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Hype um eine Harley : Der Traum vom ewigen Beben

Bild: Martin Albermann

Die eine stammt aus dem Jahr 1969, die andere tut so. Wenn Harley-Davidsons bezaubernde Electra Glide Revival ihre randalierende Oma trifft.

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          Das Zeremoniell beginnt mit dem Öffnen eines Utensils namens Benzinhahn, die Älteren erinnern sich. Links unterm Tank. Gleich daneben befindet sich der Schieber für den Choke, ganz schließen. Nun zwei- bis dreimal mit dem Gasgriff pumpen, um, Klappe auf, Klappe zu, Treibstoff in Bewegung zu versetzen. Die Spannung steigt. Zum Einschalten der Zündung den Drehknopf auf der Tankoberseite aus der Position OFF in die Stellung Ignition bringen. Dies ist der Moment für eine Gedenksekunde.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Druck auf den Starterknopf. Mit dem gequälten Husten eines alten Rauchers meldet sich der Anlasser. Orgelt. Und orgelt. Orgelt noch immer. Vrromm! In einer Eruption der Empörung, verärgert über die Belästigung, erwacht die 52 Jahre alte Maschine, Wölkchen ausstoßend. Wropwrop paf! Badabap badabap badabap. Willkommen im Jahr 1969.

          Geschüttel und Getöse erfüllt die Szenerie. Weitere Wölkchen. Gas geben zur Verhinderung des Absterbens. Nach und nach gefühlvoll den Choke zurückführen. Mehr und mehr scheint das Poltern und Stampfen einem erkennbaren Muster zu folgen. Der Motor berappelt sich, findet einen Rhythmus. Tieftönend pendelt sich der Leerlauf ein: potato potato potato. Ruhepuls bei fünf- bis sechshundert Umdrehungen in der Minute.

          Route 69: Technisch fährt die Electra Glide des Baujahrs 1969 hinterher, stilistisch ist sie das Vorbild für das Revival-Modell von 2021. Bilderstrecke
          Hype um eine Harley : Electra Glide

          Nur in diesen Niederungen der Drehzahl tritt er hervor, der unnachahmliche Rumpelsound alter Harleys, Resultat der 45-Grad-Konfiguration des langhubig ausgelegten V-Twins. Feuer frei für Zylinder 1, bamm!, Zylinder 2 gleich hinterher, bamm! Danach eine Kurbelwellenumdrehung Pause. Dann wieder: babamm!! Und weiter so in einer stolpernden Folge von Detonationen, die jenes Klangbild ergibt, das es verdient hätte, zum Weltkulturerbe erklärt zu werden. Eine halbe Minute nach dem Druck auf den Knopf ist die Harley-Davidson FLH Electra Glide, Baujahr 1969, abfahrbereit. Ready for take-off.

          Apollo 11, Vietnam, Flowerpower, Revolte – 1969 war kein gewöhnliches Jahr. Woodstock, auf der anderen Seite der Staaten Stones und Hells Angels in Altamont. „Easy Rider“ kam ins Kino, Jumbo-Jet und Concorde stiegen auf, es gab die Beatles noch und für das Modell Electra Glide als Sonderausstattung erstmals die Batwing-Verkleidung am Lenker. Bis dahin schützte bloß eine Scheibe vorm Fahrtwind auf dem ansonsten ungeheuer luxuriösen Flaggschiff der Motor Company aus Milwaukee.

          Sein Name geht zurück aufs Jahr 1965: Durch Hinzufügen eines Elektrostarters wurde aus der Duo Glide die Electra ­Glide, ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für Harley-Davidson. Die E-Glide wurde zum Inbegriff des Grand American Touring, mit der 1969 eingeführten, noch heute gebräuchlichen Fledermaus-Verkleidung stieg sie auf zur Ikone.

          Die bildschöne Revival verursachte einen Hype

          Zur Erinnerung ans Jahr 1969, zu Ehren der damaligen Electra Glide, hat Harley-Davidson ein Sondermodell namens Electra Glide Revival auf den Markt gebracht, Stückpreis rund 30.000 Euro, limitiert auf 1500 Einheiten in der ganzen Welt. Jeder Händler, in Deutschland 69, bekam ein einziges Exemplar zugeteilt. Die bildschöne Revival verursachte einen Hype, der sich wochenlang hielt. Was die Sicherungen vieler Verehrer endgültig herausfliegen ließ, war die Ankündigung des Herstellers, nach diesen 1500 Stück werde die Produktion nie wieder aufgenommen. Händler wurden bestürmt, bekniet, beknetet und standen vor der Aufgabe, zu entscheiden, wer von den zahlreichen Interessenten denn eine kaufen dürfe.

          Sentimentalität mag bei manchem die treibende Kraft gewesen sein, die Tatsache, dass man jung war damals, „Easy Rider“ mittlerweile zwanzigmal gesehen hat und vorm Röhrenfernseher hockte, als Armstrong und Aldrin unscharf in Schwarz-Weiß das Sternenbanner pflanzten. Oder knallhartes Kalkül, der Plan einer Geldanlage mit Aussicht auf unverzügliche Wertsteigerung. In der Tat tauchten im Onlinehandel rasch einige Exemplare zu Mondpreisen auf. Etliche Revivals dürften keinen Meter auf der Straße bewegt werden, sondern in Privatsammlungen verschwinden.

          Mit ihrem brillanten Lack zieht die Neue die Blicke auf sich

          Zu besonderen Anlässen wird die eine oder andere auch mal gefahren werden. So wie wir es jetzt getan haben, als sich die Gelegenheit ergab: Matthias Meier, Eigentümer der Factory Group mit vier Harley-Stützpunkten, und sein Kompagnon Thomas Trapp machten für uns die 69er E-Glide mobil, die auf kuriose Weise in Deutschland landete. Oldtimer-Experte Trapp hatte das seltene Stück 2006 im Schaufenster eines Motorradverleihs in Denver entdeckt und nur deshalb nicht gekauft, weil er wegen des Rückflugs nach Deutschland in Eile war. Dafür schlug ein Jahr später Meier zu, der, ebenfalls während der Rückgabe von Mietmotorrädern, unabhängig von Trapp auf die Maschine stieß. Als Meier und Trapp im Jahr 2010 Geschäftspartner wurden, stellten sie fest, dass sie, ohne voneinander zu wissen, in Denver auf demselben Fahrzeug gesessen hatten.

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