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Harley-Davidson : Die Kunst der Verführung

Nie ohne meine beleuchteten Trittbretter: An dieser Harley-Davidson Road King Classic ist manches Zubehör verbaut Bild: Hersteller

Kein Fahrer einer Harley will genau dem gleichen Motorrad noch einmal begegnen. Deshalb muss umgebaut werden. Das erfordert Inspiration und Investition.

          Sie erklären es zur Kunst und nennen es „The Art of Custom“. Die Kunst besteht darin, ein Serienmotorrad in einer Art zu verändern, dass es zum Unikat wird, ein Ding, das so nicht noch einmal herumfährt. Das vielleicht sogar in gewisser Weise ein Abbild der Persönlichkeit seines Besitzers ist.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Harley-Davidson ist einmalig darin, ums Motorrad herum eine Gefühls-, Erlebnis- und Einkaufswelt aufzubauen. Das ist hartes Business, bei dem manch einer weich wird: Allein mit Kleidung und Klimbim wurden im vorigen Jahr 250 Millionen Dollar umgesetzt. Fast 50 Prozent der Kunden haben vor der Anschaffung ihrer ersten Harley schon ein T-Shirt, eine Lederjacke oder irgendeinen anderen der zahllosen Artikel mit dem Markenlogo besessen. Und: Eine drei viertel Milliarde Dollar - 18 Prozent des Gesamtumsatzes von 4,18 Milliarden - entfiel 2011 auf „Parts & Accessories“. Das sind Teile und Zubehör zur Verwandlung eines Motorrads zwecks Anpassung an den eigenen Geschmack. 4600 Dollar legt in Amerika ein Kunde dafür im Durchschnitt drauf, in Deutschland sind es immerhin knapp 2000 Euro. Ein feines Zusatzgeschäft.

          Das ist wahre Kunst

          Davon können andere nur träumen. Japanische und europäische Motorräder rollen in der Regel auf der Straße herum, wie sie aus der Fabrik gekommen sind. Nicht so bei Harley-Davidson. Es gebe, behaupten sie in Milwaukee, keine zwei Harleys auf der Welt, die identisch seien. Das mag ein ganz klein wenig übertrieben sein, allerdings bietet die Motor Company mit einer schier unüberschaubaren Menge an „Parts & Accessories“ wie kein Hersteller sonst den Kunden Möglichkeiten, aus ihren Fahrzeugen etwas ganz Eigenes zu machen. Mehr als 9000 Teile umfasst das Zubehör-Angebot mit Komponenten zur Leistungssteigerung, Gepäckbeförderung, Anpassung der Ergonomie, Verzierung - und, und, und. Hebel, Kabel, Halter, Schalter, Lackiertes, Fahrwerk, Auspuff, Motor - austauschen lässt sich alles. Der entsprechende Katalog im Format eines Großstadt-Telefonbuchs hat 830 Seiten. Wer sich dort hineinvertieft, taucht unter Umständen erst nach Tagen wieder auf.

          Mit diesem Wälzer signalisiert Milwaukee: Herzlichen Glückwunsch zum Motorradkauf, aber damit ist die Angelegenheit noch nicht zu Ende. Wenn es etwas wirklich Besonderes sein soll, dann leg noch ein paar Tausender drauf und mach dich ans Werk. - Das ist wahre Kunst. Die Kunst der Verführung.

          Die Kunst der Verwandlung: Aus einer Harley lässt sich alles Mögliche machen. In dieser Road King steckt Zubehör für rund 14.500 Euro Bilderstrecke

          Das „Customizing“ ist lukrativ. Vor allem jedoch gehöre es zur „Kultur“ des Unternehmens, wie Marketingmann Ken Ostermann hervorhebt: „Wenn die Leute Harley-Davidson hören, denken sie an Freiheit und Abenteuer. Wir sind nicht bloß ein Motorradhersteller, wir geben ihnen ein umfassendes Erlebnis. Ein Grund, warum sie von Harley angezogen werden, ist der, dass sie die Möglichkeit sehen, ihren persönlichen Stil auszudrücken.“ Gern drücken sie ihn auf einem der vielen Harley-Treffen aus, wo sich die Gemeinschaft gegenseitig mit Ideen versorgt.

          Bei der Entwicklung eines neuen Modells berücksichtigen Designer und Konstrukteure von vornherein, dass sich jede Menge Komponenten austauschen und die Maschinen um passendes Zubehör ergänzen lassen. „Das ist einzigartig“, sagt Ostermann, „die Umbauten sorgen dann überdies für eine starke Bindung des Besitzers zu seiner Maschine, schließlich er hat ja selbst Kreativität hineingesteckt.“

          Um die Kreativität überhaupt erst zu wecken, treibt das Unternehmen erheblichen Aufwand. „Wir müssen die Leute inspirieren“, erklärt Bastelguru Gene Thomason. Der ist in Milwaukee dafür zuständig, immer wieder neue Schaustücke wie die auf dieser Seite abgebildeten Motorräder, zusammengestellt aus Basismodellen und Originalzubehör, zu entwerfen. Manchmal legt Thomason nur dezent Hand an, dann wiederum mischt er im Dienste von Phantasie und Verführung derart drauflos, dass man das Ausgangsprodukt kaum noch erkennt, verkehrt den Charakter eines Motorrads geradezu ins Gegenteil: Freundliches wird düster, ein Biest wird brav. „Die Message lautet: Alles ist möglich. Man muss dem Stil der Vorgabe gar nicht folgen, man kann sein Motorrad komplett auf den Kopf stellen“, sagt Thomason, „ganz so, wie man will.“

          Aber wenn man gar nicht weiß, was man will? Wenn die Kreativität verkümmert ist, die Phantasie fehlt und die Inspiration nicht wirkt? Wenn es einem schwerfällt, die eigene Persönlichkeit in Chrom und Eisen auszudrücken? Kein Problem, auch dafür ist die Motor Company gerüstet. Alljährlich legen die Experten der hauseigenen Abteilung CVO (Custom Vehicle Operations) einige limitierte, von Haus aus schwer aufgedonnerte Sondermodelle auf. Cheeseburger de Luxe mit allem sozusagen. Die Preise dafür beginnen derzeit bei 30 495 Euro. Es ist bekanntlich immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Und keinen eigenen Geschmack zu haben muss man sich eben auch erst mal leisten können.

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