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Harley-Davidson Blackline : Hart aus Tradition und weich aus Vernunft

Viel Schwarz und wenig Chrom Bild: Hersteller

Softail heißt: So tun, als ob. Eine erste Probefahrt mit der Blackline von Harley-Davidson. Das Fahrerlebnis mit dem gestreckten 306-Kilo-Brocken ist ein ganz spezielles. Geradeaus kann die Blackline am besten.

          3 Min.

          Eine „Preisangleichung“ verheißt in der Regel nichts Gutes. Wenn im Schleier eigenwilliger Wortschöpfungen eine Preisänderung angekündigt wird, geht es selten nach unten. Aber siehe da: Die brandneue Softail Blackline, gerade eben erst auf dem Markt eingetroffen, wird billiger. 16 895 Euro möchte Harley-Davidson nun für dieses Motorrad haben, in Zweifarblackierung 17 645.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          800 Euro weniger als ursprünglich vorgesehen: Da haben sie wohl gemerkt, dass der zunächst verkündete Preis arg hochgegriffen schien. Immerhin soll die Blackline das Einstiegsmodell der Baureihe der Softails sein. Deren andere Mitglieder - Cross Bones, Deluxe, Fat Boy, Heritage, Rocker - liegen bei knapp 19 000 bis gut 21 000 Euro. Im sorgsam ausbaldowerten Preisgefüge der Motor Company liegen die exzentrischen Softails hinter den dicken Touring-Schiffen an zweiter Stelle von oben. Unterhalb davon rangieren die deutlich günstigeren Dyna- und schließlich die Sportster-Typen, mit denen Harley-Davidson in Deutschland zurzeit jeweils stramm auf Erfolgskurs ist. Die Blackline lockt jetzt genau in der Lücke zwischen den noch einigermaßen erschwinglichen Dynas und den schon ziemlich abgehobenen Softails.

          Prägender Unterschied zwischen diesen beiden Familien ist die Methode der Hinterradfederung. Die Dyna-Modelle haben das übliche Paar Federbeine an beiden Seiten des Hecks. Raffinierter ist die Sache im Fall der Softails geregelt: Die tun so, als hätten sie wie anno dazumal einen starren, Gesäß und Rückgrat malträtierenden Rahmen mit ungefedertem Hinterrad. Tatsächlich aber sind vernünftigerweise zwei Federelemente vorhanden - unterm Motor versteckt. Das ergibt: „A soft ride with a hard looking tail“, wie man in Milwaukee sagt. Wörtlich ins Deutsche übersetzt, klingt das ein wenig unanständig. Lassen wir das.

          Nie gab es eine Serien-Harley mit niedrigerem Sitz (660 Millimeter)

          Mit einem großen 21-Zoll-Vorderrad und schmal bereiftem 16-Zöller hinten

          Weil die Softails äußerlich so gekonnt mit dem Flair früherer Epochen spielen, traut man ihnen kaum zu, dass sie serienmäßig mit so modernen Zutaten wie Datenbustechnik, elektronischer Benzineinspritzung, kohlefaserverstärktem Zahnriemen zur Kraftübertragung an die Hinterachse, elektronischer Wegfahrsperre und Alarmanlage sowie (ebenfalls getarntem) Antiblockiersystem ausgerüstet werden. Ist aber so, auch im Fall der Blackline. Die ist ein puristischer Chopper, lang, schlank und niedrig, mit einem großen 21-Zoll-Vorderrad und schmal bereiftem 16-Zöller hinten, mit viel Schwarz und wenig Chrom, mit einem dunklen Herzen, das starr in den Rahmen geschraubt ist. Es pocht bedächtig, schiebt mächtig, hat einen Hubraum von 1584 Kubikzentimeter und zwei Ausgleichswellen, die Vibrationen mindern und verhindern, dass der luftgekühlte Big Twin die kostbare Softail zerlegt. 3250 Kurbelwellenumdrehungen in der Minute reichen dem Zweizylinder, um die Wirkung von 125 Newtonmeter Drehmoment zu entfalten. Den Gipfel seiner Leistungsfähigkeit von 56 kW (76 PS) erreicht er bei 5450/min. In solchen Drehzahlhöhen jedoch geht die cruisertypische Lässigkeit verloren, deshalb begibt man sich selten dorthin. Untenherum ist genug Druck vorhanden.

          Das Fahrerlebnis mit dem gestreckten 306-Kilo-Brocken ist ein ganz spezielles. Wunderbar kultiviert einerseits: fabelhaft sanfte Gasannahme, tadelloses Lastwechselverhalten, charaktervolles, aber unaufdringliches Bollern, fein flutschendes Sechsganggetriebe (mit fummeliger Leerlaufsuche und dem obligatorischen metallischen Schlag beim Einlegen des ersten Gangs), leichtgängige, gut dosierbare Kupplung. Es besteht keine Abwürg-, dank niedrigen Schwerpunkts auch keine Umwerfgefahr.

          Geradeaus kann die Blackline am besten. Bei Kurvenfahrt verhält sie sich nicht gerade neutral, um auf das Andererseits zu sprechen zu kommen. Sie will sorgsam geführt werden. Besonders beim langsamen Wenden klappt das Vorderrad nach innen. Das ist nicht untypisch für diese Fahrzeuggattung, man kann auch sagen: So muss es sein. Wie die Obermacker-Ergonomie. Nie gab es eine Serien-Harley mit niedrigerem Sitz (660 Millimeter). Arme und Beine hat der Blackliner weit nach vorn zu strecken. Diese Klappmesser-Haltung hat etwas von Bob Beamon beim Landeanflug auf 8,90 Meter anno '68 in Mexico City. Wer wissen will, ob das auf langen Strecken dauerhaft bequem ist, hat die ganze Zeit den falschen Artikel gelesen. Aber im Zusammenwirken mit dem harten Anblick des in Wahrheit weichen Hinterteils ist es einfach nur - gerade fällt uns keine schönere Wortschöpfung ein - cool.

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