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Harley-Davidson Road King : Ur-Ur-Oma und die Rocker

Chromerbe: Die Road King schöpft aus einer langen Vergangenheit und bringt 370 Kilo auf die Waage Bild: Hersteller

Eine moderne Harley-Davidson führt immer viel Vergangenheit mit sich. Zu besichtigen am Beispiel der gewaltigen Road King Classic. Die neuaufgelegte, gleichnamige Maschine hat in der 36er Knucklehead eine herausragende Ur-Ur-Oma.

          Im Harley-Davidson-Museum von Milwaukee gibt es eine Kinderecke. Da können die Kleinen malen, wenn sie wollen, und im Regal stehen Bilderbücher bereit. Eines davon trägt den Titel: „Why Grandpa rides a Harley“.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Das ist ein interessantes Thema. Es geht natürlich um Freiheit und Abenteuer und so weiter, um den Weg, der wichtiger ist als das Ziel. In Wahrheit aber dürfte der Grund, warum er Harley fährt, ein viel einfacherer sein: Der coole Opa hat Spaß damit und merkt, dass sie ihn jung hält. Nehmen wir mal an, dass Grandpa Jahrgang '36 ist. Dann ist er heute 75, wie die legendäre Knucklehead EL, die ein paar Schritte von der Kinderecke entfernt präsentiert wird als eines von vielen Ausstellungsstücken des wunderbaren Museums.

          Mit 75 ist ein Opa - Harley hin, Harley her - normalerweise deutlich sichtbar in die Jahre gekommen. Nicht so die Knuckle. Wer sich die genau anschaut, hat im Wesentlichen schon eine heutige Harley vor Augen, was Formen, Proportionen oder Details wie den tropfenförmigen Benzintank mit Instrumentenkonsole obenauf betrifft. Die Entwicklung dieser Maschine fiel in die Zeit der Weltwirtschaftskrise, in der es auch für Harley-Davidson ums Überleben ging. Es war ein Wagnis, die Markteinführung wurde um zwei Jahre verschoben; als es dann 1936 so weit war, wurde dem Publikum ein Motorrad präsentiert, dessen grundlegende Konstruktionsprinzipien die Motor Company seither nicht verändert hat und das heute als Urahn aller folgenden Big Twins gilt.

          Nimmt man den Windschild ab, wirkt die Nostalgische noch nostalgischer

          Pulsierendes Vibrieren bis zum Zähneklappern

          Mit der Knucklehead debütierte die OHV-Ventilsteuerung: Ventile im Zylinderkopf (bis dahin standen sie seitlich am Zylinder) werden mittels Stößelstangen (Pushrods) und Kipphebeln (Rockern) von der untenliegenden Nockenwelle betätigt. Über Motorengenerationen hinweg blieb es bis heute dabei, wie auch beim System der seinerzeit neuen Druckumlaufschmierung des luftgekühlten V-Twins mit 45 Grad Zylinderwinkel. Dass das Motorrad unter dem Spitznamen Knucklehead (Knöchelkopf) in die Geschichte einging, lag daran, dass die Form der Zylinderkopfdeckel Freunde der Marke an die Knöchel einer Faust erinnerte. Auf die Knucklehead- folgte 1948 nach zwölf Produktionsjahren die Panhead-Generation. Deren Ventildeckel sahen für Harley-Fans aus wie umgedrehte Pfannen (Pans), 1966 kamen die Shovelheads mit schaufelartigen Kipphebelabdeckungen, gefolgt von den Evolution-Motoren (1984) und mehreren Twin-Cam-Generationen (seit 1999) mit nach und nach vergrößerten Hubräumen. Eine Road King Classic des Modelljahrs 2011 hat also Ahnenreihen wie der schottische Landadel und in der 36er Knucklehead eine herausragende Ur-Ur-Oma.

          Man darf Leuten nicht glauben, die behaupten, es sei billiger und ansonsten das Gleiche, wenn man sich einen Cruiser, einen klassisch gemachten Tourer einer anderen Marke zulege. Falsch. Es muss nicht schlechter sein, aber es ist anders. Wer zur Familie gehören möchte, wer Harley will, muss Harley kaufen. Pulsierendes Vibrieren im Stand bis zum Zähneklappern, herrlich sanfte Gasannahme, kultiviertes Lastwechselverhalten, Leerlaufsuche als Geschicklichkeitsübung mit Hacke, Spitze und Schaltwippe, Pfützen in den Auspuffmündungen nach einem Regenguss - all das gibt's so nur aus Amerika. Und eben das Bewusstsein um eine 108 Jahre währende Unternehmensgeschichte, was wesentlich zum Fahrgefühl beiträgt.

          Sentimentalität und Putzfimmel

          380 Dollar kostete anno '36 eine EL mit 1000 Kubikzentimeter Hubraum und 40 PS Höchstleistung. Die Road King von heute haut eine 22.000-Euro-Kerbe ins Konto. Sie wird angetrieben vom mächtigen „Twin Cam 103“-Triebwerk, das aus 1690 Kubikzentimeter Hubraum 62 kW (84 PS) und ein Drehmoment von 134 Newtonmeter bei 3500/min kredenzt. Damit schiebt das Eisengebirge satt voran, ist aber bei weitem nicht übermotorisiert und alles andere als leichtfüßig. 370 Kilo bringt die Road King mit in die Beziehung. Beim Rangieren herrscht immer Alarmzustand. Wenige andere Motorräder sind dabei derart unhandlich.

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