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Historische Straßenbahnen : Alteisen aufs Gleis

  • -Aktualisiert am

Überland geht das dritte Licht an. Bild: Peter Thomas

Wenn zusätzliche Straßenbahnen gebraucht werden, dürfen historische Züge wieder ran. In Mannheim, Ludwigshafen und Frankfurt.

          5 Min.

          Die Trainspotter stehen schon bereit: In Ludwigshafen und in Mannheim warten sie auf Zug Nummer 1015 sowie ihre beiden Schwesterzüge 1017 und 1018. Obwohl, es muss Tramspotter heißen. Denn bei den drei Zügen, welche die Spotter vor die Kamera bekommen wollen, handelt es sich um historische Straßenbahnen. Es sind sechsachsige Duewag-Gelenkwagen mit drei Drehgestellen (GT 6) aus den 1960er Jahren, die 2020 ihre zweite Blüte erleben.

          Der 48 Jahre alte Heiko Boege sitzt im Fahrerstand, die rechte Hand an der Sicherheitsfahrschaltung und den Knopf der Klingel immer griffbereit. Bei der Fahrt durch die Mannheimer Innenstadt braucht er das Läuten oft: Die Tram muss sich durch den dichten Verkehr der Fußgängerzone fädeln. Dann biegen die Gleise ab in Richtung Rhein. Letzter Stopp in Mannheim an der Haltestelle Handelshafen, nun nimmt der Zug Fahrt auf und sprintet mit Spitze 60 km/h über die Kurt-Schumacher-Brücke nach Ludwigshafen.

          Boege kommt aus Ludwigshafen, der rheinland-pfälzischen Nachbarstadt des baden-württembergischen Mannheims. Er fährt seit 2014 Straßenbahnen für die RNV GmbH (Rhein-Neckar-Verkehr), hat die GT 6 während ihrer letzten Einsätze miterlebt – zum Beispiel bei Eisfahrten, wenn im Winter die Oberleitungen gegen Einfrieren geschützt werden.

          Unterwegs als reguläre Verstärkerzüge

          Als im vergangenen Oktober die Entscheidung fiel, drei ausgemusterte Garnituren des GT 6 wieder in Betrieb zu nehmen, meldete er sich sofort. Die Umstellung von der digitalen Steuerung moderner Trams auf die alte Technik? Das falle ihm leicht, berichtet der Straßenbahner. „Für die jüngeren Kollegen war aber vieles Neuland“, sagt der Mann mit dem Kurzhaarschnitt. „Ungewohnt ist zum Beispiel, dass man durchaus Kraft aufwenden muss, um die Fahrstufen einzulegen.“

          Im zwei von drei Straßenbahnen sind die Sitzbezüge erneuert worden. Bilderstrecke

          Die drei Oldtimer werden nicht etwa im historischen Sonderverkehr eingesetzt, sondern sie verkehren seit dem 7. Januar als reguläre Verstärkerzüge im stark frequentierten Vormittags- und Nachmittagsverkehr des RNV. Wichtigstes Arbeitsfeld ist die Linie 7 von Mannheim nach Ludwigshafen. Bei dem 2005 gegründeten Verkehrsunternehmen RNV ist man zuversichtlich, dass die Klassiker ihre Aufgabe zuverlässig erfüllen werden. Schließlich lieferte Duewag vor mehr als 50 Jahren Maschinenbau in Qualitätsstufe „Heavy Metal“.

          Genauso solide wirkt heute die Personalplanung des RNV: Mindestens 30 Fahrerinnen und Fahrer werden für den Dienst auf den drei Oldtimern geschult. Die Erfahrungen von Kollegen, welche die Straßenbahn-Oldtimer selbst viele Jahre lang im täglichen Einsatz gesteuert haben, waren für die Schulungen wertvoll.

          Steigende Nachfrage nach öffentlichem Personennahverkehr

          Die Kosten für die Arbeiten von Oktober bis zum Jahreswechsel haben sich zu einem stattlichen Betrag summiert: In die Revitalisierung der drei Trams hat der RNV insgesamt mehrere hunderttausend Euro investiert. Anlass für das Comeback waren im Prinzip die Ludwigshafener Hochstraßen „Süd“ und „Nord“. Diese wichtigen Straßenverkehrsadern der Industriestadt sind so marode, dass in den kommenden Jahren ihr Abriss und Neubau zu massiven Behinderungen führen wird. Das führt zu steigender Nachfrage nach öffentlichem Personennahverkehr. So musste der RNV schnell das Fahrplanangebot erweitern.

          Doch neue Straßenbahnen gibt es nicht einfach von der Stange zu kaufen, sie werden vielmehr nach den Bedürfnissen des Kunden konfiguriert und dann gebaut. Der RNV hat 80 moderne Trams bei Škoda in Tschechien bestellt, die übrigens nicht zum VW-Konzern gehört. Die werden aber erst ab 2021 ausgeliefert. Da kamen die Oldtimer gerade recht, die auf dem Betriebsgelände einer ungewissen Zukunft entgegenschlummerten: Die Verantwortlichen fragten sich: Schrott oder Museumsfahrzeug? Aber dann hieß es: Reaktivierung!

          Der Pantograf lässt sich von Hand absenken

          Manches Technikdetail hat gewiss musealen Charakter. Zum Beispiel der in einer Haltestange verborgene Seilzug, mit dem der Pantograf (Stromabnehmer) von Hnd abgesenkt werden kann. Andere Systeme wie die Lichtanlage sind jetzt erneuert worden. Dazu kommen die Umbauten, die aus den späten Jahren des Linienbetriebs der Duewag-Trams stammen. Die blauen Polstersitze zum Beispiel: Nur eine der drei Straßenbahnen hat noch die alten grünen Kunstlederbezüge.

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