https://www.faz.net/-gy9-6vlii

Honda Fireblade : Rakete mit Liebreiz

Mehr Feuer als nötig: Aber die Honda Fireblade verbindet hohe Leistung mit exzellenter Fahrbarkeit Bild: Hersteller

Honda verweigert sich dem ungehemmten Rüstungswettlauf, andere Werte zählen bei der neuen Fireblade. Für Normalfahrer ist die ausgewogene Maschine trotzdem eine Wucht.

          Vor drei Jahren war die Welt noch in Ordnung für die Hersteller von Japans schärfsten Klingen. Wo sie sich befanden, da war vorn. Die Reihenvierzylinder ihrer 1000-Kubikzentimeter-Supersportler markierten das Maß der Dinge. Honda, Kawasaki, Suzuki, Yamaha hatten sich im Laufe der Zeit auf rund 180 PS hochgeschaukelt, bis endlich eine Art Burgfrieden eintrat, dem anscheinend die Einsicht zugrunde lag: Genug ist genug.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Diese Ansicht kann man teilen. Schließlich handelt es sich bei diesen leichtgewichtigen Kraftpaketen im Sportdress um Motorräder, die auf der Rennstrecke am besten aufgehoben, jedoch für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen sind. Es sind nämlich Blinker und Kennzeichenhalter dran.

          Richt das gegen die Stammtischwirkung von fast 200 PS?

          Dann kam BMW und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Essstäbchen hüpften. Aus dem Nichts präsentierten die Münchener die mit annähernd 200 PS und elektronischen Regelsystemen gepfefferte S1000RR. MV Agusta ist in ähnlichen Höhen unterwegs, Aprilia brüllt die Japaner mit der RSV4 nieder, und nun kommt im Frühjahr Ducati mit dem stärksten Serien-Zweizylinder aller Zeiten, der in der revolutionären 1199 Panigale 144 kW (195 PS) leisten soll. Und die Japaner? Kawasaki hat voriges Jahr mit der Ninja ZX-10R eilig einen Paukenschlag gesetzt. Doch er ist trotz der Ansage von 147 kW (200 PS) im Markt verhallt. Auf die Trotzreaktion der anderen drei wartet man noch heute.

          Man vermag momentan nicht so recht einzuschätzen, ob sie des Wettrüstens müde sind oder gerade im Stillen etwas ausbrüten. Die Verkaufszahlen dieser hochgezüchteten Technik-Flaggschiffe schrumpfen seit geraumer Zeit, aber nach wie vor ist dieses Segment ein bedeutendes, wichtig fürs Renommee. Die Überarbeitungen der GSX-R 1000 von Suzuki und der YZF-R1 von Yamaha zur Saison 2012 wirken sehr dezent, keine Spur jedenfalls davon, dass sie imstande oder gewillt sind, die Leistungslücke zur Spitze zu schließen. Das gilt ebenso für die Honda Fireblade, deren Ur-Version vor 20 Jahren erschien. In der kommenden Saison geht die elfte Generation dieser schon legendären Maschine an den Start. Die Änderungen: frisches Design, neue Federelemente und Räder (zwölf statt drei Speichen), nunmehr komplett digitales Display, ferner Luftfilter, Schalldämpfer, Einspritzung und ABS überarbeitet. „So geschärft geht die Feuerklinge in die Saison 2012“, lässt Honda wissen. Für unverändert 14.990 Euro, aber kein Aufpreis mehr für ABS. Es ist serienmäßig. Schön und gut, doch reicht das gegen die Wirkung, die fast 200 PS am Stammtisch entfalten?

          Keine Traktionskontrolle

          Denn die Nennleistung der Fireblade bleibt unverändert: „nur“ 131 kW (178 PS), die der Vierzylinder bei 12.000/min entwickelt, dazu ein Drehmomentmaximum von 112 Newtonmeter bei 8500/min. Dem steht ein Gewicht der vollgetankten Maschine von lediglich 211 Kilogramm gegenüber - ein Gesamtpaket des hellen Wahnsinns im Grunde. Bloß eben nicht mehr die Speerspitze der Entwicklung.

