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Elektrische Harley : Ladies and Gentlemen, die Elektro Glide!

Elektrisiert uns das? Eine echte Harley, diese Livewire? Die Typen vom New York City Chapter jedenfalls sind echt. Bild: Walter Wille

Noch vor zwei Wochen hätten wir uns nicht vorstellen können, jemals im Sattel einer elektrischen Harley zu sitzen. Jetzt ist es schon passiert. Der Fahrbericht.

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          Im Modellprogramm von Harley-Davidson gibt es einen Achteinhalb-Zentner-Tourer aus Eisen und Chrom mit den Formen des Motorrad-Barock und dem pulsierenden Herzen eines mächtigen V-Twins. Es ist die berühmte Electra Glide, vielleicht die Harley schlechthin. Ihr Name entstand im Jahr 1965 n. Chr., als die Nachfolgerin der damaligen Duo Glide mit der Neuerung eines Elektrostarters ausgestattet wurde. Noch heute bollert sich die Electra Glide in die Herzen der Big-Twin-Fans und kündet von 111 Jahren Geschichte der Motor Company.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Für die Zukunft steht – vielleicht – eine Harley anderer Art. Elektro Glide wäre ein passender Name, aber momentan trägt sie die Bezeichnung „Project Livewire“. Zwar kann man die jetzt in New York vorgestellte Maschine noch nicht kaufen, aber man kann sie immerhin schon zur Probe fahren. An der Livewire ist mehr als nur der Anlasser elektrisch.

          Kommt Livewire nie auf den Markt?

          Das ganze Fahrzeug steht unter Strom, so wie die 40 Mann starke Entwicklungstruppe, die in den vergangenen 14 Monaten heimlich, still und leise im Keller an der Sache getüftelt hat. 39 Exemplare wurden bisher in Handarbeit gefertigt. Plötzlich erscheint Harley-Davidson (neben BMW – der Elektroscooter C Evolution ist seit einigen Wochen erhältlich) als Speerspitze fortschrittlicher Technik im Zeichen von Lithium und Ionen.

          Das wirft die Frage auf: Wo bleiben eigentlich Honda, Yamaha, Ducati und die anderen großen, global agierenden Hersteller? Mit Harley hatte keiner gerechnet. Nun will jeder wissen: Was wird das Motorrad kosten, welche Reichweite, welche Fahrleistungen sind zu erwarten? Und vor allem: Wann kommt Livewire auf den Markt?

          Möglicherweise nie, lautet die Antwort aus Milwaukee.

          „Noch ist der Markt winzig“

          Folgt man den Worten der Harley-Bosse, dann liegt es an uns allen, an den Reaktionen der Öffentlichkeit, was aus dem Projekt Livewire wird. Das Unternehmen schickt einen Tross mit Probefahrmaschinen los – dieses Jahr in den Staaten, 2015 auch in Europa –, um herauszufinden, ob sich das Publikum mit dem Gedanken an eine Hochvolt-Harley anfreunden kann. Ein Motorrad mit Tankattrappe, das nicht rumpelt, sondern ein auf Kampfjet getuntes Heulen vernehmen lässt, das niemals in einen weit entfernten Sonnenuntergang gleiten wird, sondern fürs Städtische geschaffen ist und (nach heutigem Stand) spätestens alle 85 Kilometer an eine Steckdose muss.

          Würden Sie so etwas kaufen? Was sollen wir ändern? Solche Fragen wollen die Amerikaner bei ihren Kundenbefragungen klären. Fällt die Resonanz wenig erfolgversprechend aus, dann wird die Sache eingestampft, ließen Harley-Präsident Matt Levatich und Marketing-Chef Mark-Hans Richer wissen, als sie in New York einem kleinen Kreis von Journalisten einen ersten Kontakt mit den Livewire-Maschinen ermöglichten. „Wir haben den Mut aufgebracht, Millionen zu investieren, um zu lernen, was wir lernen müssen“, sagte Levatich. „Doch was bringt es, Elektromotorräder zu bauen, wenn zu wenige Leute eines haben wollen? Noch ist der Markt winzig.“

          Erstaunliche Handlichkeit

          Dass überhaupt nichts daraus wird, dass die fast serienreif wirkenden Fahrzeuge wieder im Keller verschwinden, vermag man sich nach den Eindrücken von New York allerdings kaum vorzustellen. Soweit sich das nach einer knappen halben Stunde im Verkehrsgewühl von Manhattan beurteilen lässt, funktionieren sie schon ziemlich gut.

