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Hammer S : Wehrt sich immer, gibt aber nach

Der Hinterreifen ist der Hammer: Ein Showtalent, nicht nur wegen dieser Gummiwalze Bild: Wille

Der andere amerikanische Cruiser: Nicht von Harley sondern von Victory stammt die Hammer S. Ohne jegliche Nostalgie, dafür mit besonders breiten Reifen. In Kurven vermag nur ein wahrer Maschinist sie zu zähmen. Doch macht gerade das ihren Reiz aus.

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          Auf der Suche nach einer Alternative zu einem Harley-Cruiser landet man fast automatisch in Japan. Nun will aber mancher gar nicht in Japan landen, obschon die Fernöstlichen - Hyosung aus Korea fällt einem da auch noch ein - in der Regel deutlich günstiger sind als die Eisen-Amis. Es fragt sich sodann, ob eine Triumph eine Option ist. Kern des Cruiser-Charakters ist nach verbreitetem Empfinden ein V-Twin, die Briten vertrauen auf den Reihenmotor. Spricht nichts dagegen, muss man aber wollen. Wenn nicht, kommt einem vielleicht Victory in den Sinn. Wie Harley-Davidson eine amerikanische Marke, ebenfalls "Made in U.S.A." In Spirit Lake, Iowa, dem einzigen Bundesstaat ohne eine einzige Kurve.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Victory, in Amerika seit geraumer Zeit bekannt, in Deutschland seit ungefähr zwei Jahren vertreten, ist die Motorradabteilung des Polaris-Konzerns (Schneemobile, ATVs, Quads). Es kann der Eindruck entstehen, dass die Victory-Leute bei Harley-Davidson genau Maß genommen haben in der Absicht, vieles schließlich anders zu machen - statt abzukupfern ihren eigenen Stil zu finden und vor allem jegliche Nostalgie abzuschütteln. Einen Teil ihrer Inspiration holen sie sich offenbar auf Custom Bike Shows. Die Victory Hammer S wirkt wie ein mit etwas Hilfe von Jim Beam ersonnener Einzelbau, wenngleich sie ein Serienprodukt ist.

          Eine Walze von Hinterreifen

          Langgestreckt, niedrig und metallisch schwer, der mächtige Motor perfekt ins Blickfeld gerückt, knapper Kotflügel, Multi-LED-Rücklicht in der Form eines umgedrehten V, Rücksitzabdeckung, Geweihlenker, schwarzweiße Lackierung mit roten Zierstreifen und nicht zuletzt eine sehr erstaunliche Walze von Hinterreifen - das macht Eindruck. Der-250-Millimeter-Pneu wäre auch für Autoverhältnisse ein Breitreifen. 106 Cubic-Inch (1731 Kubikzentimeter) beträgt der Hubraum des V2. Es ist sicher kein Zufall, dass das eine Kleinigkeit mehr ist als im Fall der Harley-Big-Twins, dass sich der Zylinderwinkel (50 Grad statt 45) unterscheidet, dass mit Vierventiltechnik und obenliegenden Nockenwellen das formal modernere Konzept geboten wird. 66 kW (90 PS) bei 4900 Umdrehungen je Minute und 140 Newtonmeter Drehmoment aus zwei maßkruggroßen Verbrennungsräumen - das ist die Ansage aus Iowa.

          Angesichts des Showtalents der Hammer S fallen ein paar kleine Unstimmigkeiten umso mehr auf. Die Schalter am Lenker funktionieren gut, wie eigentlich alles, wirken aber klobig. Die Blinkleuchten sehen nach japanischer Großserie aus und müssten ausgetauscht werden. Das sieht der Hersteller genauso, er hat die übertrieben vorschriftsmäßigen Dinger so angebracht, dass sie schnell und rückstandsfrei abzuschrauben und gegen Hübscheres auszutauschen sind.

