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Jeep Cherokee : Das ruhige Leben und General Custer

  • -Aktualisiert am

Gepflegte Kante: Der Jeep Cherokee fragt nicht nach cW-Werten... Bild: Hersteller

Der Jeep von heute ist nicht mehr das Trimm-dich-Gerät von gestern, sondern der robuste Wagen für die langen Strecken von morgen. Der Cherokee kommt mit starkem Diesel und feiner Automatik. Und einem Preis, der ist wie ein Sonderangebot.

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          Auch Legenden sterben. Aber der Jeep lebt, und das hat Gründe: Aus dem eigenbrötlerischen und in erster Linie dem inneren Zirkel mobiler Masochisten bekannten Duo Wrangler und Cherokee ist nämlich eine moderat an Technik-Neuigkeiten orientierte Modellfamilie geworden. Endlich gibt es mehr Versionen bei Karosserien und Motoren. Gleichzeitig wurden die Jeeps konsequenter auf den Einsatz im zivilisierten Alltag des untätowierten Europäers getrimmt. So ist der Jeep von heute nicht mehr das Trimm-dich-Gerät von gestern, sondern eher der robuste Wagen für die ganz langen Strecken von morgen.

          Auch der neue Jeep Cherokee ist als mittelgroßes Modell seiner Familie im Wesen eng verwandt mit seinem direkten und gleichnamigen Vorläufer, dem Urvater der Sport Utility Vehicles aus dem Jahr 1984. Und er offenbart ein kleines Kunststück: Unter dem Namen des Indianervolks versammeln sich die bekannten Mythen des Aufbrechens und Ankommens und des Findens von Abenteuern, selbst da, wo es nur Parkverbote gibt. Das hat sich durch die Anwesenheit moderner Technik und von zeitgemäßem Fahrkomfort nicht geändert.

          Im Vergleich zur Konkurrenz noch immer fast ein Schnäppchen

          Für den Einsatz bei Fahrten zwischen Berg und Bauernhof, zwischen Büro und Bungalow ist der neue Cherokee die beste Wahl in der Jeep-Gemeinde. Auf dem deutschen Markt hat sich der Importeur für die Dieselvariante entschieden – keine schlechte Wahl. Immer mit der identischen Maschine bestückt, werden drei Versionen angeboten: Der Sport ist die eher dünn gefütterte und scharf kalkulierte Basisvariante für 31.990 Euro, dann kommt der dicker und eigentlich ausreichend aufgepolsterte Limited für 35.490 Euro, und den Gipfel der Cherokee-Genüsse definiert der üppige Limited Exclusive für 38.490 Euro. Es gibt nicht viele Extras, man kann ein großes Schiebedach aus Stoff nur für die Exclusive-Variante (1430 Euro) und eine Metallic-Lackierung (690) kaufen.

          ...und ist trotzdem relativ sparsam
          ...und ist trotzdem relativ sparsam : Bild: Hersteller

          Dann gibt es noch ein Limited-Paket für 2690 Euro, und wer alles ordert, landet schnell bei mehr als 40.000 Euro. Selbst dann ist der Jeep Cherokee im Vergleich zur Konkurrenz noch immer fast ein Schnäppchen. Der recht große Preissprung über den Basis-Sport hinaus erklärt sich nicht nur aus den Ausstattungsunterschieden. Im Sport werden nämlich die sechs Gänge noch von Hand sortiert. Dagegen halten die Limited-Versionen eine Fünfstufen-Automatik bereit. Immer an Bord sind das System für den Allradantrieb (Selec-Trac II) und der Geist der Freiheit, aufzubrechen vor dem Morgengrauen.

          Der Jeep Cherokee ist ein schwerer Knochen

          Wir waren bei Wind, Wetter und Winter mit dem automatisierten Limited unterwegs und empfehlen diese Version: Die Fünfstufen-Automatik arbeitet hinauf und hinunter mit einer gewissen Trägheit und fordert vom Fahrer dafür Verständnis. Aber sie wechselt die Gänge meist sehr sanft und höflich, und sie ist frei von Nebengeräuschen. Lediglich unter voller Last neigt sie zum Rucken, aber Vollgas ist eine Verhaltensweise, die dem Cherokee-Fahrer ohnehin fremd sein sollte. Denn der vom italienischen Spezialisten VM Motori stammende Diesel will lieber ziehen bei niedrigen Touren als lustvoll zischen bei hohen Drehzahlen: 2,8 Liter Hubraum sind auf vier Zylinder verteilt. Mit Unterstützung von Common-Rail-Einspritzung, Vierventiltechnik und einem Abgasturbolader mit variabler Geometrie entstehen sehr stämmige 130 kW (177 PS) und vor allem ein mächtiges Drehmoment von 460 Newtonmeter bei 2000/min (in der Basisversion gibt es mit 410 Nm weniger Drehmoment, wohl mit Rücksicht auf die Lebensdauer des manuellen Getriebes).

          Weil sich die großtöpfige Maschine jederzeit sehr nachdrücklich und ohne Verweilen im sogenannten Turboloch ins Zeug legt, sieht die Automatik auch keine Veranlassung, länger als unbedingt nötig in den niedrigeren Gängen zu wühlen. So rollt man bei zügigem und angemessenem Tempo mit moderaten Drehzahlen und einem angenehm ruhig atmenden Diesel dahin. Aus diesem Verhalten resultieren natürlich entsprechende Verbrauchswerte. Sie wirken auf den ersten Blick nicht sensationell, aber: Der Jeep Cherokee ist ein schwerer Knochen. Er versammelt auf einer Länge von etwa 4,50 Meter immerhin rund 2,1 Tonnen, und er hat eine Stirnfläche wie das Fort, zu dem General Custer nicht mehr lebend zurückkehrte.

          Zu loben sind Federungskomfort, Bremsen und die Anhängelast

          Die Schlacht am Little Big Horn wird heute an der Tankstelle geschlagen, und der Cherokee nimmt bis zu 70 Liter auf. Im Durchschnitt kamen wir auf 10,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer, schnelles Fahren (etwa 140 bis 150 km/h) auf der Autobahn will mit 11,7 Liter entlohnt werden, und mit dem ganz empfindlichen Gasfuß einer Cherokee-Squaw, in deren Mokassin noch nie ein Mann ging, kann man bei 8 bis 8,3 Liter landen. Das ist sehr ordentlich, aber wo findet man noch so eine Squaw?

          Die Talente dieses Jeep Cherokee liegen nicht im Hetzen durch Kurven (noch immer beträchtliche Seitenneigung), sondern im Gleiten unter vorausschauender Fahrweise. Schwierige Traktionsbedingungen des Alltags meistert die automatisch tätige Drehmomentverteilung an die Vorder- und Hinterachse, da kann man nicht klagen. Zu loben sind Federungskomfort, Bremsen und die Anhängelast (2800 Kilogramm). Lästern wollen wir über den viel zu großen Haltegriff auf der Beifahrerseite und das mickrige Kofferraumvolumen. Ach ja, einen schräg geneigten Abstellplatz für den linken Fahrerfuß hätten wir gern. Dann wäre die Legende noch bequemer zu erleben.

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