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Infotainment in der A-Klasse : Hey, Mercedes, wie wird das Wetter?

Ausgerechnet in der Kompaktklasse ... Bild: Daimler AG

Das Kommunikationssystem M-Bux in der neuen A-Klasse von Mercedes-Benz setzt mit einem großen Bildschirm Maßstäbe. Auch die Sprachsteuerung verdient Lob.

          Als Revolution im Cockpit kündigt Mercedes-Benz sein M-Bux-Kommunikationssystem an, der Name mit seinem „ux“ steht für User Experience, Nutzererfahrung. Aber Revolution allein reicht nicht aus, es muss auch noch der Modebegriff „Künstliche Intelligenz“ fallen, wenn es um Unterhaltung, Information, Telefonie und Navigation geht. Premiere feiert M-Bux in der neuen A-Klasse, alle anderen werden folgen. Der Spurhalteassistent kann mit Intelligenz wohl weniger gemeint sein. Es gab kaum eine längere Fahrt, auf der uns dieser Helfer nicht wenigstens einmal mit ruppigem Gegensteuern erschrocken hätte.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          M-Bux ist ein neugestaltetes System, das sowohl das klassische Cockpit mit Tachometer und Drehzahlmesser wie auch Infotainment mit Bordmonitor und zugehörigen Komponenten unter ein Dach bringt. Die Integration ist die Leistung, die Bedienung erfolgt auf unterschiedlichen Wegen, und eine neue Spracherkennung stellt tatsächlich alles in den Schatten, was man bisher im Auto erlebt hat.

          Spektakulär ist schon der Bildschirm. Hinter dem Lenkrad zieht sich die 12 Zentimeter hohe Anzeige wie ein kleines Bügelbrett über sage und schreibe 62 Zentimeter in die Breite. In dieser größten Variante sitzen zwei 10,25-Zoll-Displays mit einer Auflösung von jeweils 1920 × 720 Pixel nebeneinander, das erklärt die üppigen Maße. Das linke Element enthält typischerweise die Cockpitanzeige, das rechte den Bordmonitor, aber alles ist frei konfigurierbar und geht ineinander über. Nicht weniger beeindruckend ist die unsichtbare Prozessorentechnik im Hintergrund. Befeuert wird die Anlage mit mehreren Grafikchips von Nvidia, die Mercedes Reilly PX und Parker 128 nennt. Im Portfolio von Nvidia findet man sie nicht, gemeint ist wohl die Jetson-TX2-Plattform mit sechs Prozessorkernen und acht Gigabyte RAM.

          ... hat Mercedes-Benz sein modernstes System eingebaut.

          Was man als Fahrer sieht, ist zu jedem Zeitpunkt und in jedem Menü beeindruckend schnell, verzögerungsfrei, mit hoher Bildwiederholrate. Updates holt sich die Anlage selbsttätig ins Auto, und für einzelne Abteilungen wie die Sprachsteuerung bedient sich Mercedes beim Marktführer Nuance, für die Navigation zeichnet das Unternehmen Here verantwortlich, und angeblich kann man auch die Assistenten von Google und Amazon dahingehend anbinden, dass Befehle von zu Hause aus ins Fahrzeug geschickt werden können. Wir konnten es nicht ausprobieren.

          Das neue Bediensystem trumpft mit Flexibilität auf. Wahlweise steuert man mit dem Finger auf dem rechten berührungsempfindlichen Bildschirm, mit dem Touchpad zwischen Fahrer und Beifahrersitz, mit den Lenkradtasten, zu denen ein Mini-Touchpad gehört, wie man es früher vom Blackberry kannte, und nicht zuletzt mit Sprachkommandos. Nur auf herkömmliche Schalter und Tasten muss man weitgehend verzichten, sie bleiben aber zumindest für die Bedienung der Klimaanlage erhalten. Es gibt Menüs auf dem Bildschirm, die in Untermenüs führen, kontextabhängige Einblendungen auf dem Monitor und die vom alten Comand Online bekannten Favoriten.

          Die linke Anzeige mit Tachometer und Drehzahlmesser ist ebenso flexibel konfigurierbar wie die rechte. Wie bei Audi und anderen kann man hier eine große Landkarte für die Navigation einblenden und die Hauptinstrumente klein zurückfahren. Erstmals gibt es ein Head-up-Display, dessen Inhalte ebenfalls frei einstellbar sind: Etwa die Anzeige von Geschwindigkeit und Tempolimit mitsamt Navi-Informationen oder lieber eine G-Anzeige der Beschleunigung. Das alles geht schon sehr in die Details, und man benötigt einige Zeit, um sich zurechtzufinden.

          Mit digitalem Cockpit und Fingersteuerung

          Die Basisfunktionen rund um Telefonie, Navigation und Musik sind indes schnell zu erreichen, dazu leistet die Spracherkennung von Nuance ihren Beitrag. Rund um das Fahrzeug und seine Funktionen kann man sagen, was man will, meist versteht einen „Hey Mercedes“. Sicherheitsrelevante Funktionen lassen sich allerdings nicht per Sprache steuern. Wie bei Google und Apple werden persönliche Informationen abgefragt und gespeichert, so dass ein „Rufe meine Partnerin an“ den richtigen Kontakt auf der gewünschten Nummer wählt. Der größte Teil der Erkennung funktioniert ohne Mobilfunkanbindung, aber wenn man nach dem Wetter in Singapur fragt, muss die Netzverbindung vorhanden sein.

          Solche weiter gehenden Fragen werden also zu externen Servern geschickt, die Antwort kommt von dort retour. Natürlich kann man „Hey Mercedes“ ungeachtet aller Begeisterung und Leistungsfähigkeit austricksen und in die Irre führen, das gelingt mit jedem System. Aber einen ernstzunehmenden Einwand haben wir: Man stößt auf Endpunkte, die nicht sinnvoll abgearbeitet werden. Wer in der allein digital vorliegenden Bedienungsanleitung blättern will, wird aufgefordert, ein Kapitel zu nennen. Möchte man mit dem ersten beginnen, ist das schon das Ende, weil der Assistent ein Thema und keine Nummer erwartet. Solche Irritationen gibt es immer wieder, ohne dass man erfährt, was gerade schiefgelaufen ist.

          Neben der Spracherkennung ist Augmented Reality ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. In der Stadt und auf der Landstraße blendet der Navi-Monitor das mit einer Kamera gefilmte Außenbild ein und zeigt dazu animierte Richtungspfeile für den zu wählenden Weg. Noch eindeutiger kann man sich eine Routenführung eigentlich kaum vorstellen, vor allem in der Stadt mit dichten Kreuzungen. Weiterhin beachtenswert: Der adaptive Tempomat greift auf die Straßenkarten zurück und bremst auf der Landstraße vor Kurven selbsttätig ein wenig ab und beschleunigt anschließend wieder aufs Zieltempo. Hoffentlich vertut er sich dabei nie.

          Insgesamt meinen wir, dass hier in der Tat eine Zäsur zu sehen ist. Digitaler kann ein Auto derzeit kaum sein. Der Einstieg ist gratis, M-Bux gehört mit kleinem Monitor zur Serienausstattung der neuen A-Klasse. Aber schon für die Navigation mit Premium-Verkehrsdaten und größerem Monitor sind Aufpreise von 1400 Euro an zu zahlen. Die Liste der elektronischen Begehrlichkeiten ist lang. Es kann teuer werden.

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