          Wer hier das Sagen hat

          Mit einem Asien-Cruiser wird man selten gefragt, wie sich das fährt, mit dieser Victory wird man ständig angesprochen. Dann gilt es, auf die Masse von rund 330 Kilo hinzuweisen, den endlos langen Radstand, den 250er-Gummi - Harley hat an der V-Rod nur einen 240er - und etwas auszuholen:

          Wenn eine Victory Hammer S nach Europa kommt und zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kurve sieht, ist sie äußerst verwundert. Sie überlegt, wie sie sich verhalten soll, und beschließt, sich zur Wehr zu setzen. Sie sträubt sich wie eine Katze gegen ein Vollbad. Das hat zur Folge, dass auch altbekannte Kurven zu neuen Herausforderungen werden. Die Walze will das Motorrad permanent aufrichten, gibt aber irgendwann nach - wie beim Rodeo muss man nur entschlossen genug das Gehörn packen. Wenn sich noch Spurrinnen oder Bodenwellen einmischen, stellt sich noch dringender die Frage, wer hier eigentlich das Sagen hat. Im Regen kommt einem die Victory vor wie ein Nilpferd auf Rollschuhen. Außerdem sammelt sich in der niedrigen Sitzkuhle das Wasser exakt dort, wo echte Männer ihren Schritt haben. Eine Wasserkühlung hat der Motor natürlich nicht, bei einem Original American Cruiser ist Luftkühlung Ehrensache. Die Japaner begreifen das einfach nicht.

          Ganz und gar nicht gewöhnlich

          Geradeaus fährt die Hammer S übrigens sensationell, und all das, was da eben beschrieben wurde, ist eigentlich kein Nachteil, sondern der besondere Reiz. Auf dieser Victory fühlt sich der Fahrer als Maschinist, braucht zwar keine Ölkanne und keine Schaufel, aber die Erfahrung, jederzeit zu erfassen, was zu tun ist, um diesen Klotz auf Kurs zu halten. Vor allem, wenn der Kurs keiner geraden Linie folgt. In engen Radien dauert es nicht lange, bis die Fußrasten auf dem Boden kratzen. Das Motorrad ist alles außer gewöhnlich, und der Maschinist wächst mit zunehmendem Genuss an der Aufgabe. Er lernt die Maschine lieben, nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Eigenwilligkeiten.

          Mit zwei Ausnahmen: Die Lastwechsel im Tempo des Stadtverkehrs, begleitet von Klonken und Klacken aus dem Antriebsstrang, sind mitunter unerfreulich harsch, ruckig. Das kann Harley-Davidson, um den Namen ein letztes Mal ins Spiel zu bringen, wesentlich besser. Auf Nachfrage hieß es bei Victory, das werde für den Jahrgang 2011 abgestellt. Dass es keinen Notstopp gibt, wenn der Maschinist aus Versehen mit ausgeklapptem Seitenständer losfährt, sollte nicht sein.

          Durchaus konkurrenzfähig

          Kupplung, Getriebe (Sechsgang mit Overdrive), Bremsen - keine Klagen. 193 km/h sind laut Zulassung drin, so weit haben wir es aber nie kommen lassen. Der Verbrauch lag bei 6 Liter auf 100 Kilometer, der Preis von 16 490 Euro ist durchaus konkurrenzfähig.

          Das Gleiten, auch das sanfte Schwingen in harmonischen Bögen in einer Wolke aus leichtem Blubbern und Pulsieren ist von schwer zu überbietender Erhabenheit. Wer zwischendurch die Muskeln, also das Drehmoment spielen lässt, erntet gewaltigen Schub schon bei 2000 bis 3000/min. 55 bis 65 Meilen in der Stunde - das ist ein schönes Tempo, auch weil das keinen Ärger mit dem Sheriff gibt. Schade nur, dass der Maschinist immer umrechnen muss, weil die Skala im hübsch-puristischen Cockpit die Einheit km/h benutzt.

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