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Wiedersehen mit der Heinkel Kabine : Dreirad für die Familie

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Die pure Nostalgie: Die Heinkel Kabine hat drei Räder, eine Tür und bot früher Platz für eine Kleinfamilie. Bild: Achim Gandras

Manche Erinnerungen verblassen nie. Benzin, Rosshaar, leicht muffiger Geruch und atemberaubende 10 PS Leistung: Ein Ausflug ins Gestern mit der Heinkel Kabine.

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          Die erste bewusste Autofahrt zu den Großeltern in Speyer erfolgte in einer Konstruktion aus Stuttgart-Zuffenhausen. Das Fahrzeug war sehr kompakt geschnitten, leuchtend rot, hatte die typischen runden, in die Kotflügel integrierten Scheinwerfer, drei Räder und eine Tür. Also kein Porsche, sondern der von den Heinkel-Werken in Stuttgart-Zuffenhausen entwickelte Kabinenroller, der 1956 erstmals in den Verkauf ging. Ein laut damaligem Verkaufsprospekt „Wirklichkeit gewordener Wunschtraum“ für alle, die sich kein Auto leisten konnten und doch „fast autogleich motorisiert“ sein wollten.

          Wie die von BMW in Lizenz gebaute Isetta und der Messerschmitt Kabinenroller war die Heinkel Kabine vor allem auf den Bedarf junger Paare mit kleinem Budget zugeschnitten. Und so waren die Eltern als recht typische Vertreter der aufstrebenden Wirtschaftswundergeneration kurz nach Geburt des ersten Kindes 1957 schnell vom DKW Motorrad ab- und in die Heinkel Kabine eingestiegen.

          Heute noch mehr als 3000 Exemplare zugelassen

          Sie war mit einem Preis von 2750 Mark erschwinglich und brachte zwei Erwachsene und zwei Kinder recht verlässlich von A nach B, geschützt vor Wind und Wetter. Dafür sorgte nicht zuletzt die „Spezial-Heizung“ die den Worten des Kabinen-Konstrukteurs zufolge „unbedingt gut funktionieren muss(te), da die Menschen heute verwöhnt sind und vielfach ohne Mantel im Wagen sitzen, wo sie es in wenigen Minuten warm haben wollen“. Im Sommer war die Kabine aufgrund der vielen Glasflächen, die deutlich an eine Flugzeugkanzel erinnerten, von Beginn an warm, und es wurde aufgrund der unvermeidlichen Tuchfühlung der Passagiere auch während der Fahrt nicht mehr kühler.

          Der als Flugzeugentwickler bekannte Professor Ernst Heinkel hatte sich schon Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit besonders aerodynamischen und schnellen Flugzeugen einen Namen gemacht. Auch wenn Heinkel wenig überraschend zu einem der wichtigsten Lieferanten für Hitlers Luftwaffe aufstieg, gelang es ihm nach dem Krieg recht schnell, entnazifiziert zu werden und mit dem Wiederaufbau seines Unternehmens zu beginnen.

          Heute fast vergessen, gehörten Heinkel-Fahrzeuge schon bald darauf fest zum Straßenbild in Wirtschaftswunderland. Den Anfang machte der Heinkel Roller Tourist, der insgesamt 160.000 Mal verkauft wurde und von dem nach Schätzungen des Heinkel Club Deutschland e.V. heute noch mehr als 3000 gut erhaltene Exemplare zugelassen sind. Sein Antrieb wurde weiterentwickelt und in die Kabine verpflanzt. Es handelte sich dabei um einen Einzylindermotor mit zunächst 174, später 198 Kubikzentimeter und atemberaubenden 9,2 oder 10 PS Leistung.

          Einfach anheben: Unser Autor zeigt den Reifenwechsel.

          Bremsen auf glatten Straßen wollte gelernt sein

          Was nach heutigen Maßstäben lächerlich klingt, erlaubte den Eltern und ihren mittlerweile zwei Kindern mit einem gewissen Anlauf durchaus taugliche Landstraßengeschwindigkeiten bei ihren Ausflügen in der heimatlichen Südpfalz. Eine „fast autogleiche“ Höchstgeschwindigkeit von 86 km/h war möglich, auch wenn der fürsorgliche Vater es selten darauf ankommen ließ – jedenfalls in Gesellschaft von Frau und Kindern. Eine Ausfahrt endete wohl trotzdem im Straßengraben. Der engagierte Hobbymusiker hatte auf dem Rückweg von einem nächtlichen Einsatz mit seiner Tanzkapelle erleben müssen, wie schwer es auf glatten Straßen ist, mit einer ungebremsten einrädrigen Hinterachse die Spur zu halten. Es ging ohne größere Blessuren für Mensch und Gerät ab, und schon bald war die Familie mit der rollenden Knutschkugel wieder vernünftig und flott unterwegs.

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