          Das Livewire-Design erinnert an Harleys Powercruiser V-Rod, an verblichene Buells und an muskulöse Naked Bikes europäischer Geschmacksrichtung. Das gekappte Heck mit Solositz hat etwas von den Hinterteilen jüngerer Italienerinnen aus dem Hause Ducati und MV Agusta. Der Fahrer sitzt angenehm in die Maschine integriert, in aktiver Haltung, und er genießt die erstaunliche Handlichkeit der nur 209 Kilo wiegenden Ami-Turbine. Die lässt sich auffallend mühelos durch dichtesten Verkehr dirigieren, nicht zuletzt dank der exzellenten Dosierbarkeit der Motorleistung. Das gilt sowohl für den schonenden „Range“ – als auch den schärferen „Performance“-Modus. Ansprechverhalten, ruckfreier Lauf, das haben die Harley-Techniker prima hinbekommen. Beim Verzögern wird Energie zurückgewonnen.

          Cool aussehen ist ein Muss

          Das schwere Akkupaket zwängt sich zwischen die Streben des Aluminium-Leichtbaurahmens (Novum für Harley-Davidson). Unterhalb davon wird der E-Motor in einem hell polierten Leichtmetall-Gehäuse nicht etwa versteckt, sondern ausdrücklich in Szene gesetzt. Er liefert 75 PS (55 kW) und 70 Newtonmeter Drehmoment. Beschleunigung und Durchzug sind beeindruckend, die Höchstgeschwindigkeit wird elektronisch auf 148 km/h begrenzt.

          Weitere Auffälligkeiten: einstufiges Getriebe, Zahnriemenantrieb, Touchscreen im Cockpit, LED-Licht rundum. Cool aussehen muss eine Harley natürlich obendrein, daher ein Rad im Macker-Format von 18 Zoll vorn, ein relativ breiter 180er Reifen hinten, ferner einige originelle Details wie die als Blinkergehäuse dienenden Ausleger der unterhalb des Lenkers sitzenden Rückspiegel.

          Die Steuerelektronik wird wassergekühlt, für Elektromotor und Getriebe ist eine Ölkühlung vorhanden. Die Ladezeit an einer Haushaltssteckdose wird mit dreieinhalb Stunden angegeben. Zum exakten Gewicht und zur Kapazität des luftgekühlten Hochvoltspeichers (vermutlich ungefähr 10 kWh) mag Harley-Davidson nichts mitteilen. Erst mal Nebensache, wird beteuert, wichtiger als alle technischen Daten sei zurzeit schlicht das Erleben des elektrischen Fahrens durch mögliche Kunden und deren Bewertung. Durch die Rückmeldungen, durch die zu erwartenden Entwicklungsschritte in Speichertechnik und Elektronik würden sich die Fahrzeuge ohnehin noch verändern. Daher auch noch kein Wort über Preise.

          Die Amerikaner darf man nicht unterschätzen

          Die endgültige Lösung ist das in New York Präsentierte also noch nicht. Der Touchscreen im Cockpit wirkt noch ein wenig grobschlächtig, was Gestalt und Darstellungsweise der Informationen betrifft, jedenfalls im Vergleich zur schicken Ausstattung des BMW C Evolution. Es gibt nur zwei Fahrmodi, der Wechsel zwischen den beiden ist umständlich, lässt sich nur im Stand erledigen, wobei das Motorrad dafür sogar für einen Moment ausgeschaltet werden muss. ABS und Traktionskontrolle fehlen noch, eine Lösung fürs Mitführen eines Ladekabels muss ebenfalls nachgereicht werden, falls es Ernst werden sollte.

          Allem Anschein nach benötigt Harley-Davidson noch einige Jahre Zeit. Das zeigt, wie weit BMW mit seinem C Evolution in Elektrodingen momentan vorneweg ist. Gleichwohl ist Livewire ein starkes Signal: Den Pioniergeist der Amerikaner darf man nie unterschätzen.

          Und die nach wie vor fehlende Infrastruktur für den ganzen Stromkram? Levatich erinnerte ans Gründerjahr 1903, als ein paar Kerle namens Harley und Davidson in einem Schuppen von Milwaukee loswerkelten. Benzin kaufte man damals noch flaschenweise in der Apotheke.

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