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IV gegen VII : Ein kleiner Golf-Kurs

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Golf bleibt Golf: Der Oldie mit kleinerem rechten Außenspiegel und nach einem Parkrempler ohne Emblem Bild: Stefan Thiele

Nichts liebt Auto-Deutschland so sehr wie den Kompaktwagen aus Wolfsburg. Auch die älteren Modelle gelten in der Regel als guter Kauf. Das zeigt ein 15 Jahre alter Golf IV im Vergleich mit einem nagelneuen Golf VII.

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          Mama schwört auf VW. Das begann schon mit dem seligen Käfer und setzte sich über 25 Jahre und vier Golf-Generationen fort. Zuletzt war es ein Golf IV, der im Frühsommer 1998 ausgeliefert wurde. Die Freude war damals groß, denn nie zuvor hatte ein Golf derart viel Neues zu bieten, ohne Bewährtes zu vernachlässigen. Erstmals gab es umfassenden Rostschutz dank einer vollverzinkten Karosserie, einen deutlich höherwertigen Innenraum, mehr passive Sicherheit und eine günstigere Versicherungseinstufung. Dass die Haltegriffe am Dachhimmel nach Benutzung nicht mehr schnöde zurückknallen, sondern sich sanft und gedämpft zurückbewegen, war damals eine kleine Sensation. Heute ist es Usus.

          Der silberfarbene VW leistet der Familie noch immer treue Dienste. Es ist ein Viertürer mit einem 1,6-Liter-Benzinmotor und 100 PS. Eher selten ist die Vierstufen-Automatik. Seine Klimatisierungsautomatik gehörte damals schon zur „Comfortline“ (Aufpreis 2050 Mark), wie auch die Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber vorn, elektrisch einstell- und beheizbare Außenspiegel sowie eine Mittelarmlehne mit integriertem Ablagefach. Serienmäßig gab es zwei Fullsizeairbags vorn, Seitenairbags in den Vordersitzlehnen, ABS, Servolenkung, Umluftschaltung, Staub- und Pollenfilter und ein vollwertiges Reserverad. Der Rechnungspreis unter Abzug eines Barzahlungsrabatts von fünf Prozent belief sich auf erstaunliche 37.234,58 Mark (heute sind das rund 19.100 Euro). Schon vor 15 Jahren waren Autos teuer.

          Ein kultiviertes Turbotriebwerk

          Mit frischem TÜV und einer Gesamtfahrleistung von 232.500 Kilometer begegnet der alte Golf seinem nagelneuen Nachfolger. Ein VW Golf 1.2 TSI des Jahrgangs 2013 holt etwas mehr Leistung (105 PS) aus deutlich weniger Hubraum. Das ist das Downsizing, von dem heute so viel die Rede ist. Als Comfortline kostet er heute 21.575 Euro, 900 Aufpreis für die hinteren Türen eingerechnet. Der Preisunterschied ist somit niedriger als vielleicht erwartet.

          Wer hat die Nase vorn? Links der 15 Jahre alte Golf IV auf Stahlfelgen, rechts ein nagelneuer Golf VII auf schicken Leichtmetallrädern, beide mit ähnlicher Motorisierung Bilderstrecke
          Wer hat die Nase vorn? Links der 15 Jahre alte Golf IV auf Stahlfelgen, rechts ein nagelneuer Golf VII auf schicken Leichtmetallrädern, beide mit ähnlicher Motorisierung :

          Beide Golf wurden an einem Tag im Konvoi durch den Taunus gefahren. Erstes Fazit nach fast 400 Kilometer Landstraßen und Autobahnen: Extrem viel sparsamer ist der Siebener im direkten Vergleich zum Vierer nicht: Zwar hat er mit 7,0 Liter im Schnitt auf 100 Kilometer die Nase vorn, doch die 8,6 Liter des „Seniors“ sind so schlecht nicht. Ohne das kräftezehrende 4-Gang-Automatikgetriebe stünde auch beim Vierer-Golf die Sieben vor dem Komma. Schon weil die Kurbelwelle des alten VW bei 120 km/h mit hastigen 4000 Umdrehungen rotiert, während es beim Neuen bei gleichem Tempo nur 2750/min sind.

