https://www.faz.net/-gy9-7qs86

Fahrbericht: Harley-Davidson Livewire : Milwaukee auf dem Elektro-Trip

Bild: Hersteller

In New York hat Harley-Davidson das erste Elektromotorrad seiner Geschichte vorgestellt. Erste Eindrücke.

          3 Min.

          Zunächst den Hauptschalter am rechten Lenkerende aktivieren – auf dem Farbdisplay im Cockpit erscheint in großen Ziffern „111“. Jetzt auf dem Touchscreen auswählen: volle Kraft oder sanfter Sparmodus. Nun noch ein Druck auf den Startknopf, die „111“ verschwindet, auf dem Tacho leuchtet eine 0,  die Harley ist fahrbereit. Und man hört – nichts.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Diese Harley ist anders als alles Bisherige in der 111 Jahre währenden Geschichte der Motor Company aus Milwaukee.  Drahtig-muskulöse Erscheinung statt Cruising-Gemütlichkeit in Chrom. Kein Kupplungs-, kein Schalthebel, kein Schütteln, kein Poltern, kein „Potato Potato“ aus dem Auspuff. Noch nicht einmal ein Auspuff, denn es gibt nichts zum Auspuffen.

          Entwicklung im Geheimen

          „Niemand hat das von uns erwartet, und jetzt – boom! – sind wir mit solch einem fortschrittlichen Fahrzeug da“, sagt Matt Levatich. Der Harley-Boss und seine Mannen freuen sich wie Bolle über ihre Überrumpelungskünste, sind sichtlich stolz auf die Tatsache, dass sie sich in der Öffentlichkeit plötzlich so innovativ präsentieren können. Ganz im Geheimen, im Kellergeschoss ihres Entwicklungszentrums, haben sie in den vergangenen 14 Monaten unter dem Projektnamen „Livewire“ dieses Motorrad auf die Räder gestellt, ohne dass irgendjemand irgendetwas mitbekommen hätte. Ausgerechnet Harley-Davidson bringt als erster großer, weltweit agierender Hersteller ein Elektro-Straßenmotorrad heraus. Jenes Unternehmen, das vor allem seine Tradition sowie seine gewissermaßen antike Technik rund um großvolumig hämmernde V2-Verbrennertriebwerke pflegt.

          Wir waren jetzt – in einer kleinen Gruppe ausgewählter Journalisten – für eine erste kurze Probefahrt auf den Straßen Manhattans unterwegs. Nur ein paar Kilometer den Broadway rauf und runter und im Verkehrschaos  um ein paar Ecken herum. Aber schon das war aufschlussreich.

          „Look, Sound and Feel“

          Harley-Davidson hält sich noch sehr bedeckt, was technische Einzelheiten betrifft. Zu entlocken und zu entdecken bisher: zwischen der Fachwerk-Konstruktion des neuartigen Aluminium-Rahmens der Lithium-Ionen-Akku für eine Reichweite von etwa 85 Kilometer, dreieinhalb Stunden Ladezeit an einer Haushaltssteckdose, Nennspannung 309 Volt, LED-Licht rundum, einstufiges Getriebe, leichte Alu-Räder (vorn 18, hinten 17 Zoll), 180er Hinterreifen. Der Elektromotor bringt stolze 75 PS (55kW) an den Start. Er wird etwa nicht schamhaft versteckt, sondern in einem hell poliertem Alu-Gehäuse unterhalb des Batteriepakets ausdrücklich in Szene gesetzt. Er liefert ein strammes Drehmoment von 70 Newtonmetern.

          Und er hat, sobald sich die Maschine in Bewegung setzt, einen echten Klang. Im Solosattel vernimmt man ein leicht schauriges Heulen,  je nach Geschwindigkeit  in unterschiedlichen Tonlagen. Von außen hört sich das – mit ein bisschen Phantasie - nach einem Jagdbomber  im Vorbeiflug an. Die Geräusche kommen nicht etwa aus einem Soundgenerator mit Lautsprecher, sondern aus dem Antriebsstrang. Harleys Ingenieure haben dort etwas getrickst. „ Look, Sound and Feel“ sollen auch in der Elektrozukunft Bestand haben.

