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Holzvergaser : Über allem ein Hauch von Bückling

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Ein Opel P4 aus dem Jahr 1935 mit einer Holzgasanlage der Marke Zeuch Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Benzin war knapp im Krieg und den Jahren danach. So rüsteten viele Autofahrer auf Holz um. Nun bringen steigende Rohölpreise und Klimasorgen die Holzvergaser wieder ins Spiel.

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          Schaanwald, Liechtenstein. Von außen wirkt die große graue Halle der Firma Allemann wie eine der vielen anderen an der österreichisch-liechtensteinischen Grenze. Auch im Eingangsbereich ist nichts Außergewöhnliches zu erkennen, nur Schreibtische, Büro-stühle und Computermonitore. Einen Raum weiter öffnet sich allerdings eine unerwartete Welt: Plötzlich befindet man sich in einem Sammelsurium von alten Personenwagen, Motorrädern, Traktoren und sogar einigen Lkws.

          Viele erinnern an die klobigen Karossen aus Mafia- oder Nazifilmen; alle tragen einen oder mehrere Metallkessel, aus denen Rohre in Richtung Motor führen. Bei einigen befinden sich die Kessel am Heck, bei anderen an der Seite, andere haben Anhänger, auf denen sich die merkwürdigen Gerätschaften türmen. Auch die vielen, mit Holzscheiten gefüllten Säcke, die sich an mehreren Stellen stapeln, passen nicht in das Bild einer gewöhnlichen Oldtimer-Sammlung. Erst ein Transparent über der stattlichen Theke in einer Ecke verschafft Aufklärung: „Holzgas Veteranen Club - Freunde alter Holzvergaser im Fürstentum Liechtenstein“, heißt es dort.

          Alternative nach dem Krieg

          „Die fahren alle mit Holz“, bestätigt Dieter Grätz während er sich von einem Barhocker an der Theke erhebt. Der 69 Jahre alte Seniorchef der Firma Allemann ist der stolze Besitzer der sorgfältig restaurierten Kollektion.

          Kölner Firma mit geschichtsträchtigem Namen
          Kölner Firma mit geschichtsträchtigem Namen : Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

          Mit Holz? Was den Jüngeren als reine Öko-Utopie vorkommen mag, ist vielen Älteren noch in guter Erinnerung: Vor allem während des Zweiten Weltkriegs und einige Jahre danach war Holz tatsächlich eine Alternative zu den knappen Mineralölprodukten. Eine Reihe von Firmen, zum Beispiel Imbert in Köln, Wacker bei Darmstadt und Zeuch in Berlin, stellte damals entsprechende Anlagen zum Umrüsten her. „Rund zwei Millionen Holzgas-Fahrzeuge gab es während des Krieges weltweit“, schätzt Dieter Grätz. Er selbst wurde durch Erinnerungen aus seiner Kindheit dazu gebracht, die Relikte zu sammeln. „Wir sind den Dingern damals in Berlin oft nachgelaufen. Irgendwann habe ich mich dann gefragt, was aus denen geworden ist.“

          Die Sammlung sprengt den Ausstellungsraum

          Im Jahr 2003 begab er sich auf Einkaufstour quer durch Europa. „Mit den Taschen voller Geld, wie ein Viehhändler“, sagt er. Innerhalb von drei Jahren hatte er seine Sammlung mehr oder weniger komplett, auch wenn das mitunter mit zähen Verhandlungen verbunden war: „Teilweise musste man zehnmal zu den Leuten hin. Neunmal wurde man rausgeworfen, beim zehnten Mal war man dann gern gesehen.“

          70 Fahrzeuge sind es geworden, sie passen gar nicht mehr alle in den Ausstellungsraum. Aber die Jagd ist auch so gut wie beendet. Nur ein Traktor vom Typ Lanz Bulldog, der seit dem Abzug der Wehrmacht in Griechenland steht, reizt Grätz noch. „Und daneben ein oder zwei andere Raritäten.“

          Liebhaber und notleidende Nordkoreaner

          Das technische Prinzip, das seine Sammelstücke eint, ist einfach beschrieben: Die Holzvergasung geht zurück auf eine Entwicklung des lothringischen Chemikers Georges Imbert aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts (siehe Sonntagszeitung v. 14. 1. 2007). Danach wird in einem Metallkessel Holz unter geringer Luftzufuhr verschwelt, wodurch ein mehrere hundert Grad heißes Gasgemisch mit den brennbaren Bestandteilen Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Methan entsteht.