          Lässt man mal die Kirche im Dorf, wird klar, dass das vollkommen egal ist. Ein guter, ein exzellenter Motorradfahrer wird nicht in der Lage sein, all die Möglichkeiten auszureizen, die dieses Triebwerk, dieses Fahrwerk bieten. Die Rede ist nicht von den wenigen Profis der Rennstrecke, sondern vom ganzen Rest der in Frage kommenden Sportbikefahrer. Es gibt einiges an der in zwei Jahrzehnten gereiften, alles in allem 445.000-mal gebauten Honda, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass es besser zu machen ist: Dosierbarkeit und Wirkung der Bremsen, das ABS, die hochsportliche, zugleich angenehme, jedenfalls überhaupt nicht quälerische Sitzposition, elektronischer Lenkungsdämpfer, Anti-Hopping-Kupplung.

          Leider hat Honda es versäumt, dem neuen Fireblade-Jahrgang eine Traktionskontrolle mitzugeben, was inzwischen fast Klassenstandard ist. Vermutlich verhält es sich in diesem Punkt wie so oft bei diesem Hersteller: Mit Neuerungen von Bedeutung geht er erst dann ans Licht, wenn er eine eigene Lösung gefunden hat, die ihn selbst komplett überzeugt. Mal abwarten.

          Wohlgefühl und Fahrspaß

          Was das Design betrifft, kehrt die Flügelmarke nach dem Stupsnasen-Experiment mit dem vorigen Modell zu einer aggressiveren Formensprache zurück, wie sie in diesem Gewerbe üblich ist. Ansonsten sind die Änderungen für 2012 wertvoll im Sinne der Fahrbarkeit einer Rakete. Das Ansprechverhalten des Motors auf Gasbefehle, speziell bei geringer Drosselklappenöffnung, wurde verbessert, ist weicher, noch schöner kalkulierbar, gestärkt wurde die Drehzahlmitte von ungefähr 4000 bis 8000/min. Der Schub, den das Triebwerk entfacht, ist höllisch, allerdings fällt er nicht rabiat über einen her, sondern wird mit Samthandschuhen serviert - freundlich, gleichmäßig. Die Auswirkungen auf Wohlgefühl und Fahrspaß sind immens.

          Die CBR1000RR Fireblade für 2012 wurde auf dem schwierigen Rundkurs von Portimao in Portugal vorgestellt, der gespickt ist mit Kuppen, rätselhaften Abschnitten und Kurven, deren Ende nicht einzusehen ist. Gerade unter solchen Umständen kommen ihre Tugenden zur Geltung. Wir urteilen hier aus der Perspektive des Normalfahrers, dem auf der Rennstrecke ebenso wie auf öffentlichen Straßen durch Kontrollierbarkeit, Fahrbarkeit, präzises Handling mehr geholfen ist als dadurch, dass noch ein paar zusätzliche PS draufgepackt werden. In dieser Hinsicht ist die ausgewogene Fireblade eine Wucht.

          Weitere Themen

          Tour de Apps

          FAZ Plus Artikel: Profi-Radrennen : Tour de Apps

          Alles für Streckenplanung, Wetterinfos und die Ernährung während der Radrennen. Apps bieten viele Vorteile – nicht nur bei der Tour de France.

          Ein Porsche ist kein Ponyhof Video-Seite öffnen

          Fahrbericht Porsche 911 Cabriolet : Ein Porsche ist kein Ponyhof

          Porsche ist mit dem 911 Cabriolet ein tolles Auto gelungen – am besten macht man ihn nie zu. F.A.Z-Redakteur Holger Appel hat den Wagen getestet und erklärt, warum 180.000€ nicht zwingend in eine Eigentumswohnung investiert werden müssen.

          Topmeldungen

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.
          Boris Johnson: Favorit auf das Premierministeramt in Großbritannien

          Großbritannien : CDU traut Boris Johnson positive Überraschung zu

          Boris Johnson dürfte heute das Rennen um die Regierungsspitze für sich entscheiden. Aus der CDU bekommt er Lob für seine Intelligenz. Der frühere Premier Tony Blair hält einen Brexit ohne Abkommen für ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.