          Schon eher zeigt sich der Fortschritt in der Kultiviertheit, mit der das 1,2-Liter-Turbotriebwerk zu Werke geht. Trotz des vergleichsweise kleinen Hubraums beschleunigt der 1.2 TSI agil und reagiert über weite Drehzahlbereiche sehr spritzig auf die Befehle vom Gasfuß. Auffällig ist auch die präzise und leichtgängige Servolenkung. Beim Vierer kann man manchmal glauben, es gebe gar keine Servounterstützung.

          Offizielle Zahlen gaukeln größeren Kofferraum vor

          Dass der Innenraumvergleich 7 gegen 4 deutlich zugunsten des neuen Golf ausgeht, ist keine Überraschung. Was vor 15 Jahren begann, ist heute perfektioniert. Ein 2013er-Golf braucht keinen Vergleich mit einem Premiumauto zu scheuen, Golf ist Premium. Das gilt auch für die vielfältigen Möglichkeiten, den Einstandspreis nach oben zu treiben. So sind die 37.000 Mark, die damals gezahlt wurden, mit dem 1.2 TSI heute fast in Euro zu erreichen. Zugegeben, wir haben tief in der Ausstattungsliste gegraben und vieles gab es vor 15 Jahren noch nicht: automatisches Einparken, Fahrspurassistenz, adaptiver Tempomat mit Notbremsfunktion und so weiter. Ja, und eine Standheizung sowie eine Lederausstattung und ein elektrisches Schiebedach haben wir fiktiv ebenso mitbestellt wie ein Navigationssystem. Heute geht das ja alles blitzschnell mit dem Konfigurator im Internet. 1998 musste Mutter noch mit dem freundlichen Verkäufer im Autohaus verhandeln und Prospekte sowie Preislisten wälzen. Das Zeitalter des Internets hatte gerade erst begonnen.

          In 15 Jahren hat sich viel geändert, nur ist das Kofferraumvolumen nicht entscheidend gewachsen, obwohl der Golf VII mit einer Länge von 4,25 Meter zehn Zentimeter mehr Auto bietet (und mit 2,64 Meter dazu 13 Zentimeter mehr Radstand). Die offiziellen Zahlenangaben gaukeln in dieser Hinsicht einen deutlichen Fortschritt vor. 380 Liter stehen 330 gegenüber. Aufgefallen war uns sofort, dass die riesige Kiste, mit der wir immer zum Großeinkauf fahren, nicht in den neuen Golf passt. Das größere Volumen des VII muss mit dem Raum unter dem herausnehmbaren Kofferraumboden zu tun haben. Hier liegt im alten Golf das Reserverad, das beim neuen bezahlt werden muss (76 Euro). Punkten kann der Golf VII dagegen mit seiner nahezu ebenen Ladefläche, die durch einfaches Umklappen der Rücksitzlehnen entsteht. Beim Alten müssen zusätzlich die Sitzflächen hochgeklappt werden, und es bleibt ein stärkerer Knick in der Ladefläche. Gleichstand herrscht bei der effektiv nutzbaren Länge bis zur Rückseite der Vordersitze. Bei beiden Fahrzeugen messen wir 1,33 Meter.

          Selbstverständlich fühlt sich ein frischer Golf viel besser an als ein 15 Jahre alter „Opa“. Der Sohn, der inzwischen Omas Auto geerbt hat, bringt es auf den Punkt: „Der neue Golf fühlt sich toll an und fährt supergut.“ Die Generation iPhone liebt die einfache Bedienung der Instrumente, die Qualität der Musikanlage und den großen Navigationsschirm.

          Doch das Geld für den Neuen hat der frischgebackene Abiturient noch nicht. Nummer vier wird also noch ein paar Jahre gebraucht, angepeilt werden jetzt erst mal 250.000 Kilometer. Ach, wer es wissen will: Bis auf eine Wasserpumpe gab es noch keine größeren Schäden am 15 Jahre alten Golf, von den üblichen Verschleißreparaturen abgesehen. Auch Rost findet sich kaum. Und solange die IV noch läuft, muss die Nummer VII noch warten. Wahrscheinlich gibt es dann schon die Nummer VIII.

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