, mit einem Hang zu kabarettistischen Pressekonferenzen und der Liebe zu grauen Pullovern und fetten Zigarren.

          Vor allem aber ist er Chef von Fiat. Die chronisch klammen Italiener stürzt er eines ebenso überraschenden Tages in das Abenteuer Chrysler, und seiner Mannschaft gelingt, was der Mannschaft um Jürgen Schrempp und Dieter Zetsche nicht gelingen wollte: Die amerikanische Marke wird Teil eines neuen Konzerns, gar dessen Ertragsperle und Lebenselixier. Und mit hohen Investitionen in frische Modelle, Glauben an die Zukunftsfähigkeit und Hartnäckigkeit fährt Jeep wie Phoenix aus dem Schlamm empor.

          Die Entwicklung ist schier unglaublich. Vor zehn Jahren, unter dem Dach von Daimler-Chrysler, verkaufte Jeep rund 550 000 Fahrzeuge. Während des rund zweijährigen Interregnums des Finanzinvestors Cerberus Capital litt die Marke unter Auszehrung und fuhr den Bach hinunter, im Jahr 2009 entschieden sich nur noch 337 000 Kunden für einen neuen Jeep. Dann schlug Marchionne zu, und heute kann er verkünden: „Jeep hat im Jahr 2014 erstmals mehr als eine Million Fahrzeuge verkauft. Mit 1,017 Millionen Stück haben wir den Wert des Vorjahres um 39 Prozent übertroffen. Das ist nun das dritte Rekordjahr in Folge.“ Damit nicht genug. Marchionnes neues Verkaufsziel lautet: „1,8 Millionen Jeep im Jahr 2018. Mindestens.“

          Mit dem Wind im Rücken legen die Amerikaner jede Bescheidenheit ab und liefern frisches Selbstbewusstsein frei Haus: Jeep verkauft mehr als doppelt so viele Geländewagen und SUV wie die ebenfalls auf Wolke sieben schwebende britische Konkurrenz von Land Rover. Jeep ist der größte Hersteller von Geländewagen und SUV auf der Welt. Und Jeep hat jedes Jahr etwas Neues in der Pipeline. 2014 Einführung des feschen Renegade (gebaut in Italien), mit dem Jeep in die Klasse der kleinen SUV einsteigt. Er wird vermutlich auch in Deutschland kräftig Boden gut machen, wo die Durchschlagskraft der Marke mit ihren 120 Händlern noch ziemlich überschaubar ist.

          Aber immerhin: Im abgelaufenen Jahr wurde erstmals die Hürde von 10.000 Neuzulassungen genommen. 2015 Facelift des margenträchtigen Bestsellers Grand Cherokee. 2016 Facelift des schlitzäugigen Cherokee und Einführung eines neuen Fahrzeugs in der „Kompaktklasse“, das die Modelle Compass und Patriot ersetzen wird. 2017 neuer Grand Cherokee, neuer Wrangler, neuer Wrangler Unlimited, Facelift Renegade. 2018 neuer Grand Wagoneer, mithin ein Luxusdampfer oberhalb des Grand Cherokee. Im Gleichschritt wird die Fertigung ausgeweitet. Im laufenden Jahr soll die Produktion in Brasilien starten, und auch in China sollen wieder Fahrzeuge gebaut werden.

          Weitere Themen

          Kleine Elektroautos voll im Trend Video-Seite öffnen

          „Tiny Cars“ : Kleine Elektroautos voll im Trend

          Klein, bunt und so einfach aufzuladen wie ein Smartphone: die neue Generation der „Tiny Cars". Das Fahrzeug, das in Konkurrenz zu Fahrrädern und Scootern tritt, soll das nachhaltige Verkehrsmittel in den Städten werden.

          Topmeldungen

          Russland, Ukraine, Balkan : Spotify startet in 13 neuen Ländern

          Die Spotify-Aktie steht auch wegen der teuren Podcast-Offensive derzeit gut da. Jetzt wagt der Musikstreaming-Marktführer seit mehr als einem Jahr wieder eine große Expansion. In den neuen Ländern ist er aber nicht allein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.