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Hercules Motorrad : Das Bike mit dem Staubsauger

  • -Aktualisiert am

Museumsstück: Die Hercules W 2000 bei ZF in Schweinfurt. Bild: Hans W. Mayer

Hercules baute das erste Serienmotorrad der Welt mit Kreiskolbentriebwerk. Es fand Nachahmer. Aber nur für kurze Zeit.

          Als im September 1967 der noch selbständige Autohersteller NSU auf der Frankfurter IAA die in Design und Technik gleichermaßen revolutionäre Oberklasselimousine Ro 80 mit ihrem Zweischeiben-Wankelmotor enthüllte, wähnten nicht wenige Auguren das Ende des traditionellen Hubkolbenmotors in Reichweite. Zumal schon vier Monate zuvor NSU-Lizenznehmer Mazda auf der Tokio Motor Show im neuen Sportcoupé Cosmo 110 S mit einem konstruktiv ähnlichen Kreiskolben-Triebwerk offenbar ein neues Kapitel in der Geschichte des Motorenbaus aufgeschlagen hatte. Der bahnbrechenden Erfindung des Visionärs Felix Wankel (1902 bis 1988) schien eine rosige Zukunft bevorzustehen.

          Spätestens seit 2012, als Mazda die Produktion seines letzten Wankel-Autos (RX-8) einstellte, wissen wir, dass die damaligen Prophezeiungen vieler Fachleute falsch waren. Dennoch hat das Kreiskolbenprinzip aufgrund seiner markanten Vorzüge – niedrigeres Gewicht, kleinere Abmessungen, weniger bewegte Teile - in der Motorengeschichte unübersehbare Spuren hinterlassen. Der Wankelmotor kam nicht nur in Autos, sondern auch in Booten, Kettensägen, Rasenmähern oder Schneemobilen in teils hohen Stückzahlen zum Einsatz. Außerdem liebäugelten damals auch mehrere Motorradbauer mit dem neuartigen Antriebskonzept, und das Nürnberger Unternehmen Hercules, einer der ältesten deutschen Zweiradhersteller, brachte vor knapp einem halben Jahrhundert das erste serienmäßige Wankel-Motorrad der Welt auf den Markt.

          Die 1886 in Nürnberg als Fahrradfabrik gegründeten Hercules-Werke fertigten seit 1904 Motorräder. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs das Unternehmen mit einem riesigen Angebot an Mofas, Mopeds, Kleinkrafträdern und Motorrollern – bestückt mit zugelieferten Motoren von Sachs – zu einem der größten deutschen Zweiradhersteller heran.

          Mitte der sechziger Jahre wurde Hercules dann von der Schweinfurter Firmengruppe Fichtel & Sachs geschluckt. Die hatte, wie etliche andere internationale Auto- und Motorenbauer auch, von NSU die Lizenz zur Herstellung von Wankelmotoren bis 30 PS Leistung erworben. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurden in Schweinfurt Kreiskolben-Motoren für vielfältige Einsatzzwecke produziert, beispielsweise für Rasenmäher der Marken Wolf und Sabo oder als Antrieb für Kernbohrgeräte, Pumpen und Kühlaggregate. Auch in dem von Rheinmetall an die Bundeswehr gelieferten Zweizentimeter-Zwillingsflakgeschütz tat ein Wankelmotor von Sachs Dienst. Die Gesamtproduktion belief sich auf mehr als 100.000 Einheiten.

          So mussten die Entwickler von Hercules 1969 auf ihrer Suche nach einem geeigneten Antrieb für ihr projektiertes Wankel-Motorrad sozusagen nur noch ins Motorenregal von Sachs greifen. Ihre Wahl fiel auf den Kreiskolbenmotor des Typs KC-24, den Sachs in größeren Stückzahlen an einen amerikanischen Hersteller von Schneemobilen lieferte. Es handelte sich um ein gebläsegekühltes Ein-Scheibentriebwerk mit 294 Kubikzentimeter Kammervolumen, das 25 PS bei 6500 Umdrehungen in der Minute leistete. Der Rahmen stammte aus dem Hercules-Programm, das leicht modifizierte Schneemobilaggregat wurde mit einem aus einer BMW R 27 stammenden Vierganggetriebe mit Kardanantrieb verheiratet. 1970 wurde dann der Wankel-Prototyp auf der Internationalen Zweiradmesse Ifma in Köln vorgestellt.