          Weil sich auch jede Menge unerwünschte Nebenprodukte wie Teere, Ruß und Essigdampf bilden, muss das Holzgas durch Filter, zum Beispiel aus Holzwolle oder in einem Korkbett, gereinigt werden. Nachdem es außerdem gekühlt worden ist, wird es mit Luft gemischt und zur Vebrennung in einen Kolbenmotor geleitet. Die meisten älteren Benzin- und Dieselfahrzeuge lassen sich auf diese Weise betreiben. Als Luxusversion gibt es auch Fahrzeuge, in denen nicht Holz, sondern Holzkohle vergast wird.

          Holz statt Öl? Auch in der heutigen Zeit, in der die Nachfrage nach dem fossilen Rohstoff und dessen Preis so hoch sind wie nie, erscheint diese Option durchaus verlockend. Doch Holzgas-Fahrzeuge sind so gut wie ausgestorben. Nur noch einige Liebhaber, vor allem in Skandinavien und auf dem Balkan, rüsten ihre Autos entsprechend um. Auch aus dem notleidenden Nordkorea wird von einigen Exemplaren berichtet.

          Holzbefeuerte Mercedes S-Klasse

          Diese Zurückhaltung hat gute Gründe: Handhabung und Pflege der Gefährte sind einfach zu unbequem. So kann man sie nicht anlassen, indem man einfach einen Schlüssel dreht. Fünf Minuten dauert es mindestens, bis die Glut im Gaserzeuger mit Hilfe eines elektrisch oder per Hand betriebenen Gebläses so stark angefacht ist, dass genug Gas produziert wird (siehe „Schema einer Holzgasanlage“). Vorher muss der Herd erst mit einer Schicht Kohle und darüber mit einer Ladung Holz gefüllt worden sein. Und kaum hat die Fahrt begonnen, ist auch schon Schluss: Etwa 15 Kilogramm Holz werden für hundert Kilometer benötigt. Je nach Größe des Gaserzeugers ergibt sich dadurch eine Reichweite von lediglich 80 bis 170 Kilometern.

          Hinzu kommt der Leistungsverlust aufgrund des geringen Brennwerts: „Bei der Verwendung von Holzgas kann man mit einem Drittel an PS weniger rechnen“, sagt Grätz. Die Geschwindigkeit leide zudem unter dem Gewicht der Gasanlage von bis zu mehreren hundert Kilogramm: „Auf der Autobahn bedeutet das Wettfahrten mit Lkws.“ Dabei spricht Grätz nicht von einem Auto aus dem Krieg, sondern von einem seiner jüngeren Stücke, einer eigens für ihn in Finnland umgebauten Mercedes-S-Klasse aus dem Jahr 1984.

          Teer und Essigdampf als störende Nebenprodukte

          Auch die Beschaffung des Brennstoffs hat ihre Tücken: Zwar lässt sich theoretisch jegliches Holz und sogar gepresster Torf oder getrockneter Kuhdung verwenden, jedoch meistens mit weiteren Nachteilen: „Eiche produziert zu viel Teer, und Nadelholz verschwelt zu schnell“, sagt Grätz. Am besten eigne sich Birken- oder Buchenholz. Auf einer längeren Fahrt dafür aber entsprechende Tankstellen, also Sägewerke oder Möbelfabriken, zu finden, ist nicht unbedingt einfach.

          Ein weiteres Problem ist der Qualm, der beim Anfeuern des Gaserzeugers entsteht, und der damit verbundene Geruch. „Fahren Sie mal eine Woche mit Holzgas, dann riechen sie auch nach dem Duschen noch so richtig schön nach Bückling“, sagt Dieter Grätz. „Aber das ist ja der Duft, den die Frauen lieben.“ In diesem Moment macht sich zum ersten Mal der feine Räuchergeruch bemerkbar, der aus den Gaserzeugern ringsum strömt. Er erinnert tatsächlich an geräucherten Hering.

