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Große Autoatlanten : Mit dem spitzen Finger die Müritz umfahren

  • -Aktualisiert am

Schwergewichte: Der Große Generalatlas und der Große Falkatlas mit je über 1100 Seiten Bild: Pardey

Straßenatlanten mögen unhandlich sein. Überflüssig sind sie aber noch lange nicht, trotz des Preisverfalls bei Navigationssystemen. Mal ganz vom haptischen Erlebnis abgesehen, bieten die Folianten auch eine Übersicht, wie sie kein Display liefert.

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          „In 300 Metern rechts abbiegen“: Es ist natürlich ein bisschen spleenig, solch klare Lenkhilfe von der CD einer Lotsin vorzuziehen, die mit der Nase auf der Straßenkarte und in heftig blinzelnder Kurzsichtigkeit raunt: „Ich glaub', das war da eben doch der Abzweig nach Berlin.“ Aber wenn sie nun einmal die Stimme mit dem richtigen Timbre hat . . . Unter dem werbenden Trommelfeuer der Tomtoms und wie sie alle heißen, die von der Speicherkarte aus längst auch dem Fußgänger den Weg weisen wollen, möchte man meinen: Kein Mensch kommt mehr ohne so ein mobiles Navi aus. Muss man nicht zweifeln, dass man überhaupt noch eine auf Papier gedruckte Karte bekommt? Aber hat uns etwa der Computer wie versprochen das papierlose Büro beschert? Eben, eben. Und deshalb hat der Tankstellenshop mehr Karten im Regal als je. Und broschierte Autoatlanten gibt's von 8,95 Euro an mit der Approbation durch den ADAC bis zu diesen Folianten hier, bei denen das Wort „groß“ im Namen wahrlich nicht übertrieben ist.

          Kurz und summarisch: Der „Große Generalatlas“ aus dem Haus MairDumont (26,90 Euro) zeigt von Sønderborg bis Triest, von Luxemburg bis Prag, von Genf bis Wien das Straßennetz im Generalkarten-Maßstab 1:200.000. Dazu die deutschen Autobahnen in 1:600.000, deutsche Ballungsräume als „Zufahrtskarten“ in 1:75.000 und Citypläne im Maßstab 1:20.000 und hat noch Europareisekarten, europäische Citypläne, eine Fernfahrerkarte auf nur zwei Seiten von der dänischen Grenze bis zur Adria, dazu Ortsregister aller Landkarten und einen Serviceteil mit Entfernungstabelle, Informationen zu Alpenpässen und -tunneln und Schnickschnack wie Auto-Kennzeichen-Listen und Erste-Hilfe-Ratschläge. Macht zusammen 1122 Seiten und 2,5 Kilogramm. Wer braucht solch ein Trumm? Und: Wo steckt man es hin? Wer nutzt dieses Rundumangebot an Kartenmaterial? So viele Kurzentschlossene kann es doch wohl nicht geben, die mir nichts, dir nichts mal eben nach Padua düsen, kaum dass sie bei Almelo wieder eine deutsche Bundesautobahn unter die Pneus genommen haben. Nimmt man solch einen Schinken überhaupt mit, oder steht so ein Großatlas daheim im Bücherschrank?

          Ganz anderer Art der Übersicht

          Der „Große Falk Atlas“ (1140 Seiten, 19,90 Euro) ist wie ein Brevier ein wenig schlanker geschnitten, aber dadurch kaum handlicher (2,4 Kilogramm) geworden. Auch er verzeichnet jetzt die deutschen Autogas- und Erdgas-Tankstellen; auch er hat ein dickes Ortsregister und einen unterhaltsamen Serviceteil, der seine Qualitäten als Erbauungslektüre spätestens bei 32 Grad im Stau erweist: „Christian Danners Tipps: ESP auf Schnee“. Immerhin Falk bringt die unterschiedlichen Maßstäbe seines Kartenmaterials in ein System und nennt es, wie naheliegend, „Zoom“: Wie wir uns mit Google Earth aus Satellitenhöhe hinabstürzen auf die Gegend unseres Interesses, blättert man sich im Großen Falk Atlas von der Fernfahrerkarte im Maßstab 1:2 100.000 über die Autobahnkarte (1:600.000) zur Straßenkarte im Generalkarten-Maßstab und sich sozusagen weiter annähernd zu den „Durchfahrtsplänen“ der Ballungsgebiete (1:100.000) und zu den (Innen-)Stadtplänen mit Straßenregister (1:20.000).

          Rauxel Castrop? Und wo bitte ist Schwerin?

          Die verschiedenen Maßstäbe und stark unterschiedlichen Kartendarstellungen systematisch in Beziehung setzend macht der Falk Atlas, der genauso wie sein Konkurrent zum Überangebot tendiert, den Nutzen dieser Papiermassive deutlich: Sie schaffen in ganz anderer Art Übersicht, als es jede Bildschirmdarstellung vermöchte. (Die freilich den drucktechnisch kaum einzuholenden Vorzug hat, jederzeit Informationen ein- und ausblenden zu können.)

          Schiere Fläche im Atlanten

          Da muss noch ein Wort über die Displays der Mobilelektronik zur räumlichen Orientierung gesagt werden: Egal, wie stark man hinein- und wieder herauszoomen kann, Übersicht hat etwas mit der Größe der gleichzeitig überblickbaren Fläche zu tun. Und die ist bei der taschengängigen Elektronik stark eingeschränkt. Schlägt man einen dieser Atlanten auf, hat man hingegen eine schiere Fläche vor sich, die etwa der eines Bildschirms mit 19-Zoll-Diagonale entspricht. Je nach dem wünscht man sie sich wohl noch größer. Mehr Zusammenhänge überblicken zu können erscheint informativer als die ganze Rechnerei der Elektronik, von wegen zurückgelegter Strecke und noch verbleibende Fahrtzeit.

          Es hat einfach seinen eigenen Reiz, nicht nur am Steuer gesagt zu bekommen, wo es aktuell langgeht - so gern man sich von der elektronisch-unerbittlichen Stimme und der aufs Wesentliche reduzierten Piktogrammsprache des Bildschirms sicher ins Ziel bringen lässt. Aber schon lange vor der Tour oder auch in Erinnerung an die gerade zurückgelegte Strecke noch einmal die Konturen der Müritz mit dem Finger zu umfahren, das hat einfach was - und dafür muss es dann auch Papier, kann es kein Bildschirm sein. Und schließlich, bitte schön: Mit welchem Navigationssystem kann man denn am Reiseabend noch ein Glas Wein trinken, um die Stimme, die einen den ganzen Tag gelotst hat, schläfrig sagen zu hören: „Da, schau mal, wie lang und schmal der Plansee sich hinzieht . . .“

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