https://www.faz.net/-gy9-ys48

Harley-Davidson Sportster : Mit Email und Freude am Detail

Die 1200 Custom ist zurzeit die einzige 1200-Kubik-Sportster mit verchromtem Motor Bild: Hersteller

Harley-Davidson plant Umwälzendes. Und die Sportster 1200 Custom, Neuerscheinung in der Einsteiger-Serie, übernimmt die Pionierrolle. Sie macht den Anfang in Sachen Customizing. Ein Fahrtbericht.

          3 Min.

          Der Motorradfahrer in seiner Kluft mag auf Außenstehende manchmal einen verwegenen Eindruck machen. Das heißt aber nicht, dass es sich um einen Kunstbanausen handeln muss. Der Harleyfahrer zum Beispiel ist ein Mensch, der das besondere Detail honoriert. So kann ein Emblem am Kraftstoff-Behälter, das in der kunsthandwerklichen Cloisonné-Technik gefertigt wird, dazu geeignet sein, den feinsinnigen Fransenträger zu erfreuen, der Email und E-Mail zu unterscheiden weiß.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Schon aus den Zeiten der Yuan- und der Ming-Dynastie sind, wie man mit ein paar Klicks in einschlägigen Quellen herausfindet, Cloisonné-Vasen bekannt. Viele hundert Jahre später macht sich auch die Milwaukee-Dynastie dieses Verfahren zunutze, wie am hübschen Emblem auf dem 17-Liter-Tank der neuen Harley-Davidson Sportster 1200 Custom zu erkennen ist. Im Unterschied zu alten chinesischen Gefäßen füllt man Super bleifrei hinein.

          Eine Sportster ist sozusagen die Ming-Vase unter den Motorrädern. Denn schon seit 1957 werden ununterbrochen Maschinen dieses Modellnamens gebaut - Weltrekord vermutlich. In den vergangenen Jahren ist dem amerikanischen Hersteller das Kunststück gelungen, seine Sportster-Baureihe so zu erneuern, dass sie sich wieder hervorragend verkauft. Wer sich in Deutschland in diesen Tagen für eine Sportster 1200 Forty-Eight, 1200 Nightster oder 883 Iron entscheidet, hat Pech gehabt: vergriffen. Nachschub ist erst für den Hochsommer zu erwarten. Die Sportsters stellen nach wie vor den Einstieg in die Harley-Welt dar, sind vergleichsweise günstig, ziehen ein jüngeres Publikum und überproportional viele Frauen an. Aber sie sind mittlerweile erfrischend originell gezeichnet, stets mit Rückgriffen auf 108 Jahre Harley-Geschichte, wirken erwachsen und haben ihr „Pussy-Image“ abgelegt.

          Glanzstück: Scheinwerfer mit Käppi

          Gesäß niedrig, Füße voran, Fäuste in den Wind

          Die jetzt vorgestellte 1200 Custom wird sich allem Anschein nach ebenfalls gut verkaufen. Das neue Sportster-Spitzenmodell verlangt vom Reiter 10.985 Euro (Zweifarblackierung 11.295 Euro) und Choppertauglichkeit: Gesäß auf Höhe 710 Millimeter, also niedrig, Füße voran, Fäuste in den Wind. Diese Haltung ist zwar auf Dauer nichts fürs Kreuz, aber lässig. Die Lenkstange streckt sich auf einer geschwungenen Lenkererhöhung dem Fahrer entgegen, dessen Blick voraus auf die Straße einen schlichten Chromgehäuse-Tacho und eine neugestaltete Scheinwerfer-Abdeckung streift. Im Grunde nur eine Kleinigkeit, dieses glänzende Lampenmützchen, ebenso wie das schlankere LED-Rücklicht oder die neue obere Gabelbrücke. Doch wirkungsvoll, und es sind im Fall der speziellen Marke Harley-Davidson eben Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen.