          Tödlich für die Technologie waren jedoch vor allem die Nebenprodukte, die bei der Gaserzeugung entstehen: Über kurz oder lang werden die Leitungen und der Motor von den Teeren verklebt oder vom Essigdampf zerfressen. „Es gerät einfach ungeheuer viel Dreck in die Leitungen und in die Kolbenlaufbahn. Der Wartungsaufwand war immens“, sagt Winfried Seidel, Leiter des Automuseums Dr. Carl Benz im nordbadischen Ladenburg, wo ein auf den Betrieb mit Holzkohle umgerüsteter Mercedes-Benz 170 V steht. „Schon nach wenigen hundert Kilometern musste man die Zylinderkopfdichtungen ersetzen.“ Als nach dem Krieg wieder Öl zu erschwinglichen Preisen auf den Markt kam, verschwanden die Holzgas-Fahrzeuge deshalb schnell von den Straßen.

          Auch für Kraftwerke kompliziert

          Dennoch könnte es sein, dass die Debatte um den Klimawandel der Holzvergasung künftig wieder stärkere Bedeutung bescheren wird, denn Holz gibt es in Deutschland und in anderen Ländern noch genug (siehe „Bis zum letzten Wurzelstück“). Angestrebt wird allerdings nicht die Vergasung am Fahrzeug, sondern der Einsatz des Verfahrens für die Stromproduktion. Wie bereits in einigen Pilotanlagen in Deutschland gezeigt, wird dabei das Holz nicht verbrannt, um mit der entstehenden Hitze eine Wasserdampfturbine anzutreiben. Vielmehr wird Holzgas für den Betrieb eines Gasmotors erzeugt. „Der Vorteil liegt im höheren elektrischen Wirkungsgrad“, sagt Alexander Vogel vom Institut für Energetik und Umwelt in Leipzig. Mit der gleichen Menge Holz kann also mehr Strom produziert werden. Rechnet man allerdings die nutzbare Wärme hinzu, ist die Ausbeute bei der Verbrennung wesentlich höher.

          Von der flächenhaften Anwendung ist die Stromproduktion aus Holzgas jedoch noch weit entfernt: „Meines Wissens gibt es in Deutschland keine Anlage, die erfolgreich im Dauerbetrieb läuft“, sagt Vogel. Auch im benachbarten Ausland fänden sich bisher lediglich mit einem Kraftwerk im dänischen Harboore und einem im österreichischen Güssing zwei funktionierende Vorbilder. Die Schwierigkeit liegt, wie bei den Holzgas-Autos, in den bei der Gaserzeugung anfallenden Nebenprodukten, vor allem den Teeren. Damit sie auf Dauer die Motoren nicht ruinieren, müssen sie mit hohem technischen Aufwand vollständig herausgefiltert werden.

          In Güssing löst man das Problem, indem man das Gas durch einen speziellen Apparat mit Biodiesel leitet und so die Teere auswäscht. Sie werden anschließend mit dem Diesel verbrannt. In Harboore nutzt man unter anderem Nass-Elektrofilter. Die abgetrennten Teere werden gesammelt und ebenfalls zur Wärmegewinnung verfeuert.

          Moderner Erdgasersatz aus Holz

          Nach Angaben von Vogel ist der Aufwand für die Gasreinigung in jedem Fall hoch. Er lohne sich erst ab einer Anlagenleistung von rund 500 Kilowatt. Die „Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe“ urteilt, „dass die Biomassevergasung nicht ohne Unterstützung auskommen wird, wenn sie eine sinnvolle Alternative zu etablierten Stromerzeugungstechniken werden soll“.

          Vielleicht liegt die Zukunft des Holzgases deshalb doch eher in der Produktion von Bio-Sprit. Wissenschaftler des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) im schweizerischen Villigen haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich aus Holzgas synthetisches Erdgas gewinnen lässt. Dazu werden mit Hilfe eines Nickel-Katalysators das Kohlenmonoxid und der Wasserstoff im Holzgas in Methan und Kohlendioxid umgewandelt. Letzteres wird in einem weiteren Schritt abgetrennt, so dass ein Erdgasäquivalent entsteht. Es kann in das allgemeine Gasnetz eingespeist werden und dazu dienen, Gasfahrzeuge zu betanken.

          Der aufwendige Prozess der Gasreinigung wird davor zentral in einem Kraftwerk wie in Güssing erledigt. Dort wird durch das EU-Projekt „Bio-SNG“ auch gerade eine Anlage zur Methanerzeugung mit einer Leistung von einem Megawatt gebaut. Die Forscher des PSI träumen aber schon von einem Großkraftwerk mit einer Leistung von zehn bis zwanzig Megawatt. Möglicherweise fahren also demnächst wieder mehr Holzgas-Fahrzeuge durch Mitteleuropa. Ansehen würde man ihnen das dann allerdings nicht.

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