          Die Höchstgeschwindigkeit betrug 145 km/h

          In der späteren Serienfertigung kam das mit 27 PS geringfügig stärkere, 8,5:1 verdichtete Wankelaggregat vom Typ KC-30 zum Einsatz. Nun trieb ein Sechsganggetriebe das Hinterrad per Kette an. Möglich gemacht hatte die geänderte Kraftübertragung ein Kegelradpaar zwischen Motor und Getriebe. Die Höchstgeschwindigkeit der 160 Kilogramm wiegenden Hercules W 2000 betrug laut Hersteller 145 km/h, der Preis 4550 Mark. Zur IFMA 1976 erschien die Hercules W 2000 Injection mit Getrenntschmierung, realisiert durch einen separaten Öltank mit Dosierpumpe.

          Rund 1800 Maschinen sollen laut Angaben in der Fachliteratur bis 1979 entstanden sein. Der Absatz des von Markenfreunden wegen seines großen Kühlluftgebläses ironisch Staubsauger genannten Wankel-Motorrads brach gegen Ende der Produktionszeit ein, sodass die letzten Exemplare mit Nachlass verramscht wurden. Einer der Käufer war der damalige Schweinfurter Oberbürgermeister Kurt Petzold, der seiner Wankel-Hercules drei Jahrzehnte lang die Treue hielt. Seit 2011 steht sie als Leihgabe in der Sachs-Ausstellung der ZF Friedrichshafen AG in Schweinfurt.

          Auch andere Motorradbauer setzten auf den Wankelmotor

          Ein harter Kern von Markenfreunden schloss sich schon 1987 zur Interessengemeinschaft Hercules Wankel zusammen und hält eine Reihe von Maschinen am Laufen. Laut KBA-Statistik waren Anfang 2018 noch 69 Stück regulär zugelassen, eine unbekannte Anzahl stillgelegter oder mit roten Kennzeichen versehenen Wankel-Bikes komplettiert den Bestand.

          Auch etliche andere Motorradbauer setzten in den siebziger und achtziger Jahren auf den Wankelmotor. So stand zum Beispiel 1970 nicht nur der erwähnte Hercules-Prototyp in Köln, sondern auch ein Unikat mit BMW-R-69-Rahmen und modifiziertem Kreiskolbenmotor aus dem NSU Wankel Spider. Der niederländische Kreidler-Importeur van Veen baute in seinem Prototyp OCR 1000 (OCR = Oil Cooled Rotor) ein Wankel-Triebwerk von Mazda in den Rahmen einer Moto Guzzi V7. Das Zwei-Scheiben-Aggregat mit je einem halben Liter Kammervolumen leistete 100 PS.

          Neben der japanischen Wankel-Suzuki RE 5 (RE = Rotary Engine) profilierte sich vor allem der britische Hersteller Norton in diesem speziellen Markt-Segment. Die Norton Classic besaß einen Zweischeiben-Wankelmotor mit 85 PS bei 9000/min. Etwa 350 Exemplare des bis zu 210 km/h schnellen Bikes wurden ab 1984 als Dienstmotorräder an die englische Polizei ausgeliefert. In der ehemaligen DDR hatte sich schon früh der Zweirad-Hersteller MZ in Zschopau mit dem Wankel-Konzept befasst und zahlreiche Versuchsfahrten mit wasser- und gebläsegekühlten Motorgehäusen durchgeführt. Zur Serienfertigung kam es jedoch nicht.

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