          Große Wirkung erzielt die 1200 Custom mit ihrer wuchtig breiten Gabel und dem dicken 130er-Vorderreifen, der wie der hintere Pneu auf einem 16-Zoll-Rad rotiert. Sie ist überdies zurzeit die einzige 1200-Kubik-Sportster mit verchromtem Motor. Der luftgekühlte V-Twin leistet 49 kW (67 PS) bei 5700 Umdrehungen je Minute, was unspektakulär anmutet, sich aber gut anfühlt, zumal der Zweizylinder mit sattem Klang ein Drehmoment von bis zu 98 Newtonmeter (bei 3200/min) zustande bringt und dabei den herzlich rauhen, ein wenig rohen Kumpel gibt. Die Sporty pulst und wobbelt im Stand, klonkt beim Betätigen des Fünfganggetriebes, vibriert unterwegs, obschon der Motor gummigelagert im Rahmen steckt. Es sind angenehme Vibrationen, sofern man das Urwüchsige mag. Die Kupplung ist leichtgängig, das Lastwechselverhalten äußerst erfreulich, die Leistungsentfaltung so ehrlich und unkompliziert, dass niemand einen Drehzahlmesser vermisst. Hören, fühlen - das reicht.

          Wer dynamisch unterwegs ist, wird vor zu viel Sportsgeist gewarnt

          Für einen Chopper reicht auch die Schräglagenfreiheit. Wer dynamisch unterwegs ist, den warnt die 1200 Custom fußrastenkratzend vor zu viel Sportsgeist. Sie federt, nimmt sich jedoch die Freiheit, harte, trockene Stöße an ihre Besatzung durchzureichen. Sie bremst, vermeidet allerdings den Eindruck, das sei ihre Paradedisziplin. Die Stopper wirken stumpf, es fehlt ein klarer Druckpunkt, immerhin genügt es, um die durchaus agile 260-Kilo-Maschine sicher im Zaum zu halten. Seit geraumer Zeit ist Harley-Davidson dabei, eine Baureihe nach der anderen mit ABS auszurüsten - leider sind die Sportster-Typen immer noch nicht dran. Lange dürfte es nicht mehr dauern.

          Es wird auch nicht mehr lange dauern, bis in Milwaukee und den weiteren Fabriken des Unternehmens ganz neue Zeiten anbrechen, was das „Individualisieren“ der Motorräder ab Werk betrifft. Traditionell neigt der Harley-Kunde dazu, sein Serienmotorrad bloß als Ausgangspunkt fürs „Customizing“, das nachträgliche Veredeln zwecks Unterscheidung vom Rest der Welt, zu betrachten. Deutschlands Händler verzeichnen im Durchschnitt für jede verkaufte neue Maschine 2500 Euro zusätzlichen Umsatz im Jahr mit Umbauteilen und Zubehör; 800 Seiten stark ist der entsprechende Katalog. Künftig will die Motor Company schon ab Werk diverse Optionen anbieten, was in der Autoindustrie gang und gäbe, in der Motorradbranche aber ungewöhnlich ist. Voraussetzung sind erhebliche Umstellungen in der Produktion, die gerade im Gange sind. Die Sportster 1200 Custom übernimmt die historische Aufgabe, in Sachen Customizing den Anfang zu machen: Den Kunden steht - zunächst nur in den Vereinigten Staaten, bald auch auf anderen Märkten - eine Auswahl an unterschiedlichen Lenkern, Sitzen, Rädern zur Verfügung. Andere Modelle dürften folgen. Wahlmöglichkeiten bei Auspuffanlagen, Motoren, Schutzblechen, kompletten Ausstattungspaketen - vieles ist denkbar. Totenkopf-Spritfass statt Email-Tank auch.

          Weitere Themen

          Gefährliche Bürger

          Schlusslicht : Gefährliche Bürger

          Die Menschen sollen Elektroauto fahren, aber Strom wird immer teurer. Der Staat schwimmt im Geld, doch Steuersenkungen sind gefährlich. Was klemmt, regeln wir über Subventionen.

          Ford Puma St-Line X Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Fahrbericht : Ford Puma St-Line X

          Im SUV-Stil lässt Ford die seit 2001 untergegangene Produktlinie des Pumas wieder aufleben. In unserem Fahrbericht konnten wir ein gut-bürgerliches Auto, an dem nur kleine Details stören, testen.

          Topmeldungen

          Berliner Fashion Week : Unterschätzt dieses Handwerk nicht

          Zum ersten Mal war unsere Autorin auf einer Modenschau. Neugierig und voller Vorurteile tauchte sie in die Welt der Mode ab. Was sie auf der Fashion Week sah, hat sie bewegt, auf eine andere Art, als sie vorher dachte.
          Meghan und Harry: Künftig halb royal, halb normal?

          Aussteigerphantasien : Wir machen die Meghan!

          Ausbrechen aus einem vorgezeichneten Leben: Das Herzogspaar von Sussex zeigt, wie es geht. Andere werden ihnen folgen. Ein satirischer Blick in die nahe Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.