          Bei der Effizienz gibt es noch Verbesserungspotenzial

          Die gar nicht so lautlose Stromharley ist eine Rakete. Beschleunigung aus dem Stand (0 bis 100 km/h angeblich in etwa vier Sekunden, Höchstgeschwindigkeit auf 148 km/h limitiert) und Zwischenspurts fühlen sich – wie auch beim neuen BMW-Elektroroller C Evolution – sehr beeindruckend an. Gelungen überdies: Gas-, pardon Stromannahme,  die Leistungsentfaltung auf direkte, aber geschmeidige Art sowie die Dosierbarkeit der zur Verfügung stehenden Kraft. Im Schiebebetrieb (beim Gaswegnehmen) wird Energie zurückgewonnen. So ausgeklügelt und effizient wie das BMW-System der Rekuperation ist das amerikanische allerdings offenbar nicht. Der Münchener Scooter speist auch beim Betätigen der Bremsen Energie in den Akku.

          Die 209 Kilo wiegende Livewire ist für eine Harley leicht, ihr Fahrwerk nach den Maßstäben der Marke recht straff abgestimmt. Handlichkeit und wuchtiger Antritt ergeben ein hohes Maß an Fahrspaß. ABS und Traktionskontrolle sind noch nicht vorhanden, was sich ändern dürfte, falls das Fahrzeug jemals in Serie gehen wird.

          Bis zur Serienproduktion vergehen noch ein paar Jahre

          Das ist keineswegs sicher, wie Levatich erklärt. Zwar hat das Unternehmen schon Millionen in Livewire investiert, bisher 39 Exemplare gebaut und in den wenigen Tagen seit Bekanntgabe seiner Elektro-Aktivitäten Schlagzeilen produziert wie schon lange nicht mehr. Doch will es erst einmal in einer langen Serie von Probefahraktionen (dieses Jahr in den Vereinigten Staaten, 2015 auch in Kanada und Europa) herausfinden, was das Publikum von der ganzen Angelegenheit hält, wie es das Fahrerlebnis empfindet und welche Änderungen es möglicherweise wünscht. Stil und Design, Reichweite, Fahrleistungen, Ausstattung, Zuladung und etwaige Beifahrertauglichkeit zählen zu den Variablen. Angesichts derart vieler Unklarheiten wird über einen Preis ohnehin noch nicht geredet. Bis zur Markteinführung einer E-Harley werden also noch ein paar Jahre vergehen. Vielleicht kommt sie auch nie. Das wäre schade.

          Weitere Themen

          Sorge in syrischen Flüchtlingslagern Video-Seite öffnen

          Corona-Krise : Sorge in syrischen Flüchtlingslagern

          Syrien hat kürzlich seinen ersten Coronavirus-Fall bestätigt. Die Sorge ist groß, das Virus könne bald die Flüchtlingslager im Nordwesten des Landes erreichen. Es droht eine humanitäre Katastrophe.

          Topmeldungen

          Rush Hour in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh am 17. März 2020

          Corona und der Westen : Die zivilisatorische Kränkung

          Geben wir im Überlebenskampf Freiheit und Würde auf? Oder steckt hinter dieser Entgegensetzung derselbe Dünkel, der so viele im Westen davon abhielt, in der Pandemie von Ostasien zu lernen?

          Corona-Lage in Süditalien : Aufrufe zur Revolution

          In Süditalien drohen Menschen mit „Sturm auf die Paläste“. Der Geheimdienst warnt vor sozialen Unruhen. Schon gab es versuchte Plünderungen. Die wirtschaftliche Lage der Region ist wegen